Jürgen Maria Kaiser – Burning Desire

Ist das Kunst oder kann das weg?

In den 1980er Jahren kam eine Form des minimalistischen Synthie-Pop auf, die zu speziell für New Wave, zu glatt für Punk, zu punkig für Avantgarde war. Diese Musik gehört irgendwie schon zum Synthpop und Electro, auch zum New Wave und NDW, aber doch auch irgendwie wieder nicht. Lange verschwand diese für meine Begriffe experimentelle Spielart von etwas, das ich in Ermangelung anderer Begriffe lautmalerisch als Ausdruckstanzsynthpop bezeichne, von meinem Radar. Bis heute. Jürgen Maria Kaiser – Burning Desire ruft mir dieses Genre wieder in Erinnerung.

Burning Desire ist wie ein Unfall im Tunnel auf der Gegenfahrbahn. Während Du im Stau stehst. Du kannst einfach nicht daran vorbei sehen. Dabei ist Burning Desire weder schön noch ist es gefällig. Ja, die Synthie-Läufe haben das Gefällige von Pop. Zumindest grundsätzlich. Das Spiel mit den Synthies ist bemerkenswert gut und passt problemlos zu fast jedem beliebigen Stück aus Wave oder Pop oder NDW. Aber das Album ist ein Golem. Er wurde aus verschiedenen Teilen zusammengekloppt und animiert. Einmal erfolgreich belebt, wurde er in eine Welt hinaus gestoßen, mit der er nicht umzugehen weiß, die überfordert.

Burning Desire

Diese Überforderung spiegelt sich in den Texten wieder. Mal nahe am undeutlichen Gemurmel, mal klar zu verstehen, dafür aber inhaltlich verworren, geht es in erster Linie um Liebe, Macht, Geld, Sex, Begierde und all das, was im Zusammenhang mit diesen Themen – frei nach Murphy – schief geht, weil es eben schief gehen kann. Burning Desire ist ein Kampf. Es ist ein Kampf des Künstlers mit sich selbst und dem Wunsch, sich auszudrücken. Das Album ist ein Kampf gegen die Materie, gegen die Schwierigkeiten, Gedanken auszudrücken, sie zu transportieren.

Daraus entsteht ein Gefühl der Einsamkeit. Burning Desire wirkt immer wieder wie der verzweifelte Versuch, sich irgendwie Gehör zu verschaffen ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie das denn am besten geht. Es erinnert an den Musiker in der Unterführung. Doch der Wille gehört zu werden, die Themen anzusprechen, Gedanken auszusprechen, egal ob irgendjemand ihnen folgen kann oder nicht, fasziniert. Es ist eben genau jene Art von Faszination, der die Frage folgt, ob das so Absicht war oder doch eher ein Unfall?

Jürgen Maria Kaiser gelingt etwas Bemerkenswertes: Irgendwann löst sich die Musik auf und man hört wirklich hin. Die Texte schälen sich aus ihrem Kokon und entwickeln ein Eigenleben. Chaotisch, wirr und doch gleichzeitig linear und stringent. Nach und nach kristallisiert sich die Gedankenwelt hinter den Texten aus den Songs und plötzlich wird sichtbar, dass hier allzu menschliches vorgetragen wird, in einer Form, der wenig mehr zugrunde liegt, als einfach nur der brennende Wunsch, sich auszudrücken, um so vielleicht um jemanden zu finden, der Antworten geben kann. Oder wenigstens jemanden, der dieselben Fragen hat.

Ja, Jürgen Maria Kaiser – Burning Desire ist sperrig, klobig, zum Teil unbeholfen und ganz weit weg vom Mainstream. Es ist genau die Art von Musik, die belächelt wird, weil sie eben nicht den typischen Hörgewohnheiten, dem Anspruch nach Perfektion, Cellophan und Harmonie oder ästhetisch perfekt konstruierter Dissonanz entspricht. Im Kern aber kann man Burning Desire als ein Kunstwerk verstehen. Selbst wenn das Album am Ende doch nur Komödie sein sollte, wird es dem Begriff „Kunst“ vielleicht eher gerecht, als viele hoch gelobten, nahezu perfekten Produktionen, die gerade diejenigen Genres dominieren, aus denen sich dieses Album bedient.

Jürgen Maria Kaiser – Burning Desire erscheint am 08.09.2017 bei Crossndawn Records

Offizielle Webseite des Musikers

Bandseite auf Facebook

Jürgen Maria Kaiser – Computerspiele

KEINE KOMMENTARE