Junksista – American Love Story OST

Es begab sich aber zu der Zeit…

Vor einigen Jahren entdeckte ich zufällig einen Song von Junksista auf einem Szene-Sampler. Es war der Beginn einer Liebe auf Distanz, denn bis heute habe ich es nicht geschafft, die Band auch nur ein einziges Mal live zu erleben. Was wohnen die auch so weit weg? Die Musik der Band aus Süddeutschland war mir sehr oft nah, immer wieder gab es Songs, die ich mal besser fand, mal nicht so, aber das geht Dir wahrscheinlich mit Deinen Lieblingsbands auch so.

Mich faszinierte immer das Respektlose an Junksista. Sei es in den Texten oder in der Musik, die sich gerne quer zu allen Konventionen aufstellte. Die Kreativität und Hartnäckigkeit, mit der die Band „ihr Ding“ macht, rang mir immer wieder Respekt ab. Seit Jahren liege ich immer wieder unzähligen Leuten mit der Band in den Ohren – exemplarisch sei das Weihnachtslied „Dirty Christmas“ genannt.

Für ihre doch etwas spezielle Art von Musik wird Junksista nicht von jedem geliebt. Mancher Szene-Anhänger giftete die Band dafür an, dass sie eben nicht die Musik machen wollte, die jene Szene für opportun hält und manch anderer hatte Schwierigkeiten, sich dem von Junksista ausgelebten Gefühl für den Zeitgeist anzufreunden, weil die Band manches eben doch genau so ausspricht, wie es nun mal ist, nur eben nicht von jedem gehört werden will.

Doch davon hat sich die Band gottseidank nicht beeindrucken lassen. Stattdessen fand sie anderswo eine treue Anhängerschaft, geriet bei vielen hierzulande in Vergessenheit – oder wurde einfach ignoriert. Die Alben und EPs kamen und gingen und plötzlich ist es vier Jahre her, seit meine Nachbarn und ich langanhaltende Freude an „You’re My Favorite Thing To Do“ hatten. Wie die Zeit doch vergeht.

Anders als die Anderen

Junksista Diana Boog American Love Story OSTEs war schon immer eine spezielle Mixtur aus elektronischer Musik und Rock, die Junksista spielen. Mainstream ist das ganz bestimmt nicht, aber es ist auch nicht das übliche Elektro-Rock-Zeugs. Die Musik ist eigenwillig und sperrig, obwohl die Elemente doch gar nicht so sehr „eigen“ sind. Es ist die Kombination, die aus vielen kleinen, für sich genommen vielleicht gar nicht so besonderen Puzzleteilchen, etwas zusammensetzt, das auf seine Art einzigartig ist, eben weil die Musik der Band in sich so gegensätzlich und unvorhersehbar ist.

Boog verblüfft mich immer wieder mit seinen bemerkenswerten Kompositionen und Kreationen, die den Spagat zwischen eingängig und tanzbar auf der einen und verspielt-avantgardistisch herausfordernd auf der anderen Seite schaffen. Diana wiederum hat ihre ganz eigen Art vorzutragen, was sie zu sagen hat: entrückt, einfühlsam, schmeichelnd, lockend und doch kühl, spröde und mit unglaublichem Sexappeal. Die daraus entstehende Mixtur entzieht sich gerne den üblichen Kategorien. Trotzdem sind Junksista nicht zwei Musiker, die nebeneinander her spielen, sondern deren Besonderheit es ist, das scheinbar Gegensätzliche zusammenzuführen.

2014 lag die letzte Scheibe der beiden bei mir auf dem Tisch und damals deuteten sich einige Veränderungen in der Musik an, die ich gut und spannend fand, die aber auch ganz eindeutig erst der Anfang einer größeren Entwicklung waren. Jetzt, gut zwei Jahre später, traut sich die Band, mir ihr am kommenden Wochenende erscheinendes Werk „American Love Story OST“ zuzustecken, wohl wissend, dass ich die Band wirklich mag, aber mit meinem Musikgeschmack doch manchmal etwas „speziell“ bin und mich gegenüber den Künstlern mit Kritik nicht immer zurückhalte – es ist kein leeres Gerede, dass hier auf Polyprisma nur rezensiert wird, was uns gefällt.

American Love Story OST

American Love Story OST ist ein Album, mit dem Junksista einen für die Band ungewohnten Weg einschlägt. Es ist ein Album, das auf Songs basiert, die die Band für den gleichnamigen Kurzfilm „American Love Story“ komponiert hat – in knapp sechs Stunden, die die Band dafür Zeit hatte. Der Kurzfilm von Timo Örge und Rachel Smart erschien im Oktober 2015 und erzielte einen respektablen zweiten Platz auf dem Bleedingham Filmfestival 2015. Es lag wohl letztendlich am Erfolg des Films und wahrscheinlich auch an den drängenden Nachfragen der Fans, die Junksista dazu bewegten, aus den für den Film komponierten Fragmenten ein eigenständiges Album zu machen.

Ein langer Weg

Junksista - You're My Favourite Thing To Do - Cover American Love Story OSTDie sich bei „You’re My Favorite Thing To Do“ bereits abzeichnenden Entwicklungsschritte der Band münden mit American Love Story OST in einem selbst für mich überraschenden Werk. Das gewohnte Spannungsfeld, das die Musik von Junksista seit jeher auszeichnet, zeigt seine animalische, elementare, archaische Seite in ganzer Pracht. Der Soundteppich hat eine so bei dieser Band noch nicht erlebte Tiefe, spielt mit Schattierungen und Andeutungen, die der Musik nicht einfach nur neue Nuancen verleihen, sondern sie „erwachsen“ klingen lassen, ohne das Verspielte, das beinahe kindlich Naive zu verlieren.

Bei American Love Story OST finden etliche auf vorangegangenen Alben angedeutete Experimente und ungezielte Spielereien plötzlich zueinander, entfalten eine ungeahnte Kraft, haben nicht mehr nur den Charme des ungewöhnlichen, sondern das Charisma einer selbstbewussten und erwachsenen Band, die sich einen Teufel darum schert, was „die anderen“ denken. Herausgekommen ist ein Album, das einerseits bemerkenswert modern und offen, gleichzeitig aber auch hinreißend auf die Band selbst fokussiert ist und dabei hemmungslos in allen Ecken und Nischen wildert.

Ein unverkennbarer Hang zum Spiel mit dem Feuer in der Tiefe, mit der Dunkelheit, ist mit den Songs verwoben, die mal liebenswert verspielt, beinahe naiv über ein Hochseil über einem endlosen Abgrund tanzen und dann unvermittelt das Ding dort unten zeigen, das nur darauf wartet, dass Du von eben diesem Seil herunter fällst. Die wuchtige und exzellente Dosierung von Einflüssen aus Rock, Electro und Industrial geben der Musik mal etwas Vitales, mal etwas Animalisches, mal etwas mechanisches, mal etwas kindlich Unschuldiges.

Diana Junksista American Love Story OSTDas Album American Love Story OST zeigt eine Band, die es geschafft hat, Fesseln und Zwänge hinter sich zu lassen, sich auszuprobieren, um dann ein Album abzuliefern, das – um ein zugegeben etwas arg strapaziertes Wort zu benutzen – ein Volltreffer ist: Es ist elektronisch, es rockt und es ist nicht einfach nur mit „etwas Junksista“ garniert, sondern es ist durch und durch Junksista. Auf Steroiden. Mit einem Hammer in der einen Hand. Einem großen, schweren, blutigen Hammer. Und einem kleinen Kuschelbärchen in der anderen.

Die Dichotomie von Boog und Diana erreicht auf American Love Story OST einen Höhepunkt. Die Band hat viele ihrer Ideen hervorragend umgesetzt, greift ältere Fassetten auf, kombiniert sie neu, ergänzt sie um genau dieses eine fehlende Stückchen, benutzt sie – und geht weiter. Jeder Song trägt Gene aus früheren Stücken in sich, doch die kreative Evolution der Band schmiedet daraus etwas, das so viel größer ist, als alles, was selbst ich von der Band bisher gehört und gesehen habe, so dass ich nicht anders kann, als einfach nur beeindruckt zu sein und den Hut zu ziehen und mich insgeheim zu fragen, was die Band wohl aus den bemerkenswerten Ansätzen machen wird, die sie auf diesem Album skizziert.

Junksista – American Love Story OST erscheint am 04.03.2016 bei Alfa Matrix

Offizielle Webseite von Junksista

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Junksista – Trust No Bitch (American Love Story OST / Mumukuba)

American Love Story (Horror Kurzfilm, 2015)

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