Klez.e – November

Eine andere Form von bedrückend

Acht Jahre nach Vom Feuer der Gaben veröffentlichten Klez.e Anfang des Jahres das Album Desintegration. Dem folgt jetzt das dazu gehörende Live-Album November. Die Aufnahmen zu November entstanden auf Konzerten in Berlin, München, Regensburg, Hamburg, Bremen und Weiden. Neben dem vollständigen Desintegration enthält es auch Songs von Vom Feuer der Gaben (2009) und Flimmern (2006).

Der Live-Mitschnitt fängt die Stimmung der Musik von Klez.e in einer im Studio nicht produzierbaren Atmosphäre ein. Das Gefühl von Verlorenheit, Zerbrechlichkeit wird noch eindringlicher transportiert und ist gleichzeitig auch näher dran. Das Trio, bestehend aus Tobias Siebert (Gesang, Gitarre, Bass), Daniel Moheit (Bass, Synthesizer, Orgel) und Filip Pampuch (Schlagzeug, Percussion) darf ohne Scheu und Skrupel als die natürlichen Erben von The Cure genannt werden. Es gibt kaum eine Band, der es so umfassend gelingt, die nass-kalte, neblig-dunkle Ästhetik so umfassend und definiert aufzugreifen und weiterzuentwickeln.

Obwohl es gerade in diesem Genre sehr ungewöhnlich ist und häufig sogar als störend empfunden wird, sind die Texte von Klez.e deutsch – und sie funktionieren hervorragend. Die Texte sind für Klez.e ungewohnt gesellschaftskritisch, befassen sich mit Nationalismus, Drohnen-Krieg, Staatsintrigen, Lobbyismus und stellen die Wert- und Moralvorstellungen insgesamt infrage. Über allem schwebt die Frage, was die Gesellschaft eigentlich zusammen hält und wo die Empathie für die anderen geblieben ist.

November

Klez.e November Review Credit Andre HabermannDie Texte sind extrem eindringlich und transportieren einerseits die Nostalgie des gerade mit The Cure populär gewordenen Post-Punk / Dark-Wave. Die Kompositionen würgen allerdings direkt jedes auch nur ansatzweise positive Empfinden, jede Romantisierung ab. Das Schlagzeug ist ermattend, beinahe schleppend, der Bass kommt selten über ein dunkles Grau hinaus. Die vorsichtigen Synthie-Akzente wirken reduziert, teils sogar aufgelöst, verloren. Dabei bewegen sich Klez.e bewusst auf den Spuren der frühen The Cure (Faith, 1981 / Pornography, 1982), entwickeln den Stil aber mit eigenen Mitteln weiter.

Klez.e fordern kein Mitleid oder Aufmerksamkeit. Dazu fehlt der Musik der Anspruch des Egozentrischen. Es ist eine vollkommen desolate Bestandsaufnahe, der nahezu vollständig jeglicher Ansatz von Hoffnung fehlt. Daraus entsteht eine Eindringlichkeit, der man sich nur schwer entziehen kann. Durch die Live-Atmosphäre trägt noch mehr dazu bei, durch die Hallräume das Gefühl von Einsamkeit, das Verloren sein, das Ausgeliefert sein zu betonen. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist unausweichlich, denn die Songs funktionieren kaum als Hintergrundberieselung. Zu eindringlich ist der Sog, den die Musik Klez.e ausübt.

Anders als im Studio

Bei November wurde sehr darauf geachtet, das Live-Spiel der Band in den Vordergrund zu stellen. Die Konzertatmosphäre zeigt einige Unterschiede zu den Studioaufnahmen, aber die Publikumsanteile wurden auf ein Minimum reduziert. Gerade hier zeigt sich die Klasse der Band, die es hervorragend versteht, auch im großen Rahmen das Gefühl der Alben aufzubauen und durchzuhalten, Emotionen auf den Punkt zu definieren und zu transportieren. November ist der Beweis dafür, dass Post-Punk und Dark Wave auch mit deutschen Texten Live funktionieren. Das Gefühl von erdrückender Ohnmacht breitet sich wellenförmig aus, ist raumgreifend. Die immer wieder aufkommenden Dissonanzen unterstreichen das Gefühl von Kälte und Dislozierung, das durch die Live-Atmosphäre noch potenziert wird. November ist ein Live-Album, das nicht versucht, durch angenehme Melancholie mitzunehmen, sondern mit der Kälte des Abgrunds real gewordener Depression konfrontiert und Fragen stellt, ohne sie zu beantworten, vielleicht auch, weil es keine Antworten gibt.

Klez.e – November erscheint am 10.11.2017 bei Staatsakt / Universal Music

Offizielle Website der Band

Bandseite auf Facebook

Klez.e Tourdaten 2017

28.11. Berlin, LIDO
30.11. Leipzig, UT CONNEWITZ
01.12. Dresden, BEATPOL
05.12. Reutlingen, FRANZK
06.12. Frankfurt, das BETT
07.12. Köln, GEBÄUDE 9
08.12. Bremen, LILA EULE
09.12. Rudolstadt, SAALGÄRTEN
14.12. Hamburg, HAFENKLANG
15.12. Rostock, ZWISCHENBAU

Klez.e – Raupe

(Foto Credit Andre Habermann)

KEINE KOMMENTARE