Frei.Wild am 7.04.2016 in der Nordseehalle Emden

Frei.Wild.

Schon im Vorfeld war klar, das wird kein herkömmlicher, kein normaler Konzertbesuch, Frei.Wild sind anders. Stark umstritten, extrem polarisierend, oft bitter kritisiert, oft über den Klee gelobt. Von „die sind doch rechts!“ bis „das beste seit geschnitten Brot!“ (meistens mit etwas anderen Ausdrücken als hier wiedergegeben) reicht das Spektrum der Resonanz. Deswegen haben wir von Polyprisma uns auch schon im Vorfeld informiert, viel gelesen, Meinungen gehört. Auch in unserem Bekanntenkreis polarisiert diese Südtiroler Gruppe. Das geht soweit, dass wir sogar davor gewarnt wurden, über diese Band zu berichten.

Eine Sache wird uns schnell klar: Wer Frei.Wild pauschal als „rechts“ abtut, macht es sich zu einfach. Viel zu einfach sogar. Dasselbe gilt aber auch für die, die Frei.Wild pauschal von diesem Vorwurf freisprechen und sagen, die Band habe gar nichts mit rechtem Gedankengut zu tun. Die Wahrheit liegt – wie so oft – wahrscheinlich irgendwo dazwischen, und ist – auch wie so oft – eher als Grauton, denn als Schwarz-Weiß-Bild zu betrachten – zumindest nach unserer Ansicht.

Vielleicht erst einmal zu den Eckdaten, falls irgendjemand die – selbst jetzt – noch nicht kennt: Das Quartett Frei.Wild wurde 2001 in Südtirol, Italien gegründet und singt ausschließlich deutschsprachige Texte. Unter anderem, weil es in vielen ihrer Songtexte auch um Heimatliebe und Nationalverbundenheit (zu Südtirol) geht, wurden und werden sie leicht und gerne in die politisch rechte Ecke gedrängt – was Frei.Wild wiederholt dementiert hat, aber auch nutzt, um ein „Wir gegen alle!“-Image aufzubauen und zu pflegen. Passend dazu – und geschuldet dem gewaltigem Verkaufserfolg der Frei.Wild-Tonträger – kam es seit 2013 zu einem jahrelangen Hin und Her rund um die Auszeichnung „Echo“ der Deutschen Phono-Akademie.

Echo Frei.Wild / Bildquelle: FB/Phillip Burger
Quelle: Philipp Burger

Frei.Wild, Echo und so

Durch die Verkaufszahlen für einen Echo nominiert, wurde Frei.Wild 2013 nach lauten öffentlichen Protesten und Boykott-Drohungen mehrerer anderer Künstler wieder ausgeladen. Auch 2014 und 2015 rechtfertigen die Verkaufszahlen eine Echo-Nominierung – doch sagte die Band medienwirksam ab: Man bestehe auf einer Entschuldigung der Verantwortlichen. 2016 wurde Frei.Wild erneut für einen Echo nominiert und dieses Mal lehnte die Band nicht ab. Die Echo-Verleihung 2016 fand genau am Abend dieses Konzertes statt, am 7.04.2016.

Echos von Interviews

Obwohl der uns für diesen Abend zugesagte Interview-Termin wegen der Verleihung des Echos kurzfristig von Frei.Wild abgesagt wurde, waren wir überpünktlich in Emden. Zum einen waren mehrere Prostest-Veranstaltungen angesagt, die uns Verspätungen befürchten ließen, zum anderen waren wir nicht sicher, ob die Halle den Besucherzahlen gewachsen sein würde. An dieser Stelle ein Lob: Kartenausgabe, Kommunikation, Abfertigung und Sicherheit an der Halle waren klasse realisiert und es funktionierte nicht nur reibungslos, sondern auch noch freundlich und entspannt. Okay, später gab es einmal Probleme, aber auch die wurden gelöst.

Kurz vor zwanzig Uhr ging es in die Halle und ich gebe zu, meine ersten Blicke galten dem Publikum. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet habe, vielleicht einen größeren Block Leute in Nylonjacken mit Haarwuchsproblemen… Aber was auch immer ich erwartet hatte: Es war nicht da. Klar. Einige Gestalten waren eher… ich sage mal höflich „wenig vertrauenerweckend“. Aber im Ernst, die sehe ich auch bei fast jedem Gang durch den nächsten Supermarkt. Ja, es waren auch einige Tattoos zu sehen, die an demokratischer Gesinnung der Träger(innen) zumindest zweifeln lassen – aber eben nicht en bloc. Tatsächlich hat mich der Anteil an sehr jungen Fans erstaunt und auch der Anteil an Mädchen und Frauen – und ganz besonders der Anteil Punks.

Vorspiel(e)

Die Stimmung ist grade vor und zu Beginn des Konzerts ausgelassen und fröhlich, kein Stück aggressiv. Und das, obwohl schon jetzt, vor dem ersten Ton der ersten Vorband, geschweige denn dem Hauptakt, erste alkoholbedingte Ausfälle zu verzeichnen sind. Verblüffend ist das vertretene Merchandise. Über zwei Drittel der anwesenden Gäste tragen Shirts, Jacken, Sweater der Band. Mein Respekt vor dem Marketing der Gruppe steigt sprunghaft an. Gegen 20:20 startet die erste Vorband Spitfire – die wir leider komplett verpassen, weil genau hier das oben angedeutete Kommunikationsproblem auftrat. Da war uns die Möglichkeit, euch die Bilder unten zu zeigen, doch wichtiger, als dem Rock auf der Bühne zu folgen.

Frei.Wild Emden - VorbandsDanach wird eine Leinwand herabgefahren – nicht unbedingt das, was man auf einem Konzert erwartet, aber der Sinn wird auch gleich erklärt. Die Echo-Verleihung sollte auch den anwesenden Fans der Gruppe gezeigt werden. Vorher gibt es aber noch eine kurze Präsentation aus Sicht der Band zur Vorgeschichte des Echos. Vor malerischer (Südtiroler?) Kulisse erklärt die Band, wie sie missverstanden worden sind und wie übel doch der Echo und die Jury aus ihrer Sicht sind.

Methoden

Immer wieder beschwört Frei.Wild das Credo: Wir gegen alle – und ihr (also die Fans) seid Familie. Das viertelstündige Video wird von den Fans in der Nordseehalle Emden begeistert aufgenommen. Die Konzertbesucher singen jeden Musikausschnitt mit, skandieren immer wieder lautstark „Frei-Wild!“, bevor eine Aufzeichnung der Preisverleihung präsentiert wird, natürlich inklusive des mittlerweile heiß diskutiertem Mittelfingers von Philipp Burger und natürlich mit lautstarker moralischer Unterstützung durch die fast 4000 anwesenden Gäste.

Die zweite Vorband stammt aus Südtirol und sie treten sogar mit Trachtenhosen auf. „Vollbluet“ heißt die die Combo und sie startet mit einer rockigen Cover-Version von „Skandal im Sperrbezirk“ – ein durchaus gelungener Auftakt. Auch die Stücke danach sind Cover, die aufgerockt dargeboten werden. Mich hat dabei vor allem gewundert, wie textsicher die Gäste quer durch alle gecoverten Schlager waren. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Gegen Ende streckte sich der Auftritt von Vollbluet ziemlich. Wie auch schon bei der Video-Präsentation fiel auch hier ein wenig auf, dass Zeit geschunden werden musste, damit die Band den Weg von Berlin nach Emden schaffen konnte. Aber das muss man der Band lassen: Mit einer Cessna mal eben von Berlin nach Emden zu fliegen, würde sicher nicht jede Band auf sich nehmen, nur um zu einem Konzert zu kommen.

Und dann rocken sie los…

Frei.Wild Emden am 7.04.16 Entsprechend streckte sich nach Vollbluet die Umbauphase auch etwas, wobei tatsächlich fast nur das Equipment vor dem riesigen Frei.Wild-Banner entfernt wurde. Und wieder verblüfft mich die Stimmung in der Halle. Das Publikum war durch die Bank weg entspannt und wartete überraschend geduldig auf „ihre“ Band, bis kurz nach Elf.

Dann stürmt Frei.Wild die Bühne – eigentlich sehr unspektakulär. Einfach im Laufschritt auf die Bühne, ihre Echo-Preise im Arm, ohne Blitz, Donner, Dunkelheit oder ominöse Orgelklänge. Einfach so rauf auf die bis auf ein paar Mikrofonständer leere Bühne. Eine kurze Ansprache von Frontmann Philipp Burger und schon legt das Quartett aus Norditalien mit „Wir reiten in den Untergang“ los. Den Showeffekt liefert die Band nach, als das Banner fällt und das Schlagzeug enthüllt. Es gibt zwar grade zu Beginn des Konzertes ein paar kleinere technische Probleme, aber unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Band nicht einmal einen Soundcheck hatte, war das okay.

Ich gebe zu, dass ich erwartet hatte, die Band ginge das Ganze ruhig an, gäbe sich nicht das volle Programm, streiche vielleicht ein paar Stücke. Nach einem langen Tag und einer stressigen Anreise hätte sogar ich als Nicht-Fan das verstanden. Aber keine Spur! Man kann zur Musik und zum Umfeld von Frei.Wild stehen, wie man will, aber auf der Bühne zeigen sie ganz großes Kino und beziehen ihre Gäste, ihre Fans mit ins Konzert ein, das immer wieder durchsetzt ist von kurzen Ansprachen, zum Teil auch Zwiesprachen von Philipp mit den Gästen.

Frei.Wild Emden

Anders als – gefühlt – alle anderen Gäste kenne ich nicht jedes Lied auswendig, achte deswegen vielleicht auch auf andere Sachen. Mir fällt die gute Zusammenstellung und Reihenfolge der Songs auf, schnelle Stücke unterbrochen von langsameren, um Luft zu holen, durchzuatmen. Pausen, die auch die Fans genauso sehr brauchen wie die Band. Trotzdem werden aus den vorderen Reihen am laufenden Band Leute in den Graben vor der Bühne gezogen und direkt den anwesenden Sanitätern zugeführt. Die Stagehands und Security haben einen arbeitsamen Abend. Immer wieder höre, sehe, fühle ich die Abgrenzung „wir“ gegen „die“. Dieses Feeling wird zelebriert – auf der Bühne und davor: Gemeinsam gegen den Rest der Welt.

Frei.Wild Emden am 7.04.16 Frei.Wild rocken sich durch siebzehn (17!) Songs und sind sich nicht zu schade dazu, die „Echo-Aftershow-Party“ mit drei Zugaben zu garnieren. Den Abschluss bildet „Sieger stehen da auf, wo Verlierer liegen bleiben“ nach deutlich über zwei Stunden Konzert. Wirklich und ganz ehrlich Hut ab vor dieser Leistung, von der Fähigkeit, das Publikum zu begeistern und mitzureißen. In den Songtexten geht es immer wieder um Konflikte, um Probleme, um das Aufeinandertreffen mit Anderen. Sei es in einer – unglücklichen – Liebesbeziehung in „Weil du mich nur verarscht hast“ oder das Kämpfen gegen Vorurteile in „Land der Vollidioten“, in derbe Sprache und Philipps raue Stimme verpackt, von jedem nachzuvollziehen. Alltägliche Probleme, verpackt in eingängige, gut gemachte, aber nicht allzu anspruchsvolle Rockmusik. Ob, wie weit man diese Konflikte als Zeichen für „rechte Musik“ verstehen will, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Ein Resumee

Bin ich zum Frei.Wild-Fan bekehrt? Nein, bin ich nicht. Bei aller Bewunderung für die Show, für das gekonnte Aufrechthalten des Böse-Buben-Images: Es ist nicht meine Musik. Auch wenn ich – wie eingangs erwähnt – nicht finde, dass Frei.Wild eine „rechte“ Band in dem Sinne ist, liebäugelt da jemand doch ganz klar auch mit dem rechten Spektrum, wenn er von der Bühne herab alle Kritiker über einen Kamm schert und sie pauschal als „Gutmenschen“ bezeichnet. Wobei auch erwähnt werden sollte, dass es eine bemerkenswert große Anzahl von Punks bei dem Konzert gab. Weit mehr, als ich bei der angekündigten „Gegendemonstranten“ vor der Halle gesehen habe.

Es war ein interessanter, ein lehrreicher Konzertabend: Frei.Wild Emden, von einer – und das muss ich einfach bestätigen – der wahrscheinlich aufregendsten deutschsprachigen Rockbands, wobei die Aufregung an sich und die Ursache dafür sicherlich von Person zu Person wechseln.

Webseite von Frei.Wild (Facebook)

Frei.Wild - Vorbands Frei.Wild-2016-04-07-Emden-24 Frei.Wild am 7.04.16 in Emden Frei.Wild am 7.04.16 in Emden

Echo-Verleihung

Frei.Wild Arschtritt

1 KOMMENTAR

  1. Wenn ich gehässig wäre, könnte ich sagen: Das mehr Punks in der Halle als bei der Gegendemo vor der Halle waren ist eher ein Armutszeugniss für die hiesige Punkszene. Zugegebenermaßen kann ich aber auch mit Frei.Wild so gar nichts anfangen, weder musikalisch noch politisch.

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