KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer – Mehr als eine Kompilation

Omen. Manchmal, nicht immer, aber manchmal, sollte man drauf achten. Als die KrawallBrüder-CD bei mir ankam, wollte ich sofort diese Hülle abreißen. Ihr wisst, wie hartnäckig die sind… ich hab also erst mal auf die neue CD geblutet. Wenn das mal kein Omen ist für die Scheibe KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer.

Dieses Jahr feiert die Band ihr zweiundzwanzigjähriges Bestehen. Und bringt kein „Bestof“-Album heraus. Und auch kein Live-Album. Nichtmal ein Photo der nackten Hintern des Quartettes. Statt dessen erscheint mit KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer ein Album, in dem die Band um Pascal Gaspard viele ihrer wegweisenden Tracks neu eingespielt haben – und dazu eine handvoll, also fünf, komplett neue Songs vorstellen. Je nach Ausgabe gibt es so insgesamt zwischen 15 und 28 Stücke auf ein oder zwei CDs oder auf einer Sammlung aus drei Vinylscheiben.

Ich will ganz ehrlich mit euch sein. Die Rezension von KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer ist für mich nicht einfach. Seit früher Jugend habe ich Probleme mit bestimmten Bereichen von Musik, die landläufig gern als „Rechtsrock“ bezeichnet werden. Und machen wir uns nichts vor: Die KrawallBrüder spielen Oi!. Eine Stilrichtung, die auch bei vielen rechten und rechtsextremen Bands verwendet wird. Und da knallt mir dann aus meinen Boxen Musik entgegen, Pascals raue Stimme, harte Texte, die mit Gewalt liebäugeln:

Purer Hass ist meine Zier Antipathie mein fester Wert
Und hälst Du mir die Wange zweimal hin
Dann bist Du bei mir verkehrt.

Bäm.

krawallbrueder 2016 PlakatDa muss ich erst mal schlucken, ja. Muss mir wieder ins Gedächtnis rufen, dass Oi! zwar oft von rechten Bands genutzt wird, aber an sich nicht politisch rechts oder links steht. Oder, wie mir mal ein kluger Mensch gesagt hat: „Es gibt keine Nazi-Musik. Aber es gibt Nazi-Texte.“ Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass die KrawallBrüder offenbar nicht nur für Vereine zur Hilfe von Kindern spenden, sondern auch für Opfer rechter Gewalt. Mache mich schlau über so Begriffe wie „Grauzone“ und wieder und wieder über Oi!. Herkunft, Ausrichtung, Protestbewegung, Rechtsoffenheit, Oi!-Punk versus Oi!-Skin, Skinhead generell…

Ich beschließe, noch mal neu anzufangen. Lege die CD wieder in den Player, drehe die Anlage laut, greife das Booklet. Und lasse die Musik auf mich wirken, nicht vorurteilsfrei, aber jetzt doch mit ein wenig Wissen gewappnet. Komm schon, KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer, wir versuchen das jetzt noch mal miteinander.

Und das erste, was mir auffällt, ist Wut. Ein Zorn, der sich durchs Album zieht, der mal mehr, mal weniger in der Musik, in den Lyrics mitschwingt. Wut über den Ausverkauf der sogenannten „neuen Bundesländer“, Wut über verlorene Liebe, über Klassifizierungen. Dazu Bekenntnisse zum Skin sein, ohne dass sich die KrawallBrüder rechts nennen lassen wollen. Manchmal traurig, manchmal aggressiv, manchmal voller Stolz – auf „den Osten“, auf Freunde und auf sich selbst. Und immer wieder Zorn.

Ich verstehe, wieso diese Musik so begeistern kann. Egal ob rechts, ob links – hier finden sich viele Leute in Wut, in Zorn, in ihrem Gefühl der Ungerechtigkeit wieder. Und die Musik ist klasse – sie reißt mit. Sie powert durch die Adern, abwechselnd hab ich Lust, aufzuspringen, um mir n Bier zu holen (was ich dann irgendwann auch tue…) und einfach aufzuspringen und mitzusingen – scheiß doch drauf, ob ich den Text kann oder nicht. Diese Art von Mitreißen. Ihr wisst schon.

KrawallBrüder KneipentourUnd doch. Immer wieder sind da auch Textpassagen, an denen ich schlucken muss. Wo ich manchmal das Lied neu starten muss, genauer hinhören. Wo die beschworenen, besungenen Bilder mir eine Gänsehaut auf den Rücken bringen – wenn die KrawallBrüder davon singen, jemandem etwas auf die Stirn zu brennen, dann beschwört das unschöne Erinnerungen an die deutsche Geschichte. Und ich steh da und frag mich „Muss das?“

Und dann erinnere ich mich, was ich neulich bei der Gruppe Ost+Front geschrieben habe. Dass Provokation durchaus auch zum Handwerk gehört. Dass eine Band durchaus auch Sachen singen darf, die man außerhalb eines künstlerischen Settings bitte nicht sagt. Wieso lege ich hier andere Werte an? Vielleicht, weil sich im Moment so viele Leute auf diese Thesen berufen. Aber das kann, das darf für die Scheibe KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer nicht in anderen Maßstäben resultieren – ob man das hören möchte, liegt immer noch bei einem selbst.

Ja, das Album provoziert. Aber auf der anderen Seite ist es auch geil. Welchen Weg man dazwischen wählt, muss jeder für sich selbst herausfinden. Und im Zweifelsfall vielleicht einfach mal Musik voller Energie, voller Power genießen und die Kraft, die da drin steckt, durch den Körper pulsieren lassen.

KrawallBrüder – Heute – Morgen – Für Immer erscheint am 22.01.2016 bei KB Records (Soulfood)

Webseite der Band: krawallbrueder.com/
KrawallBrüder bei Facebook

Termine, Kneipenkonzerte:

21.1. Saarlouis, 7. Himmel – ab 18 Uhr
22.1. Frankfurt, Speak Easy – ab 15 Uhr
22.1. Öhringen, Rocks – ab 20 Uhr
23.1. Nürnberg, Brown Sugar Micha’s Little Rock – ab 18 Uhr – ÄNDERUNG
24.1. Erfurt, Club From Hell – ab 16 Uhr
25.1. Leipzig, Hellraiser – ab 18 Uhr
26.1. Hamburg, Tankstelle – ab 18 Uhr
27.1. Hannover, Rocker – ab 16 Uhr
21.1. Essen, Donnerwetter – ab21 Uhr

Termine, reguläre Tour:

18.03. Dresden – Strasse E
19.03. Oberhausen – Turbinenhalle
25.03. Berlin – Huxleys
26.03. Hamburg – Grosse Freiheit
01.04. Gunzendorf – Live
02.04. Kornwestheim – Das K
03.04. Frankfurt – Batschkapp
08.04. Erfurt – Alte Parteischule
09.04. Köln – Essigfabrik
15.04. Leipzig – Hellraiser
16.04. Saarbrücken – E-Werk
22.04. München – Backstage
23.04. Chemnitz – Messe 2

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