L’Anima – Departures

Spanien trifft auf England und es wurde Prog

Vor ganz vielen Jahren hatte ich ein musikalisches Intermezzo mit dem Album Cultura einer Band namens Breed77. Die Musik gefiel mir richtig gut, aber irgendwie verlor ich die Band trotzdem wieder aus den Augen. Als ich jetzt den Namen Pedro Caparros Lopez las, klingelte es irgendwo bei mir. Und tatsächlich: Er ist der Gitarrist jener Band. Zusammen mit Andy Mitchel von den Yardbirds hat er in London L’anima aus der Taufe gehoben und die beglücken mich mit ihrem Debütalbum Departures.

Viel im Progressive Rock baut auf Tasteninstrumenten auf und die Gitarrenarbeit ist meistens „typisch“. Umso mehr erstaunt bin ich, dass L’Anima – Departures weitestgehend ohne Tastengedängel auskommt. Das alleine stellt schon ganz andere, ungewohnte Herausforderungen an diese Musik. Gleichzeitig eröffnet es aber auch neue Möglichkeiten. Diese wiederum verstehen die Jungs von L’Anima hervorragend zu nutzen.

L’Anima

Im Kern sind L’Anima Andy Mitchell (Gesang), Pedro Caparros Lopez (Gitarre, Gesang), Luca Forlani (Bass), Mauro Paderni (Gitarre, Oud, Gesang) und Iban Sanz (Schlagzeug). Für ihr Debüt haben sie sich ein paar Gastmusiker dazu geholt: Sergio Ramos Cebrian (Schlagzeug), David Vaughn (Klavier), Pedro Fuentes Barranco (Tenor), Guillem Grimalt Gornals (Tenor), Andreu Parra Osuna (Gitarre), Maribel Literas Flaquer (Gitarre), Oscar Preciado (Perkussion) und den Chor Coral 4 De Cors. Mit dem Aufgebot hochkarätiger Musiker kann man schon mal was anstellen.

Die Band sammelt bei mir direkt alles an Bonuspunkten ein. Nicht nur, dass sie von Anfang an unter Beweis stellt, dass die Gäste nicht nur zum Überdecken eigener Unzulänglichkeiten dabei sind, sondern als echte Ergänzung und Bereicherung. Die Band spielt angenehm unkonventionell und frisch los. Es fehlt völlig das oft muffige, staubige Standardgetüdel, mit dem im Prog oft so nachdrücklich und irgendwie unentschlossen herumhantiert wird. Stattdessen spielen die Gitarren sich sauber gegenseitig zu. Die Musiker entwickeln eigene Linien, führen ein mal mehr, mal weniger freigestelltes Eigenleben und verlassen immer wieder die gewohnte akustische Sicherheit des anglo-amerikanischen Klangbilds.

Departures

Die spanischen Einflüsse überraschen. Nicht nur, weil sie so unerwartet sind, sondern gerade weil sie so großartig passen. L’Anima spielt phänomenal abwechslungsreich. Die Songs winden sich in immer wieder wechselnden Entwicklungen und Interpretationen an ihrem Thema entlang. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der immer wieder verblüffenden Weitläufigkeit der Musik entsteht immer wieder der Eindruck, die Band würde sich permanent darin Abwechseln, einen anderen Solokünstler zu begleiten. Der Effekt ist sagenhaft.

Departures ist ein großartiges Album mit hochkarätiger Musik, die völlig zu Recht das Etikett „Progressive“ trägt. Die Musiker entwickeln Musik, erarbeiten Möglichkeiten, dehnen, strecken das Spiel bis an den Rand des Machbaren und bleiben doch permanent konsistent und ein unverkennbares Ganzes. Selbst anscheinend völlig aus dem Ruder laufende Strukturen fügen sich urplötzlich in wieder das Gesamtgefüge ein und ergeben Sinn, weil ihr Thema von anderer Seite wieder aufgegriffen und anders gedacht wird.

Dicke Bretter bohren

Ja, Departures ist nichts für Anfänger. Es ist eine Kombination aus Rock, Jazz, Blues, Flamenco, Metal und Retro. Gebündelt wird dieser Strauß in einer teils verblüffend fetzigen Umsetzung furios gespielter Dynamiken und Ideen, die manchem einiges Kopfzerbrechen bereiten dürften. L’Anima ist ordentlich großes Tennis. Was diese Kapelle als Debüt hingelegt hat, haben manch andere Prog-Größen auf dem Höhepunkt ihres Schaffens so nicht gerissen bekommen.

Die Brüche und Stilwechsel sind immer wieder frappierend und erfrischend. Die satt und kraftvoll aufgenommen Schlagzeuge und Bässe liefern ein bockstarkes Fundament, auf dem sich die übrigen Musiker austoben. Der Sänger leistet angesichts der Herausforderungen, vor die er durch die übrigen Musiker gestellt wird, mindestens Beeindruckendes. Das Tempo ist angenehm zügig, nie gehetzt. Die Musik wirkt nie erzwungen, die Songs sind angenehm frisch und jeder auf seine Art anders.

Wow-Faktor

Das Bündeln der verschiedenen Stilrichtungen ist bombastisch gelungen und ein traumhaftes Feuerwerk musikalischer Ausdruckskraft. Jeder Song hat seinen ganz speziellen „Alter was geil!“-Moment, aber zum Ende des Albums hin nimmt das Niveau auch noch zu! Hold Out alleine wäre schon genug Grund das Album im Schrank zu haben. Aber dann kommen My Bloody Silhouette, The Sound Of Waves und The Elephant Cemetary und jeder einzelne Song räumt einfach alles weg…

Ja, ich bin begeistert. L’Anima ist ein ganz großes Album. Es ist ein – sagte ich es schon? – Debütalbum. Wenn die Jungs mit sowas anfangen, was liefern die dann erst ab, wenn die richtig warm geworden sind? Da müssen sich einige dann aber echt warm anziehen.

L’Anima – Departures erscheint am 25.08.2017 bei L’Anima Rec. / Just For Kicks

Offizielle Webseite von L’Anima

Bandseite bei Facebook

L’ANIMA – Point of No Return (Official Video)

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