Leftfield – Alternative Light Source

Leise und erwartungsvoll sirrt das Blech über den Endstufen. Ein zartes Knistern kündet von den aufmerksam auf Signale harrenden Wandlern. Zögernd, beinahe heimlich bringen sich die Subwoofer in Form, erinnern die Hochtöner an ihren Job. Gespannte Stille. Kraftvoll, mit ultimativer Entschlossenheit, drücke ich Play. Ein kaum hörbares Zischen, der Player dreht die Scheibe hoch und endlich: Sanft entladen sich die Elkos, geben den Endstufen den lang erwarteten Schwung. Es wird Tag.

Mit mindestens 284 dB/a entlädt sich multifrequent die geballte Schwungkraft elektronischer Kreativität, zeigt den Nachbarn, wo der Frosch die Locken hat. Kurz vor fünf Uhr morgens gibt das mechanische Getriebe der Wanduhr seinen Widerstand gegen die Kräfte treibender Bassmembranen auf. Irgendwo zwischen dem Erreichen der unteren Resonanzfrequenz von Stahlbeton und der Desintegration von Tapetenkleister branden feinste Synthesizer Sounds durch die bis gerade noch verschlafene Nachbarschaft. Ganze Vogelschwärme kippen verstört aus ekstatisch zitternden Bäumen.

Niederfrequenten Erdbeben der Stufe 4 gleich, vibrieren ganze Häuserblocks, wummern Schrankwände fröhlich durch ihre Wohnzimmer tänzelnd im Takt. Wenn ich könnte, ich würde noch mehr aus den Amps herausholen, aber leider geht das nicht. Die Eloxierung der Kühlkörper wirft bereits Blasen. Die Subs beatmen die Wohnung im wohligen Takt, dirigiert von Leftfield, während meine Nachbarschaft erleichtert feststellt, dass weder Panzer vor der Tür stehen noch Transporthubschrauber vom Format eines CH53-G oder größer vor dem Fenster schweben.

Ich bin im Himmel. Universal Everything entlädt sich orgasmusgleich und treibt im Umkreis von mindestens sechs Straßenzügen jeglichen Staub in sorgfältig abgezirkelten Schockwellen vor sich her. Kaskaden traumgleicher Voicesamples stoppen den ausrückenden Katastrophenschutz und lässt Seelsorger an die zweite Ankunft irgendeines Heilands glauben. Paradiesischer Frieden breitet sich um mich und meine Anlage herum aus, deren mittlere Betriebstemperatur jetzt knapp unterhalb des Siedepunktes von Natrium rangiert, als Storm’s End mich verzweifelt am Lautstärkeregler zerren lässt.

Zeit wird irrelevant. Um mich herum ist nur noch Sound. Frequenzen erkenne ich an den pulsierenden Farben im Auge, die Nasenflügel kommen schon lange nicht mehr mit. Das Album wird seinem Namen gerecht, die Musik wird zu einer „Alternative Light Source“. Wundervoll.

Die sich nach dem Ende des Albums ausbreitende Stille ist beinahe anklagend schmerzhaft. Es ist die Art von Stille, die einen Verlust betont, das Ende von etwas Wundervollem. Suchend tastet eine Hand durch den Schutt, der einst ein Wohnzimmer, vielleicht auch eine Wohnung gewesen sein mag, berührt das kantige, abgegriffene Plastik einer Fernbedienung. Ein leises sirren füllt den Raum. Fiebrig gleiten Finger am Plastik entlang, erspüren die Form der Tasten, suchen, zögern, verharren.

Kraftvoll, mit ultimativer Entschlossenheit, drücke ich Play…

Leftfield – Alternative Light Source ist erschienen am 05.06.2015 bei Infectious Music UK/BMG/Pias (rough trade)

Webseite der Band: http://www.leftfieldmusic.com/

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