Lesoir – Latitude

Rock ist nicht gleich Rock

Fast immer, wenn es um Rock geht, stehen harte Riffs, treibende Beats und eine überwiegend maskuline Ausstrahlung im Vordergrund. So häufig, dass es als beinahe gottgegebene Gesetzmäßigkeit gilt. Auch deshalb wird Rock immer wieder als Musik weißer Männer mittleren Alters kritisiert, die sich überwiegend am US-amerikanischen Markt und dessen Strömungen orientieren. Es sind Bands wie Lesoir, die das Gegenteil beweisen. Mit Latitude wagt die Band einen anderen Blick auf den Rock.

Den Rahmen zu Lesoir – Latitude bilden fantasievolle Melodien, die automatisch Bilder im Kopf entstehen lassen. Diese Bilder sind abwechslungsreich und dynamisch, stark an Kontrasten und reich an Energie. Die Band setzt auf komplexen Rock, der sich mal mehr auf den Artrock, mal eher auf den Richtung Progressive Rock zubewegt. Das Ungewöhnliche an Lesoir – Latitude ist, dass die Band sich auf die Wirkung weiblicher Stimmen und eine dominierend feminine Erzählweise konzentriert.

Latitude

Was zunächst nach einem unauflösbaren Widerspruch klingt, entpuppt sich als über weite Streckend bezaubernd verpackte musikalische Erzählung. Die Stimmen von Maartje Meessen und Eleen Bartholomeus täuschen dabei leicht über die Themen hinweg, mit denen Lesoir sich auseinandersetzt. Mit der Frage nach der Rolle der Menschheit auf diesem Planeten wird die größte Schublade geöffnet, mit der Geschichte eines Überlebenden des Anschlags auf den Pariser Club Bataclan die vielleicht persönlichste.

Die durch die Texte gezeichneten Bilder sind scharfkantig, schroff, zerklüftet und gleichzeitig doch durchzogen von einer inneren Schönheit. Die Lieder zeigen den Gegensatz von Gut und Böse, die Untrennbarkeit dieser Aspekte menschlicher Existenz. Die daraus resultierende Unentschlossenheit erzeugt gleichermaßen Melancholie und Optimismus und fordert einiges vom Zuhörer. Einige der schon fast hinterhältig komplexen Melodien verlangen gerade durch den Kontrast zum Gesang einige Offenheit. Die Größe der Fragen wiederum verlangt die Bereitschaft weiterzudenken, als bis zum Ende der Schlagzeile.

Latitude ist anstrengend, weil es berührt. Selbst wenn den Texten keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist es schwer, sich der Anziehungskraft der Musik zu entziehen. Die Texte wiederum geben Denkanstöße, die aus sich selbst heraus ein Eigenleben entwickeln und nicht weniger faszinierend sind. Dennoch kann Lesoir – Latitude auch überfordern und sollte deshalb sorgsam dosiert eingesetzt werden. Wieviel dieser Überforderung daran liegt, dass sich dieses Album so konsequent den gewohnten des Rock entzieht, hängt auch von der eigenen Voreingenommenheit ab.

Lesoir – Latitude erscheint am 17.11.2017 bei Gentle Art Of Music / Soulfood

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