Lilly Among Clouds – Aerial Perspective

Seltene Größe und Talent

Hin und wieder begegnen mir Künstler mit ihren Alben, bei denen ich spontan total begeistert und gleichzeitig vollkommen unschlüssig bin. Lilly Among Clouds – Aerial Perspective ist ein solches Album. Die aus Würzburg stammende Elisabeth „Lilly“ Brüchner zeigt mit ihrem Debütalbum, dass Indie-Pop aus Deutschland ganz große Momente produzieren kann, dass Popmusik nicht nur aus glattgespültem Einheitsbrei bestehen muss. Der dem internationalen Ansatz geschuldete Künstlername lenkt nur unnötig ab, lass Dich davon nicht verwirren.

Lilly hat eine Stimme, die spontan zu Vergleichen mit den ganz großen Namen verleitet. Das ist unfair, denn hinter Namen wie Lana Del Ray oder Lorde stehen riesige, millionenschwere Produktionsmaschinen, ganze Armeen von Fachleuten und erfahrenen Insidern, die jedes Detail akribisch zurechttrimmen und auch viele Jahre Erfahrung und Ausbildung. Lilly Brüchner hat all das noch nicht. Sie wurde erst 2015 entdeckt. Zwar durfte sie sich bei verschiedenen Gelegenheiten vor größerem Publikum erfolgreich beweisen, aber das ist erst der Anfang. Live hat ihre Musik eine atemberaubende Wirkung und trägt in sich das Versprechen, dass hier ein Juwel heranwächst, dem eine bemerkenswerte Zukunft bevorstehen könnte.

Aerial Perspective

Aerial Perspektive ist ein Album, das mich wegen der Stimme der Sängerin schlichtweg umhaut. Was diese junge Dame stimmlich präsentiert, ist Emotion pur. Ihre Stimme hat diesen diffusen Soul, diesen schwer greifbaren Blues, Ahnungen von Rock, bei denen ich mir spontan eine junge Amy Winehouse vorstelle. Diese Stimme ist größer als vieles, was erst mit viel warmer Luft künstlich auf Größe aufgepumpt und dann millionenschwer vermarktet wird. Die schiere Menge an Gänsehautmomenten auf diesem Albums reichen für sich genommen schon aus, um den Autoren dieser Zeilen ernsthaft nach Worten suchen zu lassen, um sich wenigstens einen Rest von Glaubwürdigkeit zu erhalten.

Doch es gibt auch etwas an diesem Album, was mir gar nicht in den Kram passt. Die musikalische Begleitung schrammelt nahe der Belanglosigkeit in einem undifferenzierten Sumpf am Rande seiner schwer erklärbaren Existenzberechtigung herum und versaut diesem Album jene epochale Größe, die diese Stimme transportiert und auf jeden Fall verdient hat. Die Wucht und Kraft, mit der Lilly Wärme, Kälte, Nähe, Distanz und was weiß ich noch alles ohne große Mühe erzeugen kann, stehen in selten vom Schreiber dieser Zeilen erlebten Kontrast zum Bla-Bla-Charakter der eigentlich ihrer Unterstützung dienenden Instrumentalisierung. Ja, die Musiker sind handwerklich gut, das ist nicht der Punkt. Nur das, was sie da spielen, entfaltet sich nicht nur nicht, es stört. Leider.

Lilly kann so viel mehr

Gerade dadurch kann Lilly aber beweisen, was sie kann. Aerial Perspective funktioniert als Gesamtpaket, ist ein gelungenes Indie-Pop-Album. Aber durch ihre Stimme macht Lilly Brüchner aus diesem Album einen Diamanten, der aus einer kohleschwarzen Aschewolke und verbrannten Überresten vor sich hin plätschernder Musik mit einer Strahlkraft hervorsticht, die mindestens atemberaubend ist. Lilly ist eben nicht die unschuldige Teenagerin, die im blass-rosa Kleidchen über die regennasse Wiese hüpft, wie der Künstlername vermuten lässt. Ihre Stimme ist ein emotionaler Orkan unvergleichlicher Wucht, den sie scheinbar mühelos kontrollieren kann – wenn man sie denn lässt.

Nein, dies ist kein Verriss. Meine Bewunderung für das unübersehhörbare Talent und Können dieser Künstlerin kennt keine Grenzen. Die Verpackung wird dem nur leider nicht gerecht und das finde ich unfassbar schade. Ja, Aerial Perspective ist ein „gutes“ Pop Album. Es ist völlig okay. Sagte ich ja schon. Aber mit so viel weniger Aufwand hätte es eines der besten Alben des Jahres sein können. Und das ärgert mich! Aerial Perspective ist voll auf Sicherheit produziert und dabei kommt Lilly voll unter die Räder. Eine Schande ist das.

Manno!

Etwas mehr Mut, etwas weniger „das hat bei anderen doch auch schon funktioniert“, etwas weniger auf Sicherheit spielen. Eine Schaufel Selbstbewusstsein und eigenen Charakter ins Fundament des Albums und zack: Perfekt! Mir fehlt „Arsch in der Hose“. Es fehlt genau das, was Back To Black zu einem Jahrhundertalbum gemacht hat. Wer das nicht glaubt, sollte seiner Nachbarschaft Like A Bombshell und Your Hands Are Like Home per großem Klangerzeuger vorstellen. Blende die Instrumente aus und hör nur auf die Stimme. Wenn Lilly loslässt, wird klar erkennbar, welches Kaliber sie tatsächlich ist und welches Potenzial in ihr ruht. Wenn Dich das unberührt lässt, geh zum Arzt.

Selten hatte ich solche Schwierigkeiten, mich zu entscheiden, ob ich ein Album wegen Nichtgefallens kommentarlos ins Archiv verfrachte oder meine Gedanken und Gefühle doch versuche in Worte zu fassen. Allerdings springt einem das Talent der Sängerin hier mit solcher Vehemenz ins Gesicht, dass man über den Rest einfach hinwegsehen muss – was glücklicherweise nicht besonders schwer fällt. Alleine wegen Lilly und ihrer gnadenlos großartigen Stimme verdient dieses Album jedes erdenkliche Lob. Für das Drumherum leider nicht.

Lilly Among Clouds – Aerial Perspektive erscheint am 25.08.2017 bei PIAS Recordings Germany / Rough Trade

Offizielle Webseite der Künstlerin

Ofizielle Bandseite bei Facebook

Lilly Among Clouds auf Tour 2017/18

31.08. Kassel – Boreal (Kulturzentrum Schlachthof)
01.09. Ingolstadt – Open Flair Klenzepark
29.09. A-Wien – Waves Vienna Festiva
25.10. Wawern – Synagoge
26.10. Augsburg – Soho Stage
27.10. Regensburg – W1
13.11. Bremen – Tower
14.11. Berlin – Kantine am Berghain
15.11. Hamburg – Prinzenbar
16.11. Bochum – Bahnhof Langendreer
17.11. Frankfurt – St. Peter Café
18.11. Schorndorf – Manufaktur
19.11. München – Kranhalle
31.01. Bielefeld – Bunker Ulmenwall
04.02. Münster – Pension Schmidt

lilly among clouds – Your Hands Are Like Home – Vevo dscvr (Live)

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