Lionhearts – Lionhearts

Bilder eines Musikerlebens

Frank Michael Spinath verarbeitet mit seinem Projekt Lionhearts und dem gleichnamigen Debütalbum nicht etwa eine Epoche, sondern mehr. Seit Jahren hat er sich durch seine Mitarbeit bei Seabound, Edge Of Dawn, Ghost & Writer, Radioactivists und vielen anderen Projekten einen Namen gemacht. Bemerkenswert ist aber auch, dass er an der Universität des Saarlandes Professor für differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik ist. Auch nicht unbedingt alltäglich für einen Musiker.

Obwohl der Herr Professor Doktor Spinath sich musikalisch eigentlich an genügend Fronten austoben kann, scheint ihm doch etwas gefehlt zu haben. Texter und Sänger zu sein ist eben nicht dasselbe, wie für die eigene Musik komplett selbst verantwortlich zu sein. Deshalb sind im Laufe vieler Jahre Ideen, Demos, Schnipsel und Konzepte liegen geblieben, die nie zu einem Ganzen zu Ende geführt wurden. Irgendwann muss das dermaßen gewurmt haben, dass Frank Michael Spinath sich dachte „Jetzt aber!“

Lionhearts

Der Ausgangspunkt für den Namen ist das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren. Obwohl es in diesem Kinderbuch um das Auseinandersetzen mit dem Tod geht, steht der bei dem Album Lionhearts nicht im Mittelpunkt. Es geht bei der Musik vielmehr darum, im Angesicht gewaltiger Herausforderungen oder sogar auswegloser Situationen den Mut zu fassen. Die Musik fordert dazu auf, sich diesen zu stellen. Sein eigenes musikalisches Inneres aufzugreifen und zu vertonen, das alles selbst in die Hand zu nehmen, ist eine solche Herausforderung.

In Anlehnung an den Klavierzyklus Bilder Einer Ausstellung von Modest Mussorgski entstand das Konzept von Lionhearts. Diesem Musiker ist das Album auch gewidmet. Bilder Einer Ausstellung gilt als eines der herausragenden Beispiele für sogenannte Programmmusik. Diese folgt einem außerhalb der Musik liegenden Programm. Dadurch erzählt diese meistens rein instrumentale Musik eine Geschichte. Sie diktiert diese diese Geschichte aber nicht. Stattdessen entsteht sie in der Fantasie des Zuhörers.

Frank Spinath ist eher der elektronischen Musik zugewandt (siehe Seabound) und deshalb ist es naheliegend, dass er seine Musik auch entsprechend umsetzt. Im Konzept der Programmmusik und der Technik des Geschichtenerzählens ist daher auch eher die Verbindung zu Lionhearts zu sehen. Die musikalische Umsetzung unterscheidet sich deutlich, denn Lionhearts ist fundamental elektronisch, oft minimalistisch und eher selten orchestral.

Geschichten erzählen

Lionhearts Frank Michael Spinath - PolyprismaDem Konzept folgend, ist das Album als fortlaufende und aufeinander aufbauende Komposition gedacht. Einzelne Songs funktionieren zwar auch außerhalb des Kontextes des Albums. Allerdings entfalten sie erst im Zusammenhang ihre Wirkung. Erst das Album in seiner Gesamtheit erzählt die ganze Geschichte, die allerdings bei jedem anders ankommen und wirken kann.

Entsprechend lang gespannt sind daher auch einige Bögen, die Frank Spinath auf Lionhearts schlägt. Zusammen mit Ben Lukas Boysen (aka Hecq) setzt er sie musikalisch um. So entsteht eine interessante musikalische Welt, die vor allem durch unaufgeregte, ruhige Kompositionen überzeugt. Der Zauber dieser Musik liegt nicht im Bombast oder im Lauten, sondern im beinahe fragil Leisen. Die Effekte und Klangspielereien erfüllen stets einen Zweck. Nie wird ein Filter nur zum Zwecke der Aufmerksamkeit verwendet. Stets ist eine Wirkung auf der anderen Seite des Lautsprechers, in Dir, beabsichtigt.

Manche dieser Bögen sind lang. Nicht immer lösen sich die Versatzstücke vollends auf. Aber dennoch gelingt es dem Album Lionheart in sich vollständig zu sein. Angesichts der Verarbeitung eines 20 Jahre umfassenden musikalischen Archivs voller Notizen wahrlich nicht selbstverständlich. Mein erstes Gefühl am Ende des Albums war deshalb auch ein bestätigendes und rundherum zufriedenes „Ja.“ Auch wenn ich gar nicht sagen kann, was genau an welcher Stelle des Albums wie verarbeitet wird, was die Intention des Musikers war, die Gesamtwirkung bei mir ist ein Gefühl tiefer Ruhe, Entspannung und Befriedigung. Ähnlich wie nach dem Lesen eines wirklich guten Buches.

Stimme und Stimmung

Ein großer Teil der Wirkung des Albums geht auf die Stimme von Frank Michael Spinath zurück. Ruhig, aber nie einschläfernd. Zurückhaltend und doch irgendwie eindringlich ist seine Stimme. Eingebettet ist sie in zum Teil der Intonation des Gesangs diametral entgegenstehenden Effektkulisse der Musik. Trotzdem ergeben diese beiden scheinbaren Gegensätze ein hervorragend funktionierendes Ganzes. Die Stimmung des Albums trägt einen deutlich schwarzen Glanz. Dennoch ist das Album kein niederschmetterndes Trauma.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Trotz aller Dunkelheit strahlt aus der Musik etwas, das sich nur schwer anders interpretieren lässt als Hoffnung und Gefasstheit. Eben jener Mut, auf den in Die Gebrüder Löwenherz Bezug genommen wird. Lionhearts verzichtet deshalb auch vollständig auf die typischen Rumtata-Auflösungen, der sich viele elektronische Künstler gerne bedienen. Die Auflösung der durch das Zuhören entstehenden Anspannung gelingt durch das Zuhören. Die Musik lässt Dich am Ende los, aber sie lässt Dich nicht alleine. Sie weist eine ungefähre Richtung, begleitet. Aber sie nimmt das Ende nicht vorweg und verschweigt auch nicht, dass es ein Ende geben wird – sowohl für die Musik, als auch in letzter Konsequenz für Dich.

Insgesamt umgibt Lionhearts ein Gefühl der Intimität und persönlichen Nähe. Das steht im scharfen Kontrast zu den Themen der Songs. Viele Texte behandeln Mord und Totschlag, das Ende von Leben und Welt. Dennoch ist genau das nicht die Wirkung, die am Ende des Albums zurückbleibt. Es sind eben nicht Angst und Schrecken, Panik und Angst. Es sind stattdessen Gefühle von Harmonie und innerer Ruhe. Das wiederum löst ganz andere, noch sehr viel bemerkenswertere Gedankengänge aus. Warum fühle ich so, obwohl der Song doch gerade ganz anderes zum Inhalt hatte?

Ich rechne es Lionhearts und Frank Michael Spinath hoch an, dass das Album diesen inneren Konflikt und die Beschäftigung mit sich selbst nicht auflöst oder gar „die Lösung“ vorgibt. Stattdessen überlässt die Musik Dich Dir selbst und Deinen Gedanken.

Mach was draus!

Lionhearts – Lionhearts erscheint am 26.05.2017 bei Alive

Lionhearts bei Dependent Records

Lionhearts – Murder [taken from „Lionhearts“, out on May 26th]

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