Long Distance Calling – Trips

Jetzt neu – und anders!

Vor ziemlich genau drei Jahren lernten meine Nachbarn zusammen mit mir die aus Münster stammende Band Long Distance Calling und deren Album The Flood Inside kennen. Das Album drückte bei mir viele Knöpfe und war lange Zeit sehr angesagt. Drei Jahre später veröffentlicht die Band ihr Album „Trips“ und ich bin neugierig darauf, was sich in der Zwischenzeit getan hat und wie sich die Band entwickelt.

Die offensichtlichste Veränderung ist, dass die Band einen neuen Sänger hat. Martin „Marsen“ Fischer musste die Band aus privaten Gründen verlassen und ihm folgte Petter Carlsen als neue Stimme von Long Distance Calling. Die Stimme auszutauschen ist eine tiefgreifende Veränderung, die gerade bei der Art von Musik, wie sie Long Distance Calling macht, weitreichende Konsequenzen hat. Petters Stimme hat einen deutlich anderen Charakter, klingt viel jünger, aber auch frischer, vitaler.

Trips

The Flood Inside war stärker instrumental ausgerichtet. Auf Trips betont die Band den Gesang deutlicher, ordnet ihm teils die Musik unter. Musikalisch lehnt sich die Band mit Trips hier und da ein wenig mehr in Richtung Rock, bleibt aber gottseidank Progressive genug, um bei mir nicht sofort einen Kulturschock auszulösen. Doch die Veränderungen sind besonders im direkten Vergleich deutlich, doch die Band bewegt sich stets auf höchstem Niveau.

Long Distance Calling Credit Hauschild-FotodesignIch bin echt hin und her gerissen. Einerseits testet die Band Gewässer an, die mich etwas zu sehr an Mainstream erinnern, zum Beispiel bei „Rewind“ und „Reconnect“. Aber dann liefern Long Distance Calling auf Trips eben auch Songs wie „Trauma“ ab oder das episch-geniale „Flux“. Songs, die volles Programm in meine Kerbe hauen und von meiner Nachbarschaft an diesem sonnigen Frühlingstag alles abverlangen.

Kürzer sind die meisten Songs geworden. Dadurch sind sie zwar radiotauglicher und sprechen vielleicht auch „modernere“ Hörgewohnheiten an, aber manches Song-Ende wirkt auf mich doch etwas abgewürgt, beinahe so, als hätte eine Zeitschaltuhr die Geräte gerade dann ausgeschaltet, als die Band so richtig in Schwung kam. Erst im letzten Drittel des Albums ändert sich das und die Band spielt ihre Songs in der von früher gewohnten Länge. Mir gefällt das deutlich besser, weil die Songs in sich geschlossener und auch runder sind.

Davon aber ganz ab. Trips ist toll und macht Spaß. Die Musik ist vom Allerfeinsten und Long Distance Calling zeigen, dass sie richtig was auf dem Kasten haben, begeistern mich immer wieder mit wundervoll komplexen und verträumten Kompositionen, die sich mit richtig geil rockenden Passagen abwechseln. Davon bin ich voll begeistert und gebe alle Daumen hoch.

An den Sänger muss ich mich gewöhnen. Ob der gefühlt jugendliche Touch der Musik gut tut, ist Geschmackssache. Mir gefallen die Songs besser, bei denen die Stimme des Sängers nicht zu dominant im Vordergrund steht, sondern sich harmonisch in die Instrumentierung einordnet, wie zum Beispiel beim Song „Lines“. Mich irritieren die „abgehackten“ Enden einiger Songs, denn dadurch verlieren sie meiner Meinung nach an Wirkung, weil die sorgfältig aufgebaute Stimmung ohne Not flöten geht, aber das hat halt mit meinem Geschmack zu tun.

Long Distance Calling Credit Hauschild FotodesignLong Distance Calling – Trips wirkt für mich wie ein Album, auf dem eine Band versucht sich zu finden, zu orientieren und Neues auszuprobieren. Das ist mutig, vielleicht sogar notwendig und ringt mir einigen Respekt ab. Qualitativ hat Long Distance Calling nichts eingebüßt. Die Musik ist klasse, rockt bärig und kann die Hütte richtig in Brand setzen. Dem Album ist der Prozess der Veränderung und Selbstfindung anzumerken und was dabei am Ende herauskommt, ist noch nicht abzusehen, aber auf jeden Fall spannend.

Trips gefällt mir, weil es zeigt, dass es sich die Band nicht einfach macht, dass sie sich an sich selbst abarbeitet, um jedes Details mit sich selbst ringt. Die Musik ist richtig gut, in sich stimmig und die Atmosphäre ist toll. Die Band rockt derbst los und zeigt immer wieder, dass sie geniale Ideen hat und die auch umsetzen kann.

Long Distance Calling – Trips erscheint am 29.04.2016 bei Inside Out Music / Sony

Offizielle Webseite von Long Distance Calling

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LONG DISTANCE CALLING – Lines (Lyric Video)

 
(Fotos: Markus Hauschild / Hauschild Fotodesign)

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