Lubomyr Melnyk – Illirion

Ein Mann, ein Klavier, eine Welt

Ein Nachmittag, den ich heimlich mit einem dicken, weißen Schuber voller LPs und der heiligen Stereoanlage meiner Eltern verbracht habe, war eines meiner frühesten und auch aufregendsten Erlebnisse mit Musik. Schwer vorstellbar, aber es war nicht nur der Reiz des Verbotenen, sondern auch die Heimlichtuerei um diese Platten, die niemals aufgelegt wurden, solange ich zurückdenken kann und alle meine Fragen nach diesen Platten wurden im Keim erstickt.

Dieser Nachmittag – ich wusste genau, dass ich einige Stunden Zeit hatte für dieses Abenteuer – war aufregend und spannend und besonders, denn in jenem Schuber befanden sich zehn LPs mit ausgesuchter Klassik. Kammermusik, Arien, Symphonien, Kantaten, Choräle, unterschiedlichste Komponisten, Musiker und Dirigenten. Manches fand ich extrem langweilig, manch anderes extrem toll. Brennende Neugierde, Zehn LPs und vielleicht zwei oder drei Stunden Zeit sie zu erkunden. Ich habe an jenem Nachmittag gelernt, dass Klassik unglaublich aufregend sein kann.

Klassik. Bei den meisten ist an dieser Stelle die Luke dicht. „Langweilig“, „viel zu kompliziert“, „gibt mir nichts“ und so weiter. Ja, klassische Musik ist weit weg von den Meisterwerken eines Kendrik Lamar, Kanye West oder Steve Aoki. Zu Klassik abhotten? Eher nicht. Auch bei einer Grillparty denkt nicht jeder zuerst an einen Igor Strawinsky oder einen Niccolò Paganini. Klassik gilt den meisten als verstaubt, verknöchert und „Zwangskultur“. Klassik heute nicht mehr angesagt, weil… naja, weil es halt Klassik ist.

Introducing: Lubomyr Melnyk

Das Debütalbum eines Pianisten vorzustellen ist deshalb für mich schon etwas Besonderes und auch eine Herausforderung. Lubomyr Melnyk, geboren 1948 in einem Flüchtlingslager in der Ukraine, siedelte dann nach Kanada aus, lebte später in Frankreich und jetzt in Schweden, fiel bereits im Alter von 23 Jahren durch seinen Stil auf. Er entwickelte eine Art zu spielen, die er „Continous Music“ nennt. Viele Jahre lang wurde er von den klassischen Institutionen als zu unorthodox abgelehnt, während er den Avantgardisten zu traditionell war. Dabei macht Lubomyr Melnyk eigentlich nur eins: Er spielt Klavier.

Illirion

Gut, Richard Kleidermann spielt auch Klavier, aber Lubomyr Melnyk spielt in einer anderen Liga. Die Dichte und Leichtigkeit seiner Musik ist atemberaubend. Seine Musik fließt, ist wie Wasser ständig in Bewegung, verändert sich ständig und doch ist sie beruhigend, inspirierend und befreiend. Die Klangsprache, die er auf Illirion verwendet, entzieht sich meinen üblichen Begriffen. In seiner Musik verschmelzen Einflüsse und Harmonien, werden zu einem Ganzen, das ständig in Bewegung ist, ohne Anfang, ohne Ende, und doch weit weg von einer Monotonie oder Langeweile.

Lubomyr Melnyk gilt nebenbei auch noch als schnellster Pianist der Welt. Er ist mehrfacher Weltrekordhalter, der mit nachgewiesenen 19,5 Noten pro Sekunde schon in einer ganz eigenen Liga spielt. 120 Werke hat er komponiert, meistens für ein oder zwei Pianos. Seine Musik braucht nichts Anderes als das Klavier. Seine Musik erschafft ihre eigenen Effekte nur durch die Wechselwirkungen der Harmonien und Melodien, die sich einzig auf dem tatsächlichen Klang des Instruments abstützen und keine künstlichen Effekte brauchen.

Die Stimmung von Lubomyr Melnyk – Illirion ist beeindruckend erhebend, sogar befreiend. Trotz der atemberaubenden Geschwindigkeit mit der er spielt, bleiben die Noten klar, bleibt die Melodie eindeutig. Doch scheint alles miteinander zu verschmelzen. Dadurch entsteht ein an Trance erinnerndes Gefühl, erinnert an die amerikanische Minimal Musik, aber auch an Philip Glass, Steve Reich oder Michael Nymann.

Illirion ist auf seine Art ein ursprüngliches Album. Lubomyr Melnyk präsentiert unaufdringlich und doch eigenwillig ein Instrument und seine Bandbreite und Wirkung. Illirion ist ein Klassik Album, dass modern und zugänglich ist, ohne die Musik zu Mainstream oder Pop zu machen. Der Anspruch steckt im Detail, erschließt sich graduell, je nach dem, wie intensiv man sich auf die Musik einlässt und in sie eintaucht. Die Hürde ist weniger die Musik, sondern eher die eigene Bereitschaft dazu.

Lubomyr Melnyk – Illirion erscheint am 06.05.2016 bei Sony Classical / Sony

Offizielle Webseite von Lubomyr Melnyk

Lubomyr Melnyk auf Facebook

Lubomyr Melnyk – Interview / Live-Performance (Spex TV)

Konzerte 2016

07.05.16 Zottegem (B), Dunk Festival
02-04.06.16 Barcelona (ESP), Primavera Festival
17-19.06.16 Duisburg, Traumzeit Festival
19-20.08.16 Katowice (PL), Tauron Nowa Muzyka
01-07.09.16 Toronto (CAN), Lauren Harris project
20-30.10.16 Krakow Festival (POL)

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