Margaret Glaspy – Emotions and Math

Boah ey

Wenn eine Musikerin freimütig zugibt, dass sie ernsthaft versucht hat, aus Songwriting einen Job oder wenigstens ein Studium zu machen, dann frage ich mich, ob sie das Thema nicht etwas zu verkopft angeht. Die Wahl-New Yorkerin Margaret Glaspy ergänzt, dass sie versucht hat, ihr Songwriting nicht davon abhängig zu machen, wie sie sich fühlt. Ob das funktionieren kann? Musik schreiben, losgelöst von den eigenen Emotionen?

Emotions and Math

Emotions and Math ist das erste Album der ehemaligen Geigerin aus Californien. Es ist ein Album, das mich gleichermaßen fasziniert und herausfordert, denn schon bei den ersten Takten ist klar, dass dieses Album anders ist, etwas Besonderes. Margaret Glaspy hat sich einen Stil erarbeitet, der auf Emotions and Math trotz seines reduzierten Minimalismus in sich komplett ist. Es fällt schwer sich weitere Instrumente in ihren Songs vorzustellen, ohne die Musik zu überladen. Es fällt aber genauso schwer zu definieren, was Margaret da eigentlich genau macht.

Anders als die Anderen

Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Maragret sich bei etlichen Stilrichtungen bedient, ohne sich festzulegen. Maragrets Songs sind kurz und scharfsinnig. Sie verwandeln sich oft von schmeichelnder Süße unversehens in beißende Schärfe, haben nicht selten Stacheln unterm samtigen Pelz. Eingebettet in Melodien, die genau richtig dosiert sind, nicht zu viel, nicht zu wenig, bricht sie die Schmuseatmosphäre immer wieder gekonnt auf, streut mal Sand ins Getriebe oder lässt sorgfältig konstruierte Dissonanzen durch die Musik ziehen.

Von ihrer Stimme geht eine unglaubliche Faszination aus. Sie ist weit weg vom lieben kleinen Mädchen von nebenan. Margaret klingt mehr nach durchsoffenen Nächten und verdammt viel Lebenserfahrung. Sentimentalität deutet sie oft eher an und findet immer wieder klare Worte, um auszusprechen, was sie fühlt. Gerade dadurch lässt Emotions and Math viel Raum dafür, sich selbst in der Musik wiederzufinden. Die kräftige, im Vordergrund stehende E-Gitarre unterstreicht das Gefühl bei einer Kneipensession oder vielleicht einem Impro-Gig dabei zu sein.

Der Hauch des nicht Perfekten, die rauen Kanten, sperrige Textpassagen und komplexe Komposition komprimiert Margaret Glaspy in ein atmosphärisch dichtes, kompaktes Meisterwerk. Emotions and Math ist ein intelligentes Album mit viel Gefühl, mit einer Perfektion, die gerade durch den Hauch des Improvisierten überzeugt und eine Menge frischen Wind durch ein in letzter Zeit häufig etwas langweilig eingestaubtes Genre pustet.

Margaret Glaspy – Emotions and Math erscheint am 17.06.2016 bei ATO Records / [PIAS]

Offizielle Webseite von Margaret Glaspy

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Margaret Glaspy – „You And I“ (Live at SXSW)

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