Marilyn Manson – Heaven Upside Down

One from the vaults

Es gab eine Zeit, da reichte es aus, den Namen zu erwähnen und alles war elektrisiert: Marilyn Manson. The Golden Age of Grotesque (2003) war ein Garant für volle Tanzflächen. An welche Songs erinnern sich die Leute? Jeder Zweite nennt als erstes „Tainted Love“, der in nur Deutschland, England, Japan und Australien als Bonustrack erschien. 2015 erschien The Pale Emperor, das ich sehr kreativ und insgesamt klasse fand, bei den Clubs aber eher durchfiel. Dazu kamen Geschichten um gefloppte Konzerte und fragwürdige Auftritte und schließlich sind wir hier und heute angekommen: „Manson? Och ja…“ Heaven Upside Down, das zehnte Album wird die Musikwelt zwar nicht umkrempeln, aber es ist fucking awesome – wenn man denn mal zuhört, was da passiert.

Ja, Marilyn Manson ist keine 30 mehr. Das ist seiner Musik auch anzumerken. Die jugendlich-radikale Aggressivität hat sich in eine Art pathologischen Hass verwandelt, der mich sehr an Walt Kowalski (Gran Torino) erinnert. Es ist nicht etwa reaktionärer Protest, sondern eine pauschale, tiefempfundene, grundsätzliche Haltung, die sich aus Überzeugung, Wissen und vor allem Erfahrung nährt.

„If you wanna fight, then I’ll fight you.
If you wanna fuck, I will fuck you.
Make up your mind or I’ll make it up for you.“
(Marilyn Manson, JE$U$ CRI$I$)

Es ist nicht das erste Mal, dass die Texte von Manson konfrontieren und provozieren. Das hat sich für einige zu sehr abgenutzt, als das es noch als Alleinstellungsmerkmal funktionieren würde. Insbesondere in Zeiten, in denen die Verbalprovokation für manche Genres seitens der Musikindustrie als DAS Verkaufsargument gilt. Aber – und das macht Heaven Upside Down anders – Marilyn Manson beleidigt nicht pauschal alles und jeden und wirft mit „fuck you“ um sich, einfach nur um „fuck you!“ zu sagen. Der Unterschied ist, dass Manson die universale Sprache richtig angepisster Menschen spricht, die den Kanal einfach nur gestrichen voll haben.

Er ist sowas von sauer….

Aus seiner Musik spricht, nein, trieft(!) überall ein unverhüllter Hass gegen den ganzen Mist, der die Welt in seinen Augen versaut. Er hat die Schnauze sowas von voll in Sachen heuchlerischer Religionen, Kapitalismus um jeden Preis, die permanenten Anfeindungen gegen ihn, falsche Freunde und so weiter. Kurz gesagt: Ihn kotzt so ziemlich alles an und er muss das einfach loswerden. Er muss es hinausschreien in die Welt, muss den Druck loswerden, der ihn sonst erdrückt.

Heaven Upside Down ist deutlich anders als The Pale Emperor. Weg vom Downtempo, weg von den sägenden Gitarren, weg von den Synthies. Heaven Upside Down ist bombastisch punkig. Es ist die Stadion-taugliche Version einer hochgetunten, ekstatischen Punkmusiknutte, die mit allen Vertretern des Rock in der Kiste war und irgendwann einen undefinierbaren Bastard in die Welt geworfen hat, der sich schillernd, rücksichtslos und ungemein faszinierend nimmt, was er meint sich nehmen zu wollen. Einfach nur weil er es kann.

Die Ironie ist, dass seine Musik bei aller Satan-düster-Antichrist-Attitüde ungemein schillernd und skandalös bunt ist. Es ist unzweifelhaft ironisch, dass Marilyn Manson einerseits das Außenseiter-Image pflegt und gleichzeitig mit der Klaviatur der „catchy Hooks“ massentaugliche Songs veröffentlicht, die irgendwie doch wieder jeden ansprechen. Darin transportiert er Texte, die Stoff für Diskussionen liefern:

„It’s time to just kill this crowd
and scream as fucking loud
We know where you fucking live!“
(Marilyn Manson, We Know Where You Fucking Live)

Mich würde es kaum wundern, wenn ihm gerade solche Texte auf die Füße fallen und ihm unterstellt wird, zu Massenmord aufzurufen – was er natürlich nicht tut, aber dazu müsste man erstmal die Texte lesen, sie dann verstehen und dann darüber nachdenken, was da eigentlich gesagt wird. In Zeiten der Likes und Tweets sind ja schon 15 Sekunden eigener Geistesleistung für eine nicht zu unterschätzende Zahl sensationsgieriger Blasenbewohner zu viel verlangt. Andererseits: Wenn selbst solche Texte keine Debatten auslösen, dann ist Mansons verzweifelter Hass wohl mehr als berechtigt.

Hinhören. Zuhören. Nachdenken.

Man muss schon sehr genau hinhören, um Marilyn Manson folgen zu können, um zu verstehen, was er will. Die Musik ist dazu Mittel zum Zweck. Sie ist großartig. Sie ist rotzig, rockig, dreckig, schmusig, versifft, eitel, selbstverliebt und wenn sie Dich nicht fickt, tritt sie Dir in die Eier. Wie Oliven. Du magst sie, oder Du hasst sie. Das Manson sich dieser Ambivalenz und Provokation völlig im Klaren ist, sagt er in fast jedem Song selbst. Man muss nur zuhören.

Die Genialität des Albums ist der Triptichon aus Musik, Text und der Figur Marilyn Manson. Jedes für sich ist „ganz nett“. Erst zusammen geht die Post ab. Das Album rockt bärig. Es drückt abwechselnd alle Knöpfe und bedient jeden Geschmack. Du willst Gekreische? Kriegst Du. Du willst Bluesrock? Du willst Stadion-Rock? Du willst Auf die Fresse Geballer? Du willst schleppendes Kopfnickzeug? Du willst auf der Tanzfläche einfach nur fürchterlich abspacken? Alles da. Heaven Upside Down ist mit Abstand das anspruchsvollste und für mich auch beste Album von Marilyn Manson. Es ist sehr persönlich und so mainstreamig es vielleicht auf den ersten Blick aussieht, so wenig konform und deshalb speziell und quertreibend ist es am Ende. Und gerade deshalb ist es geil.

Marilyn Manson – Heaven Upside Down erscheint am 06.10.2017 bei Concord Loma Vista / Caroline / Univesal

Offizielle Website des Musikers

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Marilyn Manson – WE KNOW WHERE YOU FUCKING LIVE (Official Music Video)

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