Markus Breitscheidel – Nicht auf den Kopf!

Hinsehen! Handeln! Eingreifen!

Neulich hatte ich ausnahmsweise den Fernseher an, was wirklich selten ist. Dort konnte ich grade noch die letzten Minuten eines Interviews mit Markus Breitscheidel verfolgen, der sein neues Buch „Nicht auf den Kopf!“ vorstellte. Der in Cochem (Rheinland-Pfalz) geborene Markus Breitscheidel ist investigativer Autor. Er schrieb über die Zustände in Alten- und Pflegeheimen und über die Situation der Leiharbeiter während des Bezuges von Arbeitslosengeld II.

Nicht auf den Kopf

„Nicht auf den Kopf!“ ist ein autobiographisches Buch. Markus Breitscheidel berichtet darin aus seinem Leben und von seinen Erfahrungen, die er mit Gewalt in der Familie machen musste. Folgende Begegnung in China gab ihm den Anstoß über sein eigenes Leben zu schreiben:

„Doch etwas riss mich aus der Konzentration, dann hörte ich auch die äußere Stimme. Sie war eigentlich nicht zu überhören. Obgleich niemand außer mir sie wahrzunehmen schien. Es war die Stimme eines kleinen Jungen, keine fünfzig Meter entfernt. Jammernd und heulend versuchte er sich vor einem volltrunkenen Mann zu schützen, der zornig auf ihn einprügelte.“
(Markus Breitscheidel in „Die Mauer durchbrechen“)

Markus Breitscheidel erzählt in „Nicht auf den Kopf!“ seine eigene Geschichte: Wie der alkoholkranke Vater die Familie schlägt, tritt, Wunden hinterlässt. Nicht nur körperliche, sondern auch seelische. Wie seine Mutter Hilfe in der eigenen Familie sucht und zurückgewiesen wird. Wie er sich selbst hilfesuchend an Erwachsene wendet und zurückgewiesen wird. Wie die Mutter einen Neuanfang mit ihren Kindern versucht und es doch wieder ins Elternhaus zurückgeht. Wie die Nachbarn gestehen, nachts die Schreie gehört zu haben und doch weggeschaut haben.

Bis Seite 27 bin ich gekommen, als ich das erste Mal das Buch mit Tränen in den Augen weglegen musste. Bis zu den Sätzen: „Mein Vater hatte wohl recht. So musste es sein. Ich hatte die Ohrfeige wohl verdient“. Ob es daran lag, dass ich grade gelesen hatte, wie der 6 Jährige Markus mit glühender Wange in sein Zimmer lief oder daran, dass ich heute weiß, wie sehr betroffene Kinder die Schuld zuerst bei sich suchen, kann ich nicht sagen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich in solchen Momenten schon fast zwanghaft auf die Fotos an meiner Wand schaue. Meine Kinder lächeln mich von dort an.

Mir zerreißt es das Herz, wenn ich daran denke, wie vielen Kindern das Lachen heraus geprügelt wird. Nach der Recherche von Markus Breitscheidel werden 2,5 Millionen Kinder regelmäßig Opfer physischer und/oder psychischer Gewalt. Und das allein in Deutschland. 45.000 Kinder werden jährlich vom Jugendamt in Obhut genommen.

Das Buch soll mit einem Tabu brechen. Jedes einzelne misshandelte Kind ist eines zu viel! Kinder sind unser höchstes Gut. Kein Erwachsener hat das Recht, einem Kind sein Lachen zu nehmen. Gewalt in der Familie ist nichts, was nur anderen passiert. Es geht uns alle an!

Vor über 15 Jahren wurde endlich das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert (§ 1631 Abs. 2). Es ist an jedem Einzelnen von uns, dass Kinder dieses Recht auch leben können.

Es war für mich ein tränenreicher Tag. Ich habe geweint, weil Markus, seine Brüder, aber auch seine Mutter Gewalt erfahren mussten. Ich habe geweint, weil so viele Menschen ähnliches erleben müssen. Ich habe geweint, weil es erst ein Gesetz braucht, um Kindern zu geben, was selbstverständlich sein sollte. Und ich habe geweint, weil ich froh und glücklich bin, dass manchmal ein Mensch reicht, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Auch Du!

Jeder kann dieser eine Mensch sein. Auch wenn es schwierig ist, Gewalt zu erkennen und hinter die Fassade zu schauen, die Familien aufbauen, damit keiner etwas merkt. Nicht jeder blaue Fleck deutet auf Misshandlung. Nicht jedes Brüllen im Nachbarhaus ist häusliche Gewalt. Nicht jedes Kind, das sich nicht mit den anderen zusammen in der Umkleide umziehen mag, hat etwas zu verstecken.

Aber was tun, wenn sich die blauen Flecken häufen, wenn aus der Nachbarwohnung zu hören ist: „Hör auf! Du tust mir weh!“? Darf man dann wirklich noch sagen: „Das geht mich nichts an“? Ich sage ganz klar: Es geht uns etwas an! Dieser eine Mensch kann der Arzt sein, der das Kind untersucht hat. Oder der Lehrer, der bemerkt, dass sich ein Kind verändert. Die Eltern des Freundes, denen etwas auffällt. Das kann der Nachbar sein, der die Schreie hört. Oder die große Schwester, die schon ausgezogen ist und einen aufnimmt, wenn das misshandelte Kind am Ende ist und anruft.

Kinder können sich nicht selbst schützen. Es ist an uns, im Verdachtsfall zu handeln. Sei es, durch einen Anruf bei einem der vielen Kinderschutzzentren oder bei der Nummer gegen Kummer. Es erfordert Mut und Rückgrat sich „einzumischen“. Noch mehr Mut erfordert es, wie bei Markus Breitscheidel, mit seinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Dafür verdient er allerhöchsten Respekt. Er schrieb etwas, dem man nichts mehr hinzufügen kann:

„Die Klagen von 2,5 Millionen Kindern können und dürfen nicht überhört werden. Es ist Zeit hinzuhören!“
(Markus Breitscheidel)

Webseite zu „Nicht auf den Kopf!“ bei Ullstein Buchverlage

Webseite von Markus Breitscheidel

Webseite der Ullstein Buchverlage

Webseite der Jugendhilfeorganisation Nummer gegen Kummer Telefon bundesweit: 116111

Webseite Deutscher Kinderschutzbund e.V.

 
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