Mesh – Live At Neues Gewandhaus Leipzig

Fortsetzung von Gothic Meets Klassik

Das 2015 gaben Mesh im Rahmen des 4. Gothic Meets Classic ein Konzert, zusammen mit einem 65köpfigen Orchester. Das ausverkaufte Haus feierte die Darbietung mit stehenden Ovationen und selbst hartnäckige Skeptiker zeigten sich überzeugt. Das nur fünf Stücke umfassende Konzert überzeugte die Band aus dem englischen Bristol davon, den Ansatz weiter zu verfolgen. Jetzt, gut zwei Jahre nach dem Konzert, ist das Ergebnis fertig: Mesh – Live At Neues Gewandhaus Leipzig.

Mesh sind bekannt für ihren Synthie-Sound, der Wurzeln und Ähnlichkeiten bei Depeche Mode, Nine Inch Nails und De/Vision, sowie ganz generell im Synthie Pop der 1980er Jahre hat. Der Sound ist nicht Speziell auf eine Szene zugeschnitten, wird aber zumindest in Deutschland speziell in der Schwarzen Szene sehr wohlwollend aufgenommen. Härte und Aggression verbinden Mesh mit eingängigen und melodischen Klängen. Die durchaus politisch gemeinten Texte werden durch Sänger Mark Hockings sehr intensiv vorgetragen. Gerade aus diesem Wechselspiel schöpft die Musik von Mesh sehr viel Reiz und Faszination.

Live At Neues Gewandhaus Leipzig

Der Name des Albums Live At Neues Gewandhaus Leipzig ist vielleicht etwas irreführend, denn das Album ist nicht durchgehend “Live” aufgenommen worden. Drei der acht Songs hat Mesh mit Orchester im Studio eingespielt. Natürlich kann auch das als “Live” verstanden werden, aber es ist nicht dasselbe. Sei es drum, der Unterschied zwischen Live und Studio ist eher subtil und springt Dir beim Zuhören nicht offensiv ins Gesicht. Die Atmosphäre ist durchweg stimmig und – dem Ansatz entsprechend – groß und vor allem großartig.

Die mit viel Verve und Herz live eingespielten Tracks wirken auf mich trotzdem etwas freier und luftiger, vielleicht von etwas mehr Begeisterung getragen. Möglicherweise war es auch die fehlende Rückkopplung zum Publikum, die sich hier ein wenig niederschlägt. Von diesem Herumhacken auf Kleinigkeiten aber abgesehen ist Mesh – Live At Neues Gewandhaus Leipzig ein großartiges und überzeugendes Album, das die Stimmung eines modernen Konzerts im klassischen Rahmen stimmig und zeitgemäß einfängt und transportiert. Die Wirkung ist überzeugend und macht gleichermaßen Spaß, wie sie beeindruckt.

Moderne Klassik

Die moderne Musik von Mesh wurde von Conrad Oleak deutlich auf die Gegebenheiten und Möglichkeiten des klassischen Symphonieorchesters angepasst und doch sind die Songs deutlich wiederzuerkennen. Das Flair ist insgesamt weicher, dafür aber gleichzeitig auch breiter und stimmungsvoller umgesetzt. Die härteren Kanten der Albumversionen sind entsprechend der besonderen Möglichkeiten aber auch Einschränkungen eines Orchesters umgeschrieben worden, dafür bekommen andere Elemente durch diese Umsetzung eine andere, völlig neue Gestalt. Das trägt ebenfalls zur besonderen Wirkung des Albums bei. Die Fähigkeiten der Musiker des Filharmonia Zielonogórska aus Polen überzeugen und zeigen deutlich, was den Unterschied zwischen einer Elktro-Band und eine Symphonieorchester ausmacht und wo sich für beide der Blick über den Tellerrand lohnt.

Jede symphonische Umsetzung läuft Gefahr, das ursprüngliche Material zu überladen. Mesh gelang es bei Live At Neues Gewandhaus Leipzig, die Anteile der symphonischen, wuchtigen, großen Umsetzung stimmig mit den ursprünglichen, Mesh-typischen Klangbildern zu vereinen. Die Songs gewinnen an Pathos und immanenter Größe, die Stimmung wird insgesamt festlicher, würdevoller. Es ist denn auch gerade der durch die Texte entstehende Kontrast, der viel vom Tiefgang des Albums ausmacht. Die Synthie-Passagen verleihen dem Album einen speziellen, individuellen Reiz, der, eingebetten in den großen Rahmen, bemerkenswert akzentuiert zur Geltung kommt.

Einerseits ist Live At Neues Gewandhaus Leipzig genau das, was der Name erwarten lässt. Andererseits ist es dann doch wieder anders. Das Gefühl, Mesh und dem Orchester zuzuhören, ist toll, die Atmosphäre super schön und ergreifend. Die Pracht und Grazie der Neuinterpretation in diesem Rahmen gefällt und unterscheidet sich im Detail deutlich von ähnlichen Alben anderer Künstler, insbesondere deshalb, weil erfolgreich versucht wurde, nah am Original zu bleiben. Live At Neues Gewandhaus Leipzig gefällt, weil es ausgewogen und behutsam versucht, das Elektronische mit dem Klassischen zu verbinden, ohne das eine oder andere zu sehr zu betonen oder zu marginalisieren.

Mesh – Live At Neues Gewandhaus Leipzig erscheint am 24.11.2017 bei Dependent / Alive

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Mesh – You Couldn’t See This Coming [taken from “live at Neues Gewandhaus Leipzig” 2017]

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