Mogwai – Atomic

Soundtrack revisited

Jedesmal dasselbe. Mogwai und Moguai. Ich verwechsle die immer. So ging es mir auch dieses Mal bei „Atomic“. Blindlings tippte ich auf eine elektronische Produktion und ließ sie deshalb erstmal links liegen, weil mir der Sinn gerade nicht so nach Electro, EDM & Co steht. Erst als ich beim Aufräumen das Album wieder in der Hand hatte, fiel mir ein kleines Detail auf: Der Untertitel „A Soundtrack by Mogwai“.

Soundtrack? Da bin ich dabei! Soundtracks mag ich. Nicht diese scheinbar wahllose Zusammenstellung irgendwelcher Chart-Hits, sondern solche, die speziell für einen Film komponiert und eingespielt wurden. Egal wer sich daran versucht, kann sich meiner gesteigerten Aufmerksamkeit gewiss sein. Meiner Meinung nach verlangen Soundtracks von Komponisten außergewöhnliches ab. Bei „normalen“ Alben brauchen Komponist und Musiker nur der eigenen Inspiration zu folgen. Bei Soundtracks jedoch müssen sie mit der Bildsprache zusammenarbeiten.

BBC Atomic Living In Dread and PromiseNatürlich hatte ich mich mal wieder vertan. Atomic ist ein Album der schottischen Postrocker aus Glasgow. Der Elektro-Produzent und DJ aus Marl hat damit nichts zu tun. Grundlage für das Album ist eine Dokumentation der BBC Atomic: „Living In Dread and Promise“ des Regisseurs Mark Cousin für den Mogwai den Soundtrack komponierte. Diese Dokumentation besteht ausschließlich aus Archiv-Aufnahmen. Sie ist über weite Strecken ein impressionistisches Kaleidoskop, stellt den Schrecken dem Nutzen der Kernkraft gegenüber.

Atmosphärisch ist Atomic – A Soundtrack by Mogwai. Die Stimmung ist schwer zu greifen. Ein Gefühl von Faszination und Bedrohung zieht sich durch Stücke, die Traumsequenzen gleich Stimmungen unwirklich transportiert, ohne ein „gut“ oder „böse“ zu definieren. Es ist schwer, die Musik emotional positiv oder negativ einzuordnen. Ihre Wirkung ergibt sich unmittelbar aus den Bildern, die beim Zuhören entstehen.

Atomic ist kein Action-Soundtrack. Es ist ein nachdenkliches und nachdenklich machendes Album, nicht vor dem Hintergrund der problematischen Thema Atomenergie, Kernkraft und dem, was der Mensch daraus gemacht hat. Titel wie Pripyat, Little Boy, Fat Man und U-235 lösen schon beim Lesen des Titels Kaskaden von Bildern aus. Diese Bilder unterlegt mit der Musik sind bedrückend und faszinierend zugleich.

Mogwai Band Photo September 2013Mogwai schaffen mit ihren Songs eine magische Sogwirkung, die auch ohne äußeren Einfluss, ohne das Zeigen von Bildern funktioniert. Lässt man sich auf die Musik ein, lässt sie wirken, entstehen wie von selbst Bilder. Traumbilder. Die Musik führt nicht Regie, sie bestimmt nicht die Handlung. Sie hat eine eigene Dramaturgie, doch nicht in der Form, wie zum Beispiel Werke von John Williams oder Howard Shore, Hans Zimmer, Max Steiner oder Bernard Herrmann.

Atomic ist rockig, vielleicht in dem Sinne, wie Alan Parsons Project, nur langsamer, gesetzter. Abstrakter Rock, wenn man so will, aber nicht experimentell abstrakt. Orchestrale Elemente verbinden sich mit Soli, wechseln mit Soundflächen und dichten, komplexen Sequenzen, immer wieder durchzogen von elektrisch anmutenden Sounds. Es sind langsame, zurückhaltende Stücke, denen manchmal vielleicht ein wenig der dramatische Höhepunkt zu fehlen scheint, doch das ist das Besondere an und der Schlüssel zu den rein instrumentalen Kompositionen, die Mogwai hier präsentiert: Nicht die Musik setzt den Höhepunkt. Es sind die Bilder zusammen mit der Musik, doch „heiter“ ist die Stimmung selten.

Mogwai – Atomic: A Soundtrack by Mogwai erscheint am 01.04.2016 bei [PIAS] / Rock Action / rough trade

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Atomic Living in Dread and Promise story in ville

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