Motorpsycho – The Tower

Mainstream? Ich verstehe die Frage nicht!

Beim Versuch, die Musik von Motorpsycho zu definieren, kann sich die Mehrheit wahrscheinlich auf folgendes einigen: 1989 in Trondheim / Norwegen gegründet, verbindet Psychedelic Rock mit verschiedenen Einflüssen aus Jazz, Country, Rock, Metal und anderen Genres. Der Rest ist Gegenstand von Diskussionen. Jedes, wirklich jedes einzelne Album der Band ist anders als das vorangegangene. Vor jedem neuen Album stellt sich die Frage, ob die Band entweder den Bogen überspannt hat, oder ob man inzwischen vielleicht einfach zu alt geworden ist – bis das Album dann auf dem Tisch liegt und nach einigem Hören die entspannte Feststellung siegt, dass weder das eine noch das andere zutrifft.

Mit The Tower bleibt Motorpsycho dieser Linie treu. Auch wenn das Cover, ein Gemälde von Håkon Gullvåg mit dem Namen „The Tower of Babel“ anderes vermuten lässt, ist dieses Album kein Konzeptalbum. Es gibt keine durchgehende Handlung. Dennoch sind alle Texte um die letzte US-Präsidentschaftswahl herum entstanden und beeinflusst von der zu jener Zeit vorherrschenden Stimmung. Es gibt deshalb eher auf einer Meta-Ebene einen thematischen Zusammenhang.

The Tower

Die Beeinflussung durch die Geschehnisse während der Entstehung des Albums spiegelt sich durchaus auch in der Musik wieder. The Tower ist insgesamt deutlich härter, maskuliner und auch unbequemer als es beispielsweise Here Be Monsters (2016) war. Auch wegen der Länge des Albums ist es nichts für „mal eben reinhören“, denn das Album will erarbeitet werden. Es fordert den Hörer, belohnt aber am Ende auch mit einer wundervollen Dynamik, dem ganz eigenen Charme von Motorpsycho, und einer eigentümlichen packenden Wildheit.

Die Extrempole des Albums dürften The Maypole auf der einen und A Pacific Sonata auf der anderen Seite sein. Wo Maypole sozusagen vom Fleck weg mit einer Art Wikinger-Folk los rockt, bleibt Sonata anstrengend lang und anscheinend ereignislos. Allerdings gehört und passt beides dann auch wieder zusammen, ergibt ein in sich geschlossenes und auch schlüssiges Gesamtbild.

Die Veränderungen hängen auch damit zusammen, dass Kenneth Kapstad, Schlagzeuger der Band, 2016 seinen Ausstieg bekannt gab. Sein Nachfolger Tomas Järmyr spielt sehr anders. Seine Vergangenheit im Jazz ist auffallend und hat interessanten Einfluss auf das Gesamtbild der Band. Das gesamte Schlagzeugspiel wirkt reduziert, zurückgenommen und gleichzeitig auch akzentuierter, definierter. Das hat interessante Auswirkungen auf die Musik der Band insgesamt, weil sie sich weniger auf dem Rhythmus abstützt und stattdessen mehr für sich selbst gespielt wird. Der Dynamik und Spannung der Musik tut das bemerkenswert gut.

Mainstream? Nicht mit uns!

Dennoch: Die Musik ist insgesamt weit weg von jedem Hauch von Mainstreamambition. Motorpsycho etablieren sich nachdrücklich in ihrer eigenen musikalischen Welt, schaffen dort ein eigenständiges Universum und laden ein, zuzuhören und zu entdecken. Aber weder zwingt die Motorpsycho irgendjemandem die eigene Musik auf, noch will die Band missionieren. Wer sich vorbehaltlos auf The Tower einlässt und aufgeschlossen mit dem Album umgeht, wird mit großartigen Ideen und Songs belohnt. Die Musik ist abwechslungsreich und intelligent, bleibt aber typisch Motorpsycho schwer trennscharf in Genres einsortieren.

The Tower ist in jeder Hinsicht ein großes Album, ein ausladendes, aber durchweg exzellentes Doppelalbum und nichts Geringeres als eine kreative Wiedergeburt der Band. Obwohl die Band jetzt mehr als 20 Alben veröffentlicht hat, erstaunt es immer wieder, wie Motorpsycho in der Lage ist, einerseits konstant hochwertiges Material zu produzieren und andererseits trotzdem immer wieder neue Blickwinkel auf das Innere ihrer Musik zu liefern. Motorpsycho sind nach wie vor Motorpsycho, aber die Band strengt sich an, diese Definition für sich selbst und ihre Anhänger immer wieder neu zu gestalten.

Das funktioniert bemerkenswert gut. The Tower ist ein bedeutender Schritt nach vorne, der mit seiner 10 Songs bei fast 85 Minuten Laufzeit weit über die Standards der üblichen Handhabbarkeit hinausgeht. Alleine die letzten drei Tracks des Albums beanspruchen mehr als 37 Minuten Spielzeit. Mit The Tower findet Motorpsycho das eigene Feuer wieder, das manche bereits verloren geglaubt haben. Etliche Songs des Albums rocken deutlich härter als man es in der letzten Zeit von der Band gewohnt war, verzichten aber zum Glück auf sinnfreien Bombast und anderen Ballast.

Motorpsycho – The Tower erscheint am 08.09.2017 bei Stickman Records / Soulfood

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Motorpsycho auf Deutschlandtour 2017

20.10.2017 Hamburg (DE), Markthalle
21.10.2017 Papenburg (DE), Kesselschmiede
22.10.2017 Bremen (DE), Schlachthof
30.10.2017 Frankfurt (DE), Zoom
08.11.2017 Cologne (DE), Stollwerck
09.11.2017 Leipzig (DE), Conne Island
10.11.2017 Berlin (DE), Festsaal
11.11.2017 Hannover (DE), Faust

Motorpsycho – A. S. F. E.

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