Nightwish – Imaginaerum (Blu-ray)

Ich mag Fantasy, als Film, Buch, Comic oder Spiel. Nicht erst seit der letzten Verfilmung des Herrn Der Ringe. Ich mag auch Musik von Nightwish. Etliche Songs der Band sind für mich unverzichtbar (Wishmaster, Kinslayer, Nemo) Beides zusammen? Ein Fantasyfilm von Nightwish? Muss ich sehen! Ich weiß nur zu gut, dass nicht überall, wo “Fantasy” drauf steht, Popcornkino drin ist. Erstrecht bedeutet “Fantasy” nicht zwangsläufig “für Kinder”, denn das Genre Fantasy eignet sich hervorragend zur Verarbeitung gerade der kantigen, schwierigen und schmerzhaften Themen. Der Film Imaginaerum macht genau das und er macht es gut.

Der Klappentext sagt über Imaginaerum: Seit Jahren leidet der alternde Komponist Tom unter schwerer Demenz. An sein Leben als Erwachsener kann er sich nicht entsinnen, nur die Erinnerungen an seine Kindheit sind ihm geblieben. Während er langsam immer tiefer ins Koma fällt, reist er als zehnjähriger Junge durch seine eigene Fantasie. Seine Tochter Gem, die sich dem über Jahre entfremdeten Vater wieder nähert, fürchtet seinen bevorstehenden Tod, doch durch seine dunkelsten Geheimnisse entdeckt sie einen Weg, Tom wiederzufinden.

Diese Beschreibung ist genauso auf den Punkt präzise, wie irreführend ungenau. Auch wenn der Titel des Films “Imaginaerum by Nightwish” lautet, ist der Film weder Musical noch Konzertfilm. Er ist auch kein Zusammenschnitt von Musikvideos. Die Musik von Nightwish ist präsent und trägt maßgeblich zur dichten Atmosphäre des Films bei, aber sie ist nicht die Hauptsache. Imaginaerum ist ein waschechter Spielfilm. Die Story dreht an der Oberfläche sich um das komplizierte Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Sein Leben ist im Prinzip zu Ende, das Verhältnis zwischen den beiden ruiniert, sie ist abgeklärt, verbittert, kalt. Beide sehen ihr Leben miteinander bis zu diesem Punkt aus völlig unterschiedlichen Perspektiven, verstehen weder Motivation noch Antrieb. Imaginaerum arbeitet die unterschiedlichen Sichtweisen, ihre Entstehung, die Motivation der Charaktere, die Hintergründe und die Gründe hinter den Hintergründen auf.

Imaginaerum macht die ganz großen Schubladen auf und wird so überraschend schnell zur schweren Kost: Gewalt, Selbstmord, Kinderheim, gebrochene Versprechen, Alkohol und so weiter und so fort. Mittelpunkt des Films sind nicht die tollen, die schönen Erlebnisse und Erinnerungen, die intakte Familie, die heile Welt. Imaginaerum verarbeitet und stiftet an zum Verarbeiten. Der Film ist eine Abrechnung der Protagonisten mit sich selbst, die gerade wegen ihrer anfänglich scheinbar hölzern, unpersönlich, beinahe schon amateurhaft wirkenden Darstellung genügend Identifikationsfläche für jeden bieten.

Der Film kann auf verschiedene Arten gesehen werden: Als (fast) popcorntauglicher, typischer Vater-Tochter-Konflikt in ungewöhnlicher Verpackung mit toller Musik von Nightwish, oder eben als vielschichtige Auseinandersetzung mit Ursachen und Wirkungen der eigenen Erlebnisse auf das Leben anderer und deren Rückkopplungen und Schleifen. Die teils Hollywood-typischen, teils sehr spröden Filmsequenzen sind klasse inszeniert und gespielt, gleichzeitig aber auch verstörend und aufwühlend. Die Integration der Bandmitgliede ist sehr liebevoll und sehr gekonnt realisiert worden. Für manchen wird Imaginaerum durch die Wucht seiner Aussagen in dritter und vierter Deutungs- und Bedeutungsebene schwer zu verdauen sein, für einige vielleicht sogar zu schwer.

Der Film ist in sich geschlossen, was ich gut finde. Er bietet am Ende jedoch sehr einfache, vielleicht sogar zu einfache Auswege an. Aber: Imaginaerum macht das, was der Film “macht”, geschickt und gut. Die schlichte, fast hölzern und oberflächlich wirkende Eröffnung des Films steht im starken Kontrast zur Kraft der Schlüsselszenen des Films. Mit Imaginaerum ist es wie mit Oliven: Man mag sie, oder man mag sie nicht. Entsprechend wird wird der Film von den meisten geliebt oder gehasst. Für Imaginaerum müssen Set und Setting stimmen. Der Zuschauer muss sich auf den Film einlassen. Gelingt dies, entwickelt er einen unwiderstehlichen Sog. Die Bilder überzeugen, die Wirkung ist ergreifend. Ich habe Nightwish einen solchen Film weder zugetraut, noch hätte ich einen solchen Film von der Band erwartet, aber dadurch war ich umso positiver von Imaginaerum überrascht und umso tiefer beeindruckt. Ein sehenswerter FIlm.

Imaginaerum ist erschienen auf DVD und Blu-ray am 31. Mai 2013 bei Capelight Pictures (Alive)

Webseite der Band: http://www.nightwish.com/

Darsteller: Marianne Farley, Quinn Lord, Ilkka Villi, Ron Lea, Francis X. McCarthy
Regie: Stobe Harju
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Spieldauer: 86 Minuten

NIGHTWISH – Imaginaerum (OFFICIAL TRAILER)

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