Nine Inch Nails – Add Violence

Der Geschichte zweiter Teil

Als Nine Inch Nails bzw. Trent Reznor Anfang des Jahres Not The Actual Events veröffentlichte, erklärte er jene EP zum ersten Teil einer Trilogie. Vermutlich gingen ihm die ewigen Nörgeleien, er solle doch endlich mal wieder neues Material veröffentlichen auf den Senkel und statt alles auf ein Album zu pressen, verteilt er es auf drei EPs und erkauft sich so Zeit und Ruhe. Kann man machen. Add Violence ist der zweite Teil dieser Trilogie.

Die Kreativität und musikalische Gewandtheit, um nicht zu sagen Geschmeidigkeit, die Zielstrebigkeit, seine Visionen in Sound zu gießen, teilen wenige andere Künstler mit Trent Reznor. Björk vielleicht, oder David Bowie. Sein Drang, Schattierungen von Dunkelheit in einem Nebel von Grau aufzulösen, den Kampf gegen verschiedenste Ängste und innere Dämonen, den Schmerz und die Wut fassbar, begreifbar zu machen, ordnet seine Musik allerdings in einem anderen Lager ein.

Add Violence

Die Werke von Nine Inch Nails waren selten einfach, von „mainstreamtauglich“ ganz zu schweigen. Selbst das beinahe jedes Wochenende aufs Neue den Disco-Tod sterbende „Closer“ überschreitet mehr Grenzen, als den meisten bewusst ist. Dies und andere Werke, mit denen auch Fans überfordert waren oder die vielleicht einfach nur veröffentlicht wurden, weil das Material zu schade dazu war, um im Archiv zu verrotten, haben am Ende das Bild vervollständigt. Projekte außerhalb von Nine Inch Nails haben ihm in den letzten Jahren neue Möglichkeiten eröffnet, andere Ausdrucksformen auszuprobieren.

Davon fand sich bereits einiges auf Not The Actual Events, das stark von diesen Ausflügen beeinflusst war. Mit Add Violence wird an anderen Stellschrauben gedreht. Die EP wirkt wie eine Fortführung der musikalischen Gedanken der ersten EP unter dem Einfluss dessen, was Nine Inch Nails ausmacht. Ängste und Wut mischen sich in die Musik, Selbsthass und grundlegende Zweifel an allem und jedem.

Statt mit dem zu erwartenden pathetischen Glanz und Gloria den ersten Teil aufzublasen und noch mehr hineinzustopfen, zeichnet sich Add Violence durch eine verblüffende Einfachheit aus. Ein Gefühl von Nihilismus durchzieht die Musik, unterstrichen durch Textpassagen wie:

„Welcome oblivion
Did it fix what was wrong inside?“
(Nine Inch Nails, Less Than)

Der stufenweise Aufbau, das Fortführen musikalischer Gedanken und auch die eigene Weiterentwicklung zeigen sich gerade hier, bei der Gegenüberstellung von Less Than und dem unmittelbar folgenden Not Anymore. Nicht nur, dass Not Anymore einer der härteren dieser EP ist, er greift tief in die eigene musikalische Geschichte zurück, deutet an, verwirft und spricht den Selbstzweifel klar aus:

„I won’t forget
I know who I am
No matter what
I know who I am
And what I’m doing this for…
Well not anymore!“
(Nine Inch Nails, Not Anymore)

Es ist das altbekannte Gefühl der latenten Reznor-Feindseligkeit das hier mit einem eigenartig diffusen, schwer zu fassenden Gefühl des Umbruchs spielt, weil offen bleibt, ob dieser freiwillig, notwendig oder erzwungen ist. Aus dem endlos langen, sich selbst zerstörenden The Background World erklärt sich der Ausbruch als Flucht, als Verzweiflungstat, um wenigstens zu versuchen, dem Druck und Zwang der ständigen Wiederholung des ewig Gleichen zu entkommen. Ob dies gelingt, bleibt offen – mindestens bis zum dritten Teil.

Nine Inch Nails – Add Violence erscheint am 21.07.2017 bei Capitol Records / Caroline International

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Nine Inch Nails – LESS THAN

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