Nine Inch Nails – Not The Actual Events

Lebenszeichen aus Dr Frankensteins Labor

Ich mag viele Songs aus dem Katalog, den Trent Reznor mit seiner Band Nine Inch Nails in Laufe der Jahre veröffentlicht hat. Ein paar seiner Songs stehen bei mir weit oben in meiner ganz privaten Hitliste. Terrible Lie aus dem Album „Pretty Hate Machine“, zum Beispiel. Oder Discipline von „The Slip“. In den letzten Jahren hat Trent Reznor jedoch viel Zeit mit Filmmusik verbracht und das Projekt Nine Inch Nails eher vernachlässigt. Ende Dezember erschien etwas überraschend die fünf Songs umfassende EP „Not The Actual Events“, die mit brennender Begeisterung erwartet wurde und dann nicht nur mich etwas ratlos zurückließ.

Ich habe mir und der EP viel Zeit gelassen. Ich versuchte zu verstehen, was da klemmt zwischen mir und der „Neuen“ von Nine Inch Nails. Trent und Atticus vorzuwerfen, sie wären zu experimentell ist in etwa so, als werfe man einem Maler vor, dass er Farben verwendet. Das Experimentelle ist die DNA von Nine Inch Nails. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass ich nicht verstehe, was mir die Band mit dieser EP sagen will. Was will mir die Musik zeigen? Was wollen mir die Künstler sagen?

Immer wieder nähert sich „Not The Actual Events“ einer sich selbst beschleunigenden Energie an und immer wieder passiert genau das dann nicht: Es entsteht keine sich selbst beschleunigende, fortlaufende Dynamik, die durch klassische Elemente getragen wird. Stattdessen werden Stile zerlegt, reduziert und verfremdet. Die Musik wirkt teil fahrig, teils brutal zusammengenietet, wie ein grobschlächtiger Golem, dem die echte Eleganz des Natürlichen, des Organischen fehlt.

Besonders deutlich wird diese Reduzierung, diese Dekonstruktion bei den Elementen des Rock. Reduziert auf einzelne, monoton wiederholte Loops und wiederkehrende Samples wird das in vielen Songs von Nine Inch Nails dominierende Element der Rockmusik in den Hintergrund gedrängt, wirkt verwittert, ausgelutscht. Aber auch andere Stile werden nicht weniger gnadenlos geprügelt. Der humpelnde Golem aus Breakbeat und Industrial ist in seiner Groteske schon fast wieder verstörend hübsch und die überraschend harten Enden der Songs wirken zuweilen wie ein verzweifelter Abbruch, wie das Hämmern auf die Stopptaste, wenn es einfach zu viel wird und nicht mehr zu ertragen ist.

Was also machen Trent Reznor und Atticus Ross auf „Not The Actual Events“? Ich glaube, sie suchen und versuchen. Nine Inch Nails versteht das hier und heute als eine Zeit, in der Rock als „tot“ und selbst von Major Labels abgeschrieben angesehen wird. Der Markt leidet unter einer Schwemme zunehmend belangloser werdenden und „klingt so wie…“-Musik und zu vielen Leuten, die zwar kein Talent, dafür aber viel Geld für Equipment und Software haben. Die Frage, die sich die Band selbst und dem Zuhörer stellt scheint zu sein, was denn einerseits noch wirklich innovativ ist in dem, was Nine Inch Nails machen und bereits gemacht haben und was andererseits noch hörbar ist, ohne auch sofort jeden zu überfordern. Denn bei aller Liebe zu Experiment und Innovation darf ein Musiker nicht vergessen, dass Musik vielleicht auch tanzbar sein sollte, auf einer Party funktioniert, Anschlussmöglichkeiten bietet, denn sonst wird die Musik nicht gespielt.

Nine Inch Nails haben mit „Not The Actual Events“ eine EP veröffentlicht, die diese Suche und vielleicht auch einen Einblick in den Stand der Überlegungen innerhalb der Band wiedergeben, gleichzeitig allerdings nicht bedeuten soll, dass dies die „neuen“ Nine Inch Nails sind – verdeutlicht durch den Titel der Scheibe. Schwierigkeiten mit der EP zu haben ist vermutlich unumgänglich und sollte niemanden überraschen. Atticus Ross und Trent Reznor sind dafür bekannt, eigene Vorstellungen zum Thema Musik zu haben und ihre Ideen waren schon immer irgendwie anders und häufig ihrer Zeit voraus. Ob die hier gezeigten Ideen am Ende wirklich eben das sind, wird die Zeit zeigen und auch, was die Band daraus macht. Letztendlich wirkt „Not The Actual Events“ ein wenig wie ein musikalischer Notizzettel mit bemerkenswert komplexen Ideen, etlichen tollen Ansätzen und Umsetzungen, unterschiedlich weit fortgeschritten, aber keinesfalls komplett zu Ende gedacht.

Nine Inch Nails – Not The Actual Events ist erschienen am 23.12.2016 bei The Null Corporation

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