Orchestral Manoeuvres In The Dark (OMD) – The Punishment Of Luxury

Ein Blick zurück, zur Seite und ein großer Schritt in die Zukunft

Orchestral Manoeuvres In The Dark, kurz OMD, sind für viele in erster Linie mit Maid of Orleans (The Waltz Joan of Arc) vom Album Architecture & Morality (1981) und Sailing on the Seven Seas (Sugar Tax, 1991) verbunden. So erfolgreich diese Songs völlig zurecht auch waren, die Band der Engländer Andy McCluskey und Paul Humphreys auf diese beiden Songs zu reduzieren, wird ihr nicht einmal ansatzweise gerecht. Das jetzt erscheinende Orchestral Manoeuvres In The Dark (OMD) – The Punishment Of Luxury macht das besonders deutlich.

Schon das 1983 veröffentlichte Album Dazzle Ships rückte die Musik von OMD deutlich in die Nähe von Kraftwerk. Das Publikum honorierte das nicht. Dazzle Ships blieb der kommerzielle Erfolg von Architecture & Morality versagt. Die Vermutung, dass das an der Popularität gitarrenorientierter Musik Anfang der 1980er Jahre lag – man denke besonders an Big Country (The Crossing) und U2 (October, War) – ist naheliegend. Bei vielen Bands ist zu der Zeit ein deutlicher Stilwechsel zu beobachten. Auch OMD erfanden sich neu. Junk Culture (1984) unterschied sich fundamental von den vorangegangenen Werken, was auch an der Verwendung des Fairlight lag, dessen markanter Sound ein Markenzeichen der Musik dieser Jahre ist.

Die Rolle von Kraftwerk

Dennoch haben sich Orchestral Manoeuvres In The Dark nie von Kraftwerk abgewandt. Speziell Paul Humphreys weist immer wieder darauf hin, wie sehr ihn als 15jährigen das Album Autobahn (1974) geprägt hat. Mit The Punishment Of Luxury wagt OMD eine erneute deutliche, aber eigene Adaption dessen, was Kraftwerk aufgebaut haben. Spätestens mit Isotype wird wohl auch dem letzten klar, dass hier eine DNA gedacht wird, deren Wurzeln zurückreichen bis mindestens zu Computerwelt (1981).

Die eigenen Gedanken und Ansätze zeigen sich sowohl in kleinen Details, zum Beispiel im weniger provokanten, dafür gefälligeren Aufbau von Flächen und Synthie-Kaskaden. Es zeigt sich aber auch in größeren Strukturen, besonders in den Refrains und Melodiebögen. Dennoch ist The Punishment Of Luxury deutlich härter, sperriger, unbequemer als der super eingängige Mega-Erfolg Maid of Orleans. Die Stücke haben einen auffällig mechanischen „Touch and Feel“.

Diese innere Verwandtschaft zu industriellen Klangstrukturen, zum Maschinellen, sollte nicht als „Industrial“ verstanden werden. The Punishment Of Luxury ist dann doch recht weit weg von beispielsweise KMFDM, Faderhead, Combichrist oder Front 242. Dennoch ist der Sound bemerkenswert hart, zumindest solange man in Begriffen von OMD denkt, die generell doch meistens von den Konsumenten eher im Pop verortet werden.

The Punishment Of Luxury

Orchestral Manoeuvres In The Dark – The Punishment Of Luxury lässt gerade wegen dieser akustischen Nähe zu Industrie und Technik eine gewisse Technikverliebtheit vermuten. Angesichts des massiven Einsatzes von elektronischen Instrumenten und Effekten wird es wohl auch schwer, anderes zu vermuten. Gerade vor diesem Hintergrund überrascht die massive Kritik an der Technik und damit verbundenen Entwicklungen:

„In the head you’re the perfect machine,
there’s a hole where your heart should have been“
(Orchestral Manoeuvres In The Dark, Robot Man)

„Bend your body to the will of the machine“
(Orchestral Manoeuvres In The Dark, La Mitrailleuse)

Es ist weniger ein fundamentales Misstrauen, das aus der Musik spricht. Vielmehr ist es die Warnung vor blinder Begeisterung und kritikloser Hingabe und Adaption jeder neuen Entwicklung. Es ist die Warnung vor einer Dystopie, vor einer Welt, die so gar nicht das sein könnte, was „man“ sich vielleicht erhofft, wenn das kritische Denken vergessen wird. Kurz gesagt: Technik ja, aber überlegt und vorsichtig.

Fortschritt mit Blick zurück und zur Seite

The Punishment Of Luxury ist das dritte Album von OMD, das nach der Reformation der Band 2010 entstand. Andy McCluskey hatte bereits angekündigt, dass sich die Band sehr auf die Palette des „English Electric“ beziehen wird. Die Band will das Format aufgreifen und sich mit diesem weiter entwickeln. Dabei soll das Melodiöse nicht verloren gehen, aber es soll halt doch anders sein. Die Spuren speziell des English Electric Pop, der sich zum Teil extrem vom in Deutschland gewohnten und populären Electropop unterscheidet, sind deutlich hörbar. Die Produktion ist auffallend sauber, „clean“, teils bis an den Rand des Sterilen. Daraus entsteht ein schillerndes, strahlendes Bild, das einerseits sehr an die 1980er Jahre erinnert, andererseits aber deutlich vorwärtsgerichtet ist.

OMD haben mit The Punishment Of Luxury ein Album produziert, dessen Rückbezüge auf die 80er, Querverweise auf Kraftwerk, aber auch der Blick nach vorne, der Versuch, das Eigene weiterzuentwickeln, unverkennbar sind. Die Qualität des Albums ist herausragend, nicht nur in Sachen Produktion. Die Performance ist makellos, die Musik absolut tanzbar, die Texte sind kritisch, teils blank zynisch. Orchestral Manoeuvres In The Dark gelingt es mit The Punishment Of Luxury ein Album zu produzieren, das durchaus ein Meilenstein ist, wenn schon nicht für die elektronische Popmusik insgesamt, dann doch mindestens für die Nische, die OMD über Jahrzehnte hinweg entwickelt und geprägt hat.

Orchestral Manoeuvres In The Dark (OMD) – The Punishment Of Luxury erschient am 01.09.2017 bei RCA Deutschland / Sony Music

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Orchestral Manoeuvres in the Dark – Isotype

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