Panzerballett – X-Mass Death Jazz

Hurra, Weihnachten ist abgesagt!

Inzwischen ist es nicht mehr zu leugnen: Weihnachten rückt näher. In wenigen Tagen läuft die Frist für selbstgebastelte Adventskalender, Kerzengebinde und Tannenzweige an den Haustüren ab. Ab dann ist Hardcore. Glühweinverkostung und Jahresabschlussfirmenevents inklusive. Es ist die Zeit, die jedem durch hochwertiges kulturhistorisch wertvolles Liedgut unterschiedlicher Kulturkreise versüßt wird. Sei es nun durch Wham oder Die Fantastischen Vier oder vielleicht etwas aktueller, die Zeit ist heimelig, stimmungsvoll und kotzt einen ziemlich schnell an.

Irgendwann wird jede Band von der Überlegung heimgesucht, ein der Jahreszeit thematisch entsprechendes Album zu schnitzen. Nicht jede Band ist intelligent genug, davon Abstand zu nehmen – was sich dieser Tage wieder an einer unzumutbaren Schwemme fürchterlichster Musikverbrechen weit jenseits jeder durch die Haager Landkriegsordnung gerade noch akzeptierter Verbrechen wider die Menschlichkeit rechtfertigen ließe, wäre man denn taub und von jedem Ansatz musikalischen Geschmacks befreit.

Auch eine kleine Band aus München lässt sich dieser Tage an, die Musikwelt durch ein gar weihnachtsfroh gestimmtes Album zu bereichern. Mit festiven und ins kulturelle Massengedächtnis aller Konsumenten auf ewig eingebrannten Titeln wie Kling Glöckchen, Little Drummer Boy oder Let It Snow wird der Vorfreude auf ein sanftmütig-familiäres Gänsebratenfressen im Kreise der buckligen Verwandtschaft willfähriger Köder vorgeworfen. Einzig der Name des Album irritiert: X-Mass Death Jazz mag auf Anhieb nicht jedem die erwartete Verbindung zu Christbaumkugel, Eierpunsch und Marzipanstollen erschließen.

Die geneigte und kundige Leserschaft mag es an dieser Stelle bereits erahnen, dass gar unscheinbare Details der Erwartung bei diesem Album auf nahezu vernachlässigbare Art kleinere Hindernisse in den Weg gelegt werden könnten. Die der Erbaulichkeit dieser Jahreszeit gänzlich offen und unvoreingenommen gegenüberstehenden Musiker von Panzerballett bewiesen mir dereinst mit ihrem Epos Breaking Brain (2015) zielsicher, dass es eine Welt jenseits des eigenen Horizonts gibt.

Panzerballett X-Mass Death Jazz

X-Mass Death Jazz steht in ungebrochener Folge und Verwandtschaft zu dem, was uns die Band bereits damals farbenfroh und unaufdringlich in den Schädel drosch. Erstens ist Jazz nicht unbedingt das, was Du erwartest. Zweitens endet Metal nicht beim Gitarrensolo und drittens eignet sich beides zusammen hervorragend, um Aggressionen intelligent auszuleben.

Death Jazz ist eine bemerkenswert zutreffende Warnung, die unbedarfte Mainstreamkonsumenten, deren musikalischer Horizont bei “Atemlos” bereits in eine nicht enden wollende Komplexitätsekstase verfällt, ernst nehmen sollten. Mit diesem Album betrittst Du ein Land, in dem andere Regeln gelten. Hier wird ein Sport gespielt, der keine Liga, keine Nachwuchsförderung und erstrecht keinen Welpenschutz kennt.

Die literarische Entsprechung dieses Albums wäre ungefähr Brockianische UltraKricket, wie Douglas Adams in Das Leben, das Universum und der ganze Rest beschreibt. Dieses Album befriedigt mit ziemlich exakt gar nichts die devote Erwartungshaltung, die bei dem Gedanken an “Weihnachtsmusik” in der Regel gegenüber dem üblichen vorweihnachtlichen Konsumerleichterungsgedudel einsetzt.

Verglichen mit sagen wir mal “Weihnachten mit Andy Borg” oder “Kuschelrock Christmas” ist Panzerballett – X-Mass Death Jazz ein Ding aus einer anderen Realität, die – je nach Intention – entweder auf gar keinen oder auf jeden Fall auf die in ehrfurchtsvoller Duldungshaltung erstarrten Mainstreamaudiokonsumenten losgelassen gehört. Die Folgen könnten aufkeimendes Interesse an anspruchsvoller Musik, erwachende Kritik an 08/15 Gedudel und kritisches Hinterfragen des eigenen Geschmacks sein.

Puzzelspiel mit Vorschlaghammer und Kreissäge

Panzerballett zerlegt jedes einzelne Weihnachtlied in seine atomaren Elemente und montieren daraus etwas zusammen, was wegen mir gerade nicht einfallender Bilder vielleicht mit musikalischer Massenvernichtungswaffe umschrieben werden kann. Die von Panzerballett verfassten Versionen haben so gut wie nichts mit den eigentlich hinlänglich bekannten Weihnachtsliedern gemein.

Die musikalische Kreissäge zerlegte jedes Lied ohne Rücksicht auf Konventionen oder Verluste und klebte daraus einen Golem zusammen, dessen brachiale Gewalt sich auf eine unfassbar elegante Art entfaltet. Man denke in diesem Zusammenhang an die faszinierende Ästhetik von Superzeitlupenaufnahmen explodierender Handgranaten in Porzellangeschäften oder Meteoriteneinschläge in Innenstädten am letzten verkaufsoffenen Tag vor Weihnachten.

Die Musik ist eine Melange aus Chaos und Brutalität. Aber im Gegensatz zu manch zusammengedroschenem Aggro-Metal-Lärm geht Panzerballett intelligent, mit äußerster Präzision und herausragendem Können zu Werke. Die Anforderungen bewegen auf allen Seiten an den Grenzen des gerade noch Leistbaren. Das Album zeigt eine Band, die sich Musik erarbeitet und sich mit nichts zufrieden gibt, bloß weil es “funktioniert”.

Zu versuchen, die überragenden Einzelleistungen in den Songs hervorzuheben liegt außerhalb des sinnvoll Machbaren. Musikalisch bleiben Panzerballett ihrer Linie treu und verbinden auf der Grundlage von Jazz und Metal das Gewohnte mit dem Eigenen. Die Fähigkeiten der Musiker sind legendär und der Anspruch ihrer Musik ist es auch. Um X-Mass Death Jazz zu genießen braucht es eine ganz besondere Stimmung und auch Offenheit gegenüber der Musik. Vielleicht auch ein gerüttelt Maß an musikalischer Vorbildung.

Ungewohnt ist für Panzerballett, die Kompositionen durch Gesang begleiten zu lassen. Aber auch hier beweist die Band bemerkenswerte Kreativität und ein sicheres Händchen. Das Album ist eine erfrischende und geniale Bereicherung. Es ist ein tapferer Versuch, den nicht enden wollenden Sumpf des musikalischen Einheitsbreies trockenzulegen. Doch leider wird die große Masse mit diesem Album wenig anfangen können. Anspruch und Komplexität werden groß geschrieben – in diesem Fall nicht nur, weil es Nomen sind.

Wer sich aber auf dieses Experiment einlässt, wird auch hier wieder, wie bei jeder Veröffentlichung von Panzerballett, mit einem nicht enden wollenden Feuerwerk kreativer Musik auf höchstem Niveau belohnt, das immer wieder Grenzen strapaziert und überschreitet. Technisch über jede Kritik erhaben beweist Panzerballett, dass auch ausgenudelte Lieder bemerkenswert spritzig und genial reanimiert werden können, auch wenn es dazu manchmal mehr als nur einen Holzhammer braucht. Kollateralschäden sind vorprogrammiert. You have been warned!

Panzerballett – X-Mass Death Jazz erscheint am 24.11.2017 bei Gentle Art of Music / Soulfood

Offizielle Webseite der Band

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Line-Up

Jan Zehrfeld, Gitarre
Joe Doblhofer, Gitarre
Alexander von Hagke, Saxophon
Heiko Jung, Bass
Sebastian Lanser, Schlagzeug

Gast-Musiker

Mattias IA Eklundh, Gesang & Gitarre (Track 1/6)
Mike Keneally, Gesang (Track 8)
Jen Majura, Gesang (Track 1/4)
Steffen Kummerer, Gesang (Track 8)
Martin Strasser, Gesang (Track 4)

Tourdaten Panzerballett 2017 / 2018

05.12. Aschaffenburg, Colos-Saal
06.12. Reutlingen, franz.K
07.12. Detmold, Red Horn District
08.12. Wuppertal, Live Club Barmen
09.12. Nordhausen, Cyriaci-Kapelle
10.12. Hamburg, Logo
11.12. Berlin, Nuke Club
12.12. Marburg, Jazzclub Cavete
13.12. Würzburg, Blauer Adler
14.12. Graz (AT) – Explosiv
15.12. München, Jazzfest (Blackbox Gasteig)
27.12. Zürich (CH) – Exil
04.01. Regensburg – Leere Beutel
06.01. Wien (AT) – Porgy & Bess

Panzerballett – White Christmas (feat. Mattias ‘IA’ Eklundh & Jen Majura)

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