Paul Draper – Spooky Action

Geisterhafte Fernwirkung über Jahre hinweg

Als Paul Draper mit Mansun in den 1990ern erfolgreich war, hatte ich ihn nicht auf dem Schirm. Die Band ist voll an mir vorbei gegangen, was wohl auch daran lag, dass englischer Britpop mir schon damals ziemlich auf den Zeiger ging. Wenn ich jetzt behaupte, dass ich total aus dem Häuschen war, als mir das erste Solo Album von Paul Draper – Spooky Action auf den Tisch gelegt wurde, wäre das glatt gelogen.

Britpop und ich… das ist ein schwieriges Thema. Ich war deshalb auch wenig geneigt, Spooky Action überhaupt eine Chance zu geben. Aber wofür hat man Freunde? Beim Frühstück gegen 14 Uhr hockten wir um den zweiten Kaffee herum am Thema Musik – total überraschend, ich weiß – und was denn gerade so alles rein kommt. Man blätterte durch den Stapel und plötzlich wurde mit einem bewundernden Pfeifen eben dieses Album hoch gehalten. Ob das etwa DER Paul Draper sei.

Ja was weiß denn ich? Ich habe keine Löcher in den Händen und Gras wächst mir auch nicht aus der Tasche. Außerdem: Selbst wenn: Kennt den jemand? Ist der bekannt? Dem Blick nach zu urteilen, der mir zugeworfen wurde, hätte ich auch behaupten können, Frank Farians Milli Vanilli wären die größte Errungenschaft der Rockmusik gewesen. Ich hatte wohl gerade eine größere kulturelle Wissenslücke offenbart.

Paul Draper – wer, warum und wieso

Im Verlaufe der nächsten zwanzig Becher Kaffee wurde mir kleinteilig auseinandergenommen, wer Mansun war. Ich wurde mit Attack of The Grey Lantern konfrontiert und brauchte schon zur Mitte des ersten Songs mein erstes Bier. Dennoch: Das hatte was. Da war etwas, das mich ansprach. Paul Draper war Frontmann (Gesang und Gitarre) der Band und war zwischenzeitlich an Krebs erkrankt und erfolgreich therapiert worden.

2013 hatte Paul Draper angedeutet, dass er Solo-Material von einem wieder eingestampften Projekt mit dem Namen „Spooky Action At A Distance“ veröffentlichen wollte. 2014 stellte er auf einer Convention seine Debüt-Single Feeling My Heart Run Slow vor. Zwei EPs folgten 2016 und dann war es wieder still. Und jetzt ein Album mit dem Namen Spooky Action? Ob wir uns das mal anhören könnten. Drei vertilgte Bier gaben mir Sicherheit. Was konnte schon schief gehen?

Spoopky Action

Meine Erwartung war… keine Ahnung. Britpop eben. Sowas wie Oasis. Oder Schlimmeres. Aber ich lag falsch. Spooky Action hat zwar eine schwer zu leugnende Verwandtschaft zu dem, was Mansun mal war. Aber das ist faszinierend und sehr charmant verpackt. Da tobt sich jemand aus, der auf einige Jahrzehnte musikalischer Erfahrung zurückgreifen kann und diese Erfahrungen hemmungslos mit viel Können ausnutzt. Ich bin entgegen jeder Skepsis und trotz meiner eindeutig negativen Vorbehalte positiv überrascht.

Das Album groovt mich lässig verträumt an. Es erinnert mich irgendwie an die Simple Minds auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, an Skunk Anansie, an INXS, an verschiedene Trevor Horn Produktionen. Da ist was aus dem New Wave, da sind deutliche „80er“ Synthie-Pop-Elemente, sogar Passagen, die ich intuitiv bei Andrew Eldritch / The Sisters Of Mercy und den Talking Heads und sogar bei Depeche Mode einsortiere. Das gefällt nicht nur wegen seiner Vielfalt, sondern insbesondere wegen des verblüffend hohen Niveaus, auf dem Paul Draper – Spooky Action gemacht ist. Das Songwriting ist solide, die Produktion ist ordentlich. Da nehme ich doch glatt mal einen tiefen Zug aus der Flasche und lasse den Herrn Draper machen.

Das Album rollt. Die Musik ist ständig in Bewegung, tänzelt mal auf dieser, mal auf jener musikalischen Erinnerung herum, stets behutsam und gekonnt modernisiert, immer mit Bedacht. Entspannt zurücklehnen, die vorsichtig ins Zimmer scheinende Sonne genießen und den lieben Gott ’nen guten Mann sein lassen. Das Album funktioniert perfekt. Die Musik ist weder belanglos, noch überfordert sie. Die Ideen sind anspruchsvoll und intelligent umgesetzt. Zu meinem Entsetzen beginne ich das Album wirklich zu mögen.

HighEndPop

Das ist Pop. Im Kern jedenfalls. Da ist aber so viel drum rum, Soul, Elektro, Indie, Rock zum Beispiel, dass es eine Unverschämtheit wäre, das Album auf schnöden Pop zu reduzieren. Spooky Action ist sehr erwachsen und richtet sich eindeutig an die Fraktion, die mit den 80ern / 90ern aufgewachsen ist. Nicht etwa, dass die ohne Bezug zu der Zeit und Musik mit dem Album nichts anfangen können. So nicht. Es fällt jenen wahrscheinlich nur leichter Teile des Albums nachzuvollziehen als diesen. Notwendig ist das letztendlich nicht.

So sitzen wir, genießen, lauschen. Gespräche passieren, Erinnerungen werden ausgetauscht. Wir diskutieren zwanglos und haben eine echt gute Zeit. Das Album bereitet dazu den Raum, steckt einen weiten Rahmen ab, gibt Hinweise. Die Musik zwingt sich nicht auf, drängt sich nicht dazwischen. Spooky Action ist dankbar für jeden Raum, der dem Album eingeräumt wird, füllt diesen sauber und fugenlos aus, sperrt sich aber nicht dagegen, nicht die Hauptrolle des Tages zu spielen.

Immer wieder haben Songs wahre Größe. Die Musiker zeigen Professionalität und Können und sind doch weder steril noch kalt. Das angenehme Pop-Glitzern ist sehr gekonnt eingebettet in Ecken und Kanten. Die Stilrichtungen tragen sich gegenseitig, ergänzen die Musik, die sich langsam einer komplexen Blüte gleich entfaltet und über weite Strecken verblüffend schön ist. Eine Ästhetik, die meinen ehrlichen Respekt und meine aufrichtige Hochachtung mit spielerischer Leichtigkeit nach Hause trägt.

Paul Draper – Spooky Action erscheint am 11.08.2017 bei Kscope / Edel

Offizielle Webseite der Band

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