Phil Collins – No Jacket Required Remaster (2016 Remaster)

Instant Flashback

Es war im Frühjahr 1985, als mir mein damailger Schulfreund Holger einen Song vorspielte, den er am Vorabend auf Kassette im Radio aufgenommen hatte. Ein funkiges Schlagzeug, fast schon fragmentierte E-Gitarre, eine Sythie-linie im Hintergrund und alles zusammengehalten durch die Stimme des Engländers Phil Collins. „Don’t Lose My Number“ wurde für uns der Song dieses Sommers und im Laufe der Jahre tauchten andere Songs vom Album „No Jacket Required“ immer wieder in meinen ganz privaten Hitlisten auf.

No Jacket Required Remaster

Dreißig Jahre später. Okay, Einunddreißig. Phil Collins wagt sich an seine alten Alben heran und veröffentlicht überarbeitete „Remastered“ Editionen. Warum tut er das fragen manche. Spielt das eine Rolle? No Jacket Required war völlig zurecht ein phänomenal erfolgreiches Album, das noch heute in vielerlei Hinsicht als Maßstab herangezogen werden darf. Ja, es war sehr kommerziell ausgerichtet und ja, es war weniger zynisch, verbittert. Aber es trifft bei vielen bis auf den heutigen Tag einen Nerv, transportiert etwas Zeitloses.

Seit 1985 sind inzwischen ein paar Jährchen ins Land gegangen. In der Tontechnik hat sich eine Menge getan und auch an Phil Collins sind die Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. Dennoch ist ein No Jacket Required Remaster nicht unbedingt ein Garant dafür, dass ein Album besser wird. Bei einem so überaus erfolgreichen Album wie „No Jacket Required“ ist die Gefahr sogar recht groß, dass der Schuss nach hinten losgeht. Ich habe ehrlich gesagt mit wenig mehr gerechnet, als einer etwas aufgehübschten Neuveröffentlichung des 85er Albums. Zurückblickend gebe ich zu, dass ich gerade diesem Remaster mit deutlichem Misstrauen begegnet bin.

Cos I’ve been a prisoner all my life
And I can say to you
Take that look of worry, mine’s an ordinary life

No Jacket Required ist für mich nicht nur deshalb Besonderes, weil ich es mit meiner Jugend verbinde. Davon gibt es etliche Songs und Alben. Nein, dieses Album enthält einen Song, der mich immer wieder unter einer Kaskade von Emotionen begräbt. Er hat mir durch einige der schwersten Zeiten meines Lebens hindurch geholfen, hat mir dabei geholfen, Dinge zu verstehen. Ich habe mich irgendwie sofort darin wieder gefunden. Klar, es ist vermessen zu sagen „dieser Song wurde für mich geschrieben“ und es stimmt mit Sicherheit auch nicht. Aber dieses Lied ist beinahe ein Destillat vieler Wendungen, die mein Leben genommen hat.

They don’t think that I listen
But I know who they are

Phil Collins Q&A Facebook No Jacket Required RemasterKennst Du dieses nervenaufreibende Gefühl, beinahe vor Neugierde zu platzen und gleichzeitig richtig Schiss davor zu haben, dieser Neugierde nachzugeben? Angst davor zu haben, dass Du entweder die geilste Sache seit geschnitten Brot verpasst oder aber eins Deiner größten und innersten Heiligtümer zu verlieren? Genau so saß ich – kein Scheiß – eine geschlagene Stunde vor der Anlage und kämpfte gegen mich selbst, nahm die Fernbedienung in die Hand, hantierte unschlüssig damit herum, legte sie wieder weg. Eine gottverdammte Stunde kam ich nicht zu Potte. Wegen eines Albums, das eigentlich „bloß“ ein toll gemachtes, aber dennoch „nur“ ein Pop-Album ist. Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, ich würde es mir auch nicht glauben.

Irgendwann habe ich mich überwunden und irgendwann, Stunden später, war ich auch wieder dazu in der Lage, ohne größere Probleme geradeaus zu atmen. Einfach war das nicht. Und damit gleich das Wichtigste vorweg: No Jacket Required Remaster ist kein Schritt zurück. Die Korrekturen und Eingriffe der Remastered Edition mögen wie Kleinigkeiten wirken. Die Details sind filigran, manchmal leicht zu übersehen, bzw. zu überhören. Aber sie sind, insbesondere im direkten Vergleich, deutlich wahrnehmbar und sie sind verdammt gut gemacht. Das Elementare, das lange Zeit den Sound vieler anderer Musiker prägte und zum Teil heute noch prägt, erwacht zu neuem Leben und das, wie Phil Collins betont, ohne Fairlight.

Phil Collins Studio Instagram No Jacket Required RemasterNo Jacket Required Remaster ist eine Zeitreise mit einem zeitlosen Album. Es ist präsent, klar – und es hat Fehler. Es ist zwar entgratet und poliert, aber es ist nicht spiegelglatt. Gerade diese Eigenschaft, der Mut zur Nicht-Perfektion, der vielleicht besonders damals „State of the Art“ war, der Cellophan-Film, der über alles gezogen wurde, er wurde hier zwar nicht entfernt, aber doch deutlich ausgedünnt. Das macht das Album menschlicher und den Künstler dahinter präsenter.

Die zweite CD der Deluxe Edition der No Jacket Required Remaster ist ein Schatzkästchen der ganz besonderen Art. Auf ihr wurden 10 Konzertmitschnitte und drei Demos der Songs des Albums zusammengestellt, die der Musik von Phil Collins eine weitere Dimension geben: Den Eindruck von „Live“ und eine Ahnung vom Entstehungsprozess. Egal welcher Künstler, egal welches Konzert: Ein Live-Mitschnitt fängt nie das Feeling ein, das entsteht, wenn man wirklich LIVE dabei war. Das ist einfach nicht möglich und das erwartet wohl auch niemand.

Phil Collins Berlin Jan Farclas Wikipedia No Jacket Required RemasterDoch davon ab gehören diese 10 Live-Aufnahmen für mich ohne Zweifel zu den technisch besten Live-Aufnahmen, die ich seit ganz langer Zeit gehört habe. Die Stadion-Atmosphäre ist präsent eingefangen, das Klangbild stimmt, ist plastisch, hat diesen speziellen lebendigen Sound, diese Offenheit und Freiheit, wie ihn nur Musik in gewaltigen Arenen entfaltet – und auch das ist eine Leistung des erneuten Masterings der Abbey Road Studios, vor der ich nur meinen Hut ziehen kann.

Letztendlich mögen viele Korrekturen auf beiden Scheiben rein technischer Natur sein, doch No Jacket Required Remaster ist eins der Pop-Alben, die man im Schrank stehen haben darf, ohne sich dessen zu schämen. Auch wenn es vielleicht nicht sein bestes Album überhaupt ist, manche werden das 89er „…But Seriously“ oder das 81er „Face Value“ bevorzugen, für mich ist dieses Album sein wichtigstes und darauf kommt es an – your mileage may vary.

Phil Collins – No Jacket Required (Remastered) erscheint am 15.04.2016 bei Rhino / Warner

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(Fotos: Phil Collins, Instagram, Facebook, Jan Farclas)

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