Pink Floyd – A Momentary Lapse Of Reason / The Final Cut Remaster / Reissue

Kontroverse neu aufgelegt

Die Wiederveröffentlichung der letzten beiden Alben aus dem Katalog von Pink Floyd steht bevor: „The Final Cut“ und „A Momentary Lapse Of Reason“. Beide Alben werden von Fans aus mehreren Gründen intensiv und kontrovers diskutiert. Beide Alben stellen den Hörer vor ganz eigene Herausforderungen und sind für Einsteiger in die musikalische Welt von Pink Floyd vielleicht nicht gerade erste Wahl. Besonders „The Final Cut“ wird gemeinhin als Pink Floyds schwierigstes Album angesehen und wurde von der Fachpresse sogar zu einem der deprimierendsten Alben aller Zeiten gekürt.

The Final Cut

Pink Floyd The Final CutStatt des ursprünglich geplanten Soundtracks zu Alan Parkers Film „The Wall“ entstand angesichts des damals zeitgleich ausbrechenden Falklandkriegs ein radikal bedrückendes Antikriegsalbum. Die Stimmung des Albums ist depressiv und verzweifelt und Rogers beseitigte jede noch so kleine musikalische Andeutung von Hoffnung und Optimismus. Erlösung aus diesem Sog der Verzweiflung gibt es nicht, einzig das apokalyptische Ende der Welt vermag einen Schlusspunkt zu setzen. Angesichts dessen verwundert es wohl nicht, dass stimmungsvolle Kracher wie „Another Brick In The Wall Part 2“ oder „Run Like Hell“ fehlen. Das dem am nächsten kommende ist vielleicht noch „Not Now John“ mit Gilmours einzigen Gesangspart des Albums.

Die von Roger Waters geschaffenen Kompositionen passen klanglich voll zur Thematik, sind pakend, drückend und hoch emotional. „The Final Cut“ ist zwar, bedingt durch das zugrunde liegende Material, sehr eng mit „The Wall“ verwandt und enthält auch Zitate daraus. Allerdings verfolgt Waters hier ganz eigene Ideen und setzt sie kraft eigener Willkür nach eigenem Gusto um. „The Final Cut“ gilt auch als Rogers inoffizielles Solo-Album: Rick Wright war schon zur The Wall Tour raus. Nick Mason durfte sich, angesichts der weitgehend fehlenden Schlagzeugparts, auf dem Album überwiegend mit Samples und Effekten beschäftigen. David Gilmour dagegen fand es einfach unzumutbar, mit minderwertigem Material zu arbeiten und hatte deshalb herzlich wenig Lust dazu, an dem Album mitzuwirken. Genügen Stoff für Kontroversen rund um das Album.

Die Atmosphäre des Albums ist überaus überzeugend dicht und authentisch. Die Lyrics sind auf den Punkt und Waters Stimme ist beinahe hypnotisierend intensiv, vielleicht auch wegen seines persönlichen Bezugs zur Thematik. Und obwohl Gilmour eigentlich keinen Bock hatte, finden sich gerade auf „The Final Cut“ einige seiner besten Gitarreneinsätze. Egal wie man zu dem Album und der Entstehungsgeschichte und dem Drama im Hintergrund steht, „The Final Cut“ am Ende ein bemerkenswert gutes Album, vielleicht sogar eins der besten der Band.

Für das Remaster / Reissue wurde auf die Bänder von Guthrie / Grundman / Plante zurückgegriffen. Die Klangqualität ist überwältigend und braucht keinen Vergleich zu scheuen. Verarbeitung, Optik und Haptik sind klasse. Der Klang ist natürlich und harmonisch ausgewogen. In lauten wie auch leisen Passagen ist die Neuveröffentlichung sauber ausgesteuert: Kein zerren, klirren oder flirren. Das Cover überzeugt, der Druck ist hochwertig und ahmt das Original so gut es eben geht nach. Der Karton des Gatefolds ist stabil und der Sleeve gefüttert und wie beim Original bedruckt – so soll es sein. Für manche gewöhnungsbedürftig wird die Einordnung von „When The Tigers Broke Free“ zwischen „One Of The Few“ und „The Hero’s Return“ sein, das so wieder in den Kontext des Albums einsortiert wurde. Insgesamt ein „Must Have“ für jeden echten Fan.

A Momentary Lapse Of Reason

Pink Floyd A Momentary Lapse Of ReasonEs ist eine ganz eigene Ironie der Geschichte, dass mit dem ersten Album ohne Roger Waters das Comeback der Band begann. Kennzeichnend für dieses Album ist ein insgesamt zugänglicherer Sound, zumindest verglichen mit den letzten Alben unter Waters Regie. Auch deshalb wird „A Momentary Lapse Of Reason“ von Anfang an sehr kontrovers diskutiert. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, wurde es zu einem der erfolgreichsten Alben von Pink Floyd.

Die Arbeiten an dem Album begannen während erbittert geführter Rechtsstreite um die Verwendung des Bandnamens und Tantiemen. Gilmour wollte ursprünglich zusammen mit Nick Mason ein weiteres Soloalbum veröffentlichen. Als dieses Vorhaben von Gilmours Label mit eher lauwarmer Begeisterung aufgenommen wurde, entstand die Idee, stattdessen aus dem Material ein Pink Floyd Album zu machen. Verstärkt durch eine kleine Armada Gastmusiker, unter anderem auch Rick Wright, entstand ein Album, dessen Songwriting näher an den Pink Floyd der frühen 1970er Jahre dran ist, als alles andere seit „Wish You Were Here“.

Der Sound hingegen steht ganz im Zeichen der 1980er. Der Sound von Tony Levin am Bass (Peter Gabriel, King Crimson) ist ebenso markant, wie der Einsatz von Sequencern und Synth-Gitarren führten Pink Floyd in eine neue Ära. Pink Floyd klangen plötzlich modern und zeitgemäß, wagten sich mit „Learning To Fly“ sogar in die (klangliche) Nähe des Pop – mit überraschendem kommerziellen Erfolg. Das Album folgt der Gratwanderung entlang der Grenze zwischen Kommerz und der Essenz von Pink Floyd. Entgegen jeder Erwartung finden sich gerade auf diesem Album einige der großartigsten Meisterwerke der Band: „On The Turning Away“ und „Sorrow“. Daneben gehen großartige Songs wie „Dogs Of War“, „Yet Another Movie / Round And Around“ leider etwas unter.

Post Waters Ära

Manchem ist das erste Werk der Post-Waters-Ära zu kommerziell und nicht mehr „the real thing“. Andere wiederum sagen, dass die Band erst mit „A Momentary Lapse Of Reason“ aus dem Elfenbeinturm herausgekommen wäre und angefangen hat, zeitgemäße Musik zu machen, mit der auch Fans ohne abgeschlossenes Musikstudium etwas anfangen konnten. Egal wie man zu dieser Frage steht, die Leistungen der Musiker sind so oder so hervorragend und alleine der Stellenwert von „On The Turning Away“ dürfte von wenigen ernsthaft bestritten werden.

Wie schon bei „The Final Cut“ wurde auch für „A Momentary Lapse Of Reason“ wurde das Remaster von Guthrie, Grundman und Plante herangezogen. Fertigungsqualität von Vinyl und Cover sind makellos. Die Aufnahme ist sauber und rauschfrei, der Klang atemberaubend brillant und trotzdem natürlich und ausgewogen. Die Bässe sind verglichen mit anderen aktuellen Veröffentlichungen enorm kraftvoll und wirken überzogen, sind tatsächlich aber lediglich überzeugende und unverfälschte Aufnahmen der verwendeten Instrumente, deren Wucht häufig stark unterschätzt wird.

Das Gatefoldcover ist aus stabilem Karton und wie das Original teilweise Hochglanz lackiert. Der Druck ist erstklassig und lässt keine Wünsche offen. Der Sleeve ist ebenfalls bedruckt, aber im Originaldesign mit Foto von Gilmour und Mason und den Lyrics, und nicht, wie bei späteren Veröffentlichungen, mit einem Foto von Gilmour, Mason und Wright. Allerdings ist der Sleeve nicht gefüttert, was Puristen vielleicht nicht begeistern wird. Davon abgesehen aber ist dieses Remaster / Reissue ein Juwel, das sich Fans nicht entgehen lassen sollten.

Pink Floyd – A Momentary Lapse Of Reason / The Final Cut Remaster / Reissue erscheint am 20.01.2017 bei Parlophone Label Group / Warner

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Pink Floyd – „On The Turning Away“

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