Playfellow – Ephraim’s House

Ephraim’s House von Playfellow soll eine EP sein – okay, kann man so nennen. Sind ja „nur“ fünf Tracks drauf. Aber diese fünf Tracks sind lang. Auf 34 Minuten Laufzeit bringt es die Scheibe. Manch anderer Musiker wäre bestimmt völlig aus dem Häuschen, wenn auf seinem Release-Album eine vergleichbare Menge Inhalt angeboten würde. Trackzahl und Laufzeit sind ja nun doch nicht immer alles.

Ich wollte an dieser Stelle eigentlich schreiben, wie toll auch ein kurzes Album, eine EP, sein kann und dass geneigte Musikinteressenten und -innen auch mit fünf Tracks sehr glücklich sein können und vielleicht mal so etwas wie Dankbarkeit gegenüber dem Künstler auch mal ganz nett wäre, weniger ist ja manchmal mehr und so weiter blah blah. Mit diesem festen Vorhaben mache ich mich auf den Weg Dinge zu erledigen und mir unterwegs Playfellow – Ephraim’s House anzuhören.

Herbst. Nebel. Kalt, aber nicht eisig. Nasses Laub. Bäume. Die Hände tief in die Taschen meines Mantels vergraben stapfe ich los. Gitarren. Ein vielleicht etwas melancholischer Gesang. Meine Gedanken treiben, schwimmen mit der Melodie. Es ist wie im Film und es passt alles zusammen. Es ist der Soundtrack zu dieser Jahreszeit, zu dieser matschig nasskalten Stimmung.

Und dann, beinahe wie von selbst, geht im Kopf die Sonne auf: Behutsam dreht die Stimmung, nimmt die Musik Fahrt auf, fährt hoch. Die Band legt die Schmusedecke weg und stöpselt die E-Gitarren ein. Auf dem zurückhaltenden, beinahe schüchternen Lead In der EP aufbauend, badet mich Playfellow in einer berauschenden Brandung aus „Wow“ und „Boah“. Mit beeindruckender Impertinenz drischt mir die Band den Flow, die Essenz dessen, was Ephraim’s House ausmacht, ohne Umweg über Ohren und Hörnerv direkt ins Hirn.

Die Atmosphäre der Musik ist phänomenal. Was der Anfang schon filmreif passend zu meiner Stimmung, zum Wetter und generell zu meiner Einstellung der Welt gegenüber, so ist der Hauptteil der EP wie ein emotionaler Katarakt, der mich mitreißt, der mich beatmet, der mich elektrisiert. Auf dem breit ausgerolltem Soundteppich tänzelt die Stimme des Sängers, mal melancholisch zerbrechlich, mal rebellisch aufbrausend und berührt genau die richtigen Stellen, bringt genau die richtigen Saiten zum Schwingen, rockt rundherum stimmig und schlichtweg großartig.

Seit drei Tagen lässt mich diese EP, dieses „beinahe Album“, dieses … Ding nicht in Ruhe. Seit drei Tagen kehre ich immer wieder zurück in diese fast schon unwirkliche, abstrakte Welt von Playfellow und Ephraim’s House. Warum? Genau das ist die Frage! Warum, Playfellow, warum nur Fünf Tracks? Warum quält ihr mich so? Was habe ich Euch getan, dass ihr mich mit bloß fünf Tracks anfüttert und dann jämmerlich nach mehr winselnd vor den Boxen liegend zurück lasst? War ich nicht lieb genug zu Euch? Haben wir Streit? Stand die Zahnpasta Tube auf der falschen Seite? Gab es keinen Kaffee? Warum nur?

Ephraim’s House ist mit einem Wort: Boah! Es ist so gut, dass es schon fast eine Unverschämtheit ist. Die Songs bauen einen beinahe perfekten atmosphärischen Spannungsbogen auf, inklusive stimmigem Anfang und dazu passendem Ende. Die einzelnen Songs haben Handlung, erzählen Geschichten, haben einen eigenen Ablauf, Dynamikwechsel, Tempowechsel, Stilwechsel. Es hat einen Augenblick gedauert, bis Ephraim’s House bei mir so richtig gezündet hat. Aber seit dem hasse ich diese EP dafür, dass sie bloß fünf Tracks hat. Fünf gottverdammt geniale Tracks, deren Stimmung und Nachglühen mir am Ende die Chemnitzer nur eins zu fragen offen lassen: „Okay, und was muss ich tun, um den Rest zu bekommen?“

Playfellow – Ephraim’s House erscheint am 13.11.2015 bei Atomino Tonträger / Believe Digital

Webseite: http://www.playfellow.de/

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