Safi – Janus: Manchmal ist sogar Rockmusik Kunst

Zerrissen, genau. Zerrissen war das Wort, nach dem ich gesucht habe, als ich mich mit Safi – Janus auseinandergesetzt habe. Mein erstes Gefühl war, dass die Musik von Safi irgendwas zwischen Pop-Rock, Grunge, Post-Punk ist… oder so. Aber ganz so leicht ist es dann doch nicht, denn das Gefühl, dass die Musik vermittelt, ist ein Gefühl von Zerrissenheit, von Rastlosigkeit, Verzweiflung. Ein schemenhaftes Gefühl von Albtraum und Panik entsteht beim Hören der Musik, die erstaunlich intellektuell und wenig impulsiv daherkommt, was die Auseinandersetzung mit dem Album zu einer lohnenden Herausforderung macht.

Zwei Dinge lassen sich schnell und ohne großes Nachdenken über Janus sagen: Erstens, es ist laut, zweitens, es ist unbequem. Eine düster-kühle Stimmung haftet der Musik von Safi an. Die Musik fühlt sich an wie Gekachelte Wände, Klinikkorridore in der Nacht, flackerndes Neonlicht. Nicht in der Art „düster“, dass Janus ein Gothic-Album wäre, oh nein. Janus ist ein ganz anderes Kaliber. Art-Rock? Oder vielleicht Dark-Avantgarde? Es schwingt eine punkige Protestnote in der Musik mit, aber diese Musik kommt mehr aus dem Kopf und ist weniger einem spontanen Impuls folgend. Über diese Songs hat sich jemand lange und intensiv Gedanken gemacht.

Nina Hagen fällt mir ein, die ihre Texte stilistisch vielleicht ähnlich vorgetragen hat, aber der Soundteppich von Safi passt mehr zum amerikanischen Rock. Sonic Youth vielleicht? Schwierig. Die Lyrics folgen einer ganz eigenen Linie, die sich manchmal kein Stück um das zu kümmern scheint, was die Instrumente gerade veranstalten. Und dennoch entsteht ein in sich stimmiges, anspruchsvolles Gesamtkunstwerk, das überhaupt nicht breiten- oder massentauglich ist und wahrscheinlich auch gar nicht sein will. Safi – Janus ist exakt das Album, das ich aus dem Schrank hole, wenn mir wieder jemand erzählt, dass es keinen intelligenten, anspruchsvollen, deutschsprachigen Rock gibt.

Mitsingen? Heh, viel Spaß. Nein, wirklich. Wer es schafft mit seiner Stimme anzustellen, was die Sängerin mit ihrer Stimme hinlegt, singt nicht mehr „mit“, sondern wird längst von seiner eigenen Band vergöttert. Die Texte sind intelligent verstrickte, kryptische Situationsbeschreibungen und Gedanken: „Ich knote die Beine zusammen – Die Außenseite meiner rechten Wade reibt sich an der Außenseite meines linken Oberschenkels – Ich denke eventuell – Im Dunkeln sehen Straßenlaternen bei Regen wie Duschen aus.“ Meine Deutschlehrer wären durchgedreht, hätte ich solche Texte fabriziert.

Es gehört eine ganze Menge Können und Verstand dazu, Musik so wirken zu lassen, als sei sie gewaltsam zusammengeprügelt worden und sie dabei gleichzeitig so harmonisch treibend, fordernd rocken zu lassen. Janus ist ein Werk, das mich sehr beeindruckt. Die Stimmung ist für deutschen Rock beinahe beängstigend finster, weit jenseits der meisten Gothic-Produktionen. Safi – Janus ist garantiert nicht jedermanns (Mainstream-)Geschmack, aber gerade deshalb ein Juwel, das an- und dem zuzuhören sich lohnt.

Safi – Janus ist erschienen am 26.06.2015 bei Pias / rough trade.

Webseite der Band: http://safimusic.com/

Termine 2015:

18.07. Solingen – Phunk Department Festival
03.09. Berlin – Berghain Kantine
10.09. Frankfurt – Das Bett
11.09. Stuttgart – Keller Klub
12.09. Freiburg – Slow Club
18.09. Dresden – Beatpol
16.10. Bonn – BLA supporting „Illegale Farben“
23.10. Bayreuth – Glashaus

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