Schwarzschild – Radius, keine musikalische Physik

Entstehungsgeschichte

Selten habe ich die Entstehungsgeschichte eines Albums so direkt verfolgt wie bei Schwarzschild – Radius. Eher durch Zufall bin ich irgendwann 2016 über Schwarzschild gestolpert, über ein Promo-Kit. Dabei ein paar Songs, die ich echt klasse fand (und vor allem: Immer noch finde). Und ich habe begonnen, den Werdegang des deutschen Duos zu verfolgen. War begeistert von der ersten Single im März, habe mitgefiebert, als Schwarzschild für ihr Debutalbum Radius eine Crowdfunding-Kampagne starteten (und kurz vor Ende tatsächlich ihr gesetztes Ziel erreichten!).

Ich habe mich für Dino und Peter gefreut, als sie bei Echozone unterschrieben, und die ganze Zeit dabei gefiebert. Gefiebert auf das Debut-Album Radius, das Ende Mai 2017 erscheinen wird. Und jetzt endlich…

Ein Schwarzschild Radius

In der Physik beschreibt ein Schwarzschild – Radius – grob vereinfacht – die maximale Größe eines Schwarzen Loches von einer bestimmten Masse. Und dicht an diesem Ereignishorizont entlang bewegen sich auch Dino Serci und Peter Daams mit ihrem Dutzend Tracks auf dem Album Radius. Klar, fröhliches Besingen von Wein, Weib (oder Kerl) und Gesang geht, und kommt auch immer wieder gut an. Schwarzschild geht einen anderen Weg und greift schwere Themen auf.

Egal ob es um Drogenkonsum wie in In Meinem Blut geht oder in Mein Feind um Depressionen, Schwarzschild eifert nicht so vielen Bands nach, die von Lösungen singen oder sich begeistert zeigen, dass sie ja nun ja alles im Griff hätten. Keine „Happy Endings“ bei Lied-Ende, keine Patentlösungen. Nur die Gewissheit, dass auch andere Leute bestimmte Probleme nachvollziehen können. In mir tobt ein Krieg, den sonst keiner sieht. Ich kämpfe allein, an jedem Tag, nicht der Verlierer zu sein. Schwarzschild verspricht uns nicht „wird ja alles gut!“ – aber sie zeigen uns, dass da Leute sind, die uns verstehen.

Und das Duo aus dem Ruhrgebiet zieht auch bei problematischen Themen keine Grenze. Wenn in Der Letzte Weg ein Wunsch nach dem Freitod besungen wird, ziehen die beiden nicht die einfache Notbremse. Sagen nicht „Sterbehilfe in medizinisch indizierten Fällen“. Nein, das „Warum“ wird nicht behandelt. Ja, das Gewicht der Themen ihrer Lieder kommt einem Schwarzen Loch schon verdammt nahe.

SchwarzschildMusikalischer Rundflug

Schwarzschild ordnen sich selbst auf einer ganzen Schiene von Genres an, angefangen im Synth-Pop bis hin zu Industrial. Ich würde sie schon aufgrund ihrer Lyrics größtenteils deutlich düsterer einordnen, also irgendwo zwischen Goth-Pop und softem EBM ansiedeln. Mit, ja, Elementen aus dem Industrial – die dezent eingesetzten Sprachsamples, das Avantgardistische. Und ja, auch mit Ausnahmen – vom Tempo, von der Klangfarbe ist Heute ein sehr softer Song. Bis Du auf die Lyrics achtest.

Musikalisch bewegt sich Radius durch ein weites Spektrum. Von sanften, poppigen Schmeichelklängen bis zu treibenden Basslinien, die Dich quasi auf die Tanzfläche zerren, ist alles vertreten. Ähnlich weit gestreut ist die vokale Bandbreite von Sänger Dino. Auch hier: Bewusst, selektiv und nur manchmal gesetzte akustische Effekte auf der Stimme erhöhen den Reiz, statt möglicherweise Unvermögen zu kaschieren. Insgesamt beeindruckt die klangliche Reichweite dieses Debut-Albums auf ganzer Linie.

Der ist doch gekauft!

Okay, ich gebe zu: Ein so durch die Bank weg positiver Report klingt ein wenig nach „Gefälligkeit“. Nach „Schönreden“. Manchmal bedeutet das aber auch nur, dass das erste Album einer ziemlich neuen Gruppe wirklich gut ist, und fast genau eine Stunde abwechslungsreiche, gute elektronische Musik geliefert wird. Und so ganz im Stillen, nur zwischen Dir und mir: Einen der zwölf Tracks mag ich tatsächlich nicht so gerne. Das kann aber auch an mir liegen (und ein neues Auto fahr ich leider auch nicht…).

Schwarzschild – Radius erscheint am 26.05.2017 bei Echozone.

Webseite Schwarzschild (Facebook)

SCHWARZSCHILD – Bis zum Ende der Zeit (Official Video)

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