Somali Yacht Club – The Sea

Fortsetzung eines bemerkenswerten Debüts

Der Name Somali Yacht Club sorgte schon beim Debüt The Sun (2015) für Aufmerksamkeit. Somalia, das Land am Horn von Afrika hat bei vielen keinen besonders guten Ruf. Der Film Black Hawk Down (2001) skizzierte ein gewalttätiges, kriegerisches Land. Seit damals sind die Nachrichten nicht viel besser geworden. Das Horn von Afrika ist auch heute noch ein Krisenherd. Die Wahl des Namens suggeriert ein Bild, das allerdings wenig über das zweite Album Somali Yacht Club – The Sea aussagt.

Die Band stammt nicht aus Afrika, sondern aus der Ukraine. Die Musik ist weder afrikanisch noch folkloristisch. Die Musik ist nicht aggressiv, kriegerisch oder blutrünstig. The Sea ist die musikalische Fortsetzung von The Sun. Der Rock der Band entfaltet sich zwischen Progressive, Psychelic und Stoner, ist klar, teils sogar beinahe strahlend. Die unterschwellige Stimmung der Musik ist es, die sich vielleicht mit Somalia vergleichen lässt. The Sea verbreitet eine teils desolate, verzweifelte Stimmung, die von einer unterschwellig brodelnden Energie durchzogen ist.

The Sea

Wie schon das Debüt ist auch The Sea ein Album mit vergleichsweise wenigen Tracks. Sechs Songs liest sich auf dem Papier erst einmal wenig. Die Tücke steckt auch hier im Detail. Bereits der Opener Vero schlägt mit über elf Minuten Länge zu Buche. Übertroffen wird er aber noch vom darauf folgenden Religion of Man, das knapp die zwölf Minuten Grenze knackt. Der Rest des Albums ist mit sechseinhalb bis etwas über neun Minuten dagegen schon fast “kurz”.

Die Werke sind mächtig. Nicht nur wegen ihrer schieren Länge. Die Kompositionen sind kraftvoll, beeindruckend vielseitig und abwechslungsreich. Obwohl die Länger der Songs anderes befürchten lässt, ziehen sich die Songs gar nicht, im Gegenteil. Sie sind stets genau “gerade lang genug”. Somali Yacht Club spielt immer wieder überraschende Ideen aus, die sie kreativ umsetzen. Dabei gehen die Musiker nicht nur kompetent, sondern auch mit einer bemerkenswerten Frische ans Werk.

Stimmung statt Effekte!

Das Album schafft eine Atmosphäre, die frisch und belebend ist. Völlig frei von der teils erdrückenden Last der Genres spielt die Band hingebungsvoll detaillierte Soli neben wuchtig rockenden, beinahe orgastischen Passagen. Auch ruhige Längen wirken nie desorientiert oder ziellos. Stets klingt alles geplant und konzentriert. Der Zuhörer wird geführt, angeleitet, aber nicht gezwungen oder erschlagen. Stattdessen konzentriert sich die Band auf das musikalische Erzählen ihrer Geschichten.

Immer wieder überraschen echte Wow-Momente, in denen die Band unvermittelt Tempo und Farbe dreht, den Songs unvermittelt neue Richtungen gibt. Speziell Hydrophobia sei hier hervorgehoben (und empfohlen), das völlig anders endet, als es beginnt. Jedes Thema hat Raum sich zu entwickeln, jedes Instrument ist gleichberechtigt. Somail Yacht Club spielt als organische Band und stellt eine Größe unter Beweis, die manch andere Band etwas blass aussehen lässt.

War The Sun noch ein beachtliches Erstlingswerk, ist The Sea der Beweis, dass Somali Yacht Club keine Eintagsfliege ist, die mit dem ersten Album bereits das ganze Pulver verschossen hat. Im Gegenteil. The Sea unterstreicht die Erwartungen, bestätigt sie und legt noch einen oben drauf. Dabei arbeitet die Band eigentlich nur mit ganz schlichten, einfachen Komponenten der Genres. Es ist also nicht das Neue, das noch nie Gehörte, was den Reiz ausmacht. Es ist vielmehr die Kombination aus dem solide etablierten, den Ideen, der sich durch das Ganze Album ziehenden Stimmung und der überdeutlich spürbaren Hingabe, die The Sea zu einem faszinierenden Juwel machen. Immer wieder ringen die Songs sprachloses Erstaunen und Hochachtung ab.

Genau so!

The Sea ist auf den Punkt. Es gibt nichts, was ich an diesem Album bemängeln könnte. Alles vielleicht irgendwie Negative gehört am Ende doch ins Reich des Geschmacks und entbehrt stichhaltiger Sachkritik. Phänomenal gute Scheibe, die jeder Fan von atmosphärischem Progressive Rock mit deutlichen Schattierungen von Psychedelic und Stoner begeistern wird, weil eben alles stimmt. Das Spiel, das Songwriting, die Aufnahme, das Mastering… astrein.

Somali Yacht Club – The Sea erscheint am 22.01.2018 bei Robustfellow / Kozmik Artifactz

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Somali Yacht Club – Blood Leaves a Trail

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