Sparks – Hippopotamus

Ich wünschte, Du wärest lustig (und könntest diese Anspielung verstehen)

In den mehr als vierzig Jahren ihrer Kariere haben sich die Sparks immer wieder dramatisch verändert. Versuchte das Duo aus Los Angeles anfangs noch irgendwie nach den Kinks und The Who zu klingen, nahmen sie sich bald einer einzigartigen Kombination aus Pop und Glam Rock an, mit der sie in England bemerkenswert erfolgreich waren. Schließlich wurde der Rock komplett weggelassen und voll auf Disco gesetzt (No. 1 in Heaven, 1979). Mit Lil‘ Beethoven (2002) verließen die Sparks endgültig jegliche Genre-Definition, indem sie auf klassische Kompositionen mit Streichern und Chören zurückgriffen. Hippopotamus, das 23. Album der Band, fällt ebenfalls aus jedem üblichen Rahmen.

War das 2009 veröffentlichte The Seduction Of Ingmar Bergman ein Hörspiel und die Zusammenarbeit mit Franz Ferdinand unter dem Pseudonym FFS nicht wirklich ein reines Sparks Album, ist Hippopotamus als das erste „richtige“ Sparks Album seit fast einer Dekade. Typisch für die Sparks ist der Spaßfaktor der Songs. Allerdings sollte Spaß nicht mit albern oder belanglos beziehungsweise trivial verwechselt werden. Der Anspruch der Musik ist trotz der Nähe zu Pop und Electro (angereichert durch verschiedenste klassische Stile) zum Teil gewaltig.

Die Sparks sprechen einen kultivierten, intelligenten und erwachsenen Humor an, der einige Kopfarbeit erfordert. Wenn sich die Sparks mit der öden Langeweile einer Beerdigung befassen oder die Details der einfachen, anspruchslosen sexuellen Befriedigung ergründen, darf es nicht verwundern, dass sie dem skandinavischen Design huldigen als Lebensstil huldigen. Belanglos sind die Themen ganz bestimmt nicht, wie schon mit dem Opener klar wird, in dem sich die Band mit dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und der Angst vor Alzheimer auseinandersetzt – in aller gebotenen Kürze, versteht sich, denn man muss ja auf die Merkfähigkeit der Zuhörer Rücksicht nehmen.

Hippopotamus – Das Nilpferd im Zentrum des Geschehens

Ausgetreten sind die musikalischen Wege sicher nicht, denen die Sparks auf Hippopotamus folgen. Zwar sind die einzelnen Stile nicht neu. Einige sind sogar etliche Jahrhunderte alt. Allerdings sind sie in dieser Form und in der Welt von heute mindestens ungewohnt. Auch wenn die Musik oft anderes vermuten lässt, sind längst nicht alle Charaktere, derer sich die Sparks annehmen, sympathisch. Das Spiel mit Hoffnung und Bedauern, eigenen Ansichten und manchmal beißenden, oft schreiend komischen Kommentaren, ist wahrscheinlich überhaupt nur in dieser hochgradig komplexen musikalischen Welt der Sparks möglich.

Gerade der Rückgriff auf die klassische Musik, das Verwenden von Arien, Chören, Ansätzen aus Barock, Renaissance und anderen Zeiten erlaubt einen Freiraum, den heutzutage so strikt durchkomponierte Formen wie Pop oder Rock in dieser Form einfach nicht bieten können. Die Wirkung ist verblüffend befreiend. Ja, manche Songs sind auch wegen ihrer ungewohnten Struktur fordernd, um nicht zu sagen anstrengend. Aber genau dadurch schafft es die Band, dass man hin- und zuhört.

Selbst so eingängige (und dennoch geniale) Stücke wie Edith Piaff (Said It Better Than Me), die nah am Rock gebaut scheinen, bewegt sich unter der Oberfläche in barockes Orchester, währen die Sparks über ein risikofreies Leben sinnieren und feststellen, dass es zwar ein hübsches Lied ist, sich aber nicht an den Sänger richtet. Wenn (wie in Scandinavian Design) die gemütliche Ruhe der stark an 70er/80er Jahre Mainstream Progressive Rock erinnernden Melodie beiläufig auf seine Wurzeln im 15./16. Jahrhundert zurückgeführt und reduziert wird, wird spätestens klar, dass die Sparks weit mehr im Sinn haben, als kurzweilige Unterhaltung durch Pointenreiterei. Jedes Detail hat seinen Zweck und nichts ist zufällig. Den Zusammenhang zu entdecken setzt allerdings voraus, tiefer zu blicken (oder zu hören), als bis zu Melodie und Refrain.

Dabei schaffen die Sparks es quasi mühelos, bei ihrem wundervoll verworrenen Wortspielen und Dialogen so blasiert und abgehoben ‚rüberzukommen, als wären sie der Inbegriff der blasierten Eaton-Absolventen, deren ererbter Adelstitel und Wohlstand sie zu etwas Besserem machen. Auch das macht Hippopotamus phasenweise anstrengend, aber eben genau das soll es auch sein. Es geht schließlich auch um die Frage, ob, und wenn ja wie, sich hohe Kunst vom blanken Unsinn unterscheidet. Ohne Provokation kann diese Frage nicht gestellt werden.

Stoff zum Nachdenken

Am Ende bleibt trotzdem offen, ob das neue Album der Sparks Hippopotamus ein Album für jeden ist. Manche Anspielung setzt zumindest grundsätzliche Kenntnis klassischer Autoren voraus. Andere wiederum basieren auf dem Verständnis von gesellschaftlichem Wandel im Verlauf der Geschichte und wieder andere erschließen sich vielleicht nur dem, der genug über Musik weiß, um die manchmal weit gespannten Bögen korrekt deuten kann. Auch dem Schreiber dieser Zeilen gelingt dies selten genug. Trotzdem, oder vielleicht deshalb regt Hippopotamus zum Nachdenken an und kann dann doch wieder ein Album für alle sein.

Aber Hippopotamus ist von allen inhaltlichen Fragen und Themen abgesehen auch handwerklich bemerkenswert, wenn nicht sogar großartig. Die dynamischen Wechsel sind nahtlos und zeugen von echtem Können. In Sachen Kreativität ist Hippopotamus ein Meilenstein. In einen lässig groovenden Pop-Rock Song nahtlos eine Arie einfließen zu lassen, ist mindestens inspirierend. Manch anderer spontaner Wechsel zwischen den Stilen zwingt die Frage auf, warum im direkten Vergleich so viel andere Musik so belanglos gleichförmig klingt. Alleine deshalb gehört Sparks – Hippopotamus in jeden Plattenschrank.

Sparks – Hippopotamus erscheint am 08.09.2017 bei BMG / Pias / Rough Trade

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Sparks – Edith Piaf (Said It Better Than Me) Official Video

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