Steven Wilson – To The Bone

Eleganter Vorschlaghammer

Steven Wilson thront schon eine ganze Weile über der Prog-Szene. Egal was er anfasst, es verwandelt sich in pures Gold. Unvergessen seine bahnbrechenden Alben zusammen mit Porcupine Tree. Ich sag nur „Lightbulb Sun“ (2000) und „Deadwing“ (2005). Auch seine Solokariere nach Porcupine Tree war bisher eine einzige Aneinanderreihung von großartigen Alben, die ihren Höhepunkt für mich 2015 mit dem phänomenalen „Hand. Cannot. Erase.“ erreichte. Sein fünftes Soloalbum To The Bone kündigte Steven Wilson Anfang 2017 an:

„My fifth record is in many ways inspired by the hugely ambitious progressive pop records that I loved in my youth (think Peter Gabriel’s So, Kate Bush’s Hounds of Love, Talk Talk’s Colour of Spring and Tears for Fears’ Seeds of Love).“
(Steven Wilson, Facebook)

Inspiration für To The Bone

Wenn sich jemand wie Steven Wilson auf Alben beruft und sie als Inspiration zitiert, dann lohnt es sich, ein wenig genauer hinzuschauen, was das für Alben sind. Jedes der Alben, die Steven Wilson als Inspiration für To The Bone anführt, war enorm erfolgreich und gilt heute als „Klassiker“. Jedes der Alben hat außergewöhnliche Qualitäten und hat den Test der Zeit bestanden.

Mit „So“ wagte Peter Gabriel damals den Schritt, Popmusik mit seinen Werkzeugen anzufassen und landete damit unfassbaren internationalen Erfolg. „Hounds of Love“ von Kate Bush war ein umwälzendes, majestätisches Album, das den Begriff „Lyrische Popmusik“ neu definierte. Für viele ist bis heute eines der besten Pop-Alben überhaupt.

The Colour of Spring von Talk Talk war das meistverkaufte Album der Band und enthält die bekanntesten Songs. Indem die Band die Versuche sein ließ, auf den New Wave Zug aufzuspringen, gelang es Talk Talk ihren eigenen Weg und Stil zu finden. The Colour of Spring gilt als das Album, das Talk Talk definiert und gleichzeitig als Album, das einen Zeitenwechsel in der Musik markiert.

Tears For Fears – The Seeds of Love war erwachsen, fokussiert, ausgewogen, emotional und unter der Oberfläche durchzogen von nahezu bodenloser Schwärze. Die Kombination von Klavier und Gitarre, statt der üblichen Schlagzeug-Bass Kombination, machte die Songs emotionaler und greifbarer und zu einem der bis heute erfolgreichsten Alben der 80er.

To The Bone – Im Innern sieht es anders aus

Steven Wilson To The Bone Review Foto Lasse HoileMit diesem Fundament wird es schwer, sich ein Progressive Rock Album vorzustellen. To The Bone bricht aus dem Kokon dieses Genres aus und öffnet sich in Richtung des Pop. Schon beim ersten Hören wird klar, warum Steven Wilson für To The Bone ausgerechnet diese vier Alben als Quelle der Inspiration genannt hat.

Seine Flucht aus dem Elfenbeinturm des Prog Rock endet eben nicht wie bei Genesis damals im Qualitätssumpf gut gemachter, aber letztendlich nichtssagender Popmusik. To The Bone ist viel näher an dem, was Gabriel damals mit So gemacht hat, auch wenn sich die Musik deutlich unterscheidet. Immer wieder bricht das Progressive aus ihm heraus, übernimmt teils die musikalische Führung. Dennoch bleibt die Musik zugänglich – allerdings auf einem Niveau, das eher in den Regionen eines Hounds of Love zu suchen ist, statt eines Farbenspiel (Helene Fischer) oder eines x (Ed Sheeran).

Eine andere Form des Pop

Obwohl To The Bone vielleicht überraschend ist, weil es so viele Pop-Elemente enthält und deutlich weniger Prog Rock ist, passt es doch genau zu Steven Wilson. Er hat nie gemacht, was andere von ihm erwarten und schon mit dem vorangegangenen Hand. Cannot. Erase. hatte sich eine Annäherung an den Pop angedeutet – letztendlich auch nicht so viel anders, als bei Gabriels Security.

Das Bemerkenswerte gerade an To The Bone ist, dass es zusammenführt, was Wilson auf verschiedenen Ebenen bereits gemacht hat. Die Avant Garde Elemente von Blackfield finden sich hier ebenso, wie das Progressive von Porcupine Tree. Ergänzt durch Pop. Daraus entstand ein Album, das einerseits ungezwungen und leichtfüßig die Grenzen verwischt, andererseits aber auch authentisch und harmonisch jedem dieser Genres den Raum zugesteht, der ihm gebührt.

Statt eines grobschlächtigen Golems, der mit roher Gewalt das Eine und das Andere zusammenschustert, entstand ein elegantes Album, dessen stilistische Übergänge und Wechsel gleichsam authentisch, natürlich gewachsen sind, wie zurückblickend betrachtet auch unvermeidlich. To The Bone bleibt anspruchsvoll, verschenkt nichts.

Steven Wilson wäre nicht Steven Wilson, wenn er einen guten Hook einfach nur um seiner selbst willen irgendwo verbastelt. Die Größe der Kompositionen entfaltet sich erst dann so richtig, wenn man zuhört, wenn man der Musik die Zeit und den Raum zugesteht, den dieses Album verdient. Erst dann entfaltet sich die Vielschichtigkeit und innere Dichte des Albums vollends.

Es ist so einfach, wenn man weiß, wie…

Steven Wilson To The Bone Review Foto Hajo MuellerEs verblüfft, wie einfach es wirkt, was Wilson da macht. Manche Songs sind geradezu frappierend zugänglich. Nowhere Now zum Beispiel. Andere verlangen echte Kopfarbeit und dürften die Fangemeinde spalten. Permananting ist mit einiger Sicherheit der polarisierende Song des Albums, an dem sich die Geister scheiden werden, denn gerade dieser Song ist mit kaum einem anderen Werk zu vergleichen, das Wilson vorher veröffentlicht hat.

Andererseits sind auf To The Bone auch Songs, die selbst dem Olymp des Prog Rock einiges Kopfzerbrechen bereiten werden. Refuge, zum Beispiel, ist Bombast gepaart mit Gänsehaut. Eine deutliche Referenz an Hand. Cannot. Erase. Und dann sind da Detonation und Song of Unborn. Gerade diese beiden Songs sind musikalische Monumente, die weit über sich hinaus weisen.

Detonation führt vor, wie eine Idee musikalisch entwickelt werden kann, ohne sich selbst überflüssig zu machen, ohne sich zu wiederholen. Song of Unborn ist eine atemberaubende Ballade, deren gesungene Harmonien für sich genommen bereits jedem Songwriter graue Haare wachsen lassen werden. Alleine dieser Song ist es wert, das Album zu besitzen.

To The Bone ist nicht einfach nur eine Sammlung verschiedener Songs. Steven Wilson hat nicht einfach eine Compilation von Popmusik gemacht. Jeder Song ist eine eigene Geschichte, hat eigene Linien und entwickelt sich auf seine ganz eigene Art. Es wird überdeutlich, das Steven Wilson sehr viel unternimmt, einerseits seine Fans mitzunehmen in die neuen Gewässer, die er erkunden möchte, andererseits aber auch um neue Fans hinzuzugewinnen.

Die DNA wirkt nach

Steven Wilson To The Bone Review Foto Lasse HoileWilsons Hinweise auf die Alben, die ihn zu To The Bone inspiriert haben, helfen tatsächlich, um seine Musik zu verstehen. Es geht nicht darum, ob er ein neues Seeds Of Love oder Colours of Spring gemacht hat. Es geht vielmehr darum, dass er mit To the Bone einen turning point geschaffen hat, ein Album, an dem das bisher Geschaffene für sich steht und das Folgende anders ist – allerdings ohne dabei das Vorhergehende zu verleugnen.

Um es in aller Deutlichkeit auszusprechen: To The Bone ist ein Meisterwerk. Punkt. Es entspricht in jeder Hinsicht und in jedem Aspekt dem Stellenwert, der Steven Wilson zugesprochen wird und ist dementsprechend genial. Das Album ist weit weg von dem, was der übliche Mainstream Pop verkaufen will. To The Bone ist kein „meine Gitarre und ich und der Himmel über der Stadt“ Gedudel. Aber es ist eben auch kein verkopftes Progressive Rock Gefrickel.

Ja, die harten Seiten, die Nähe zum Metal fehlt. Aber tatsächlich tut das der Musik gut. Das Weglassen und Auslassen macht das Album elegant. Es gibt ihm eine ungezwungene Dynamik, die anders unnatürlich wirken würde. Trotz seiner Leichtigkeit und vielen zugänglichen, beinahe eingängigen Passagen ist To The Bone Stoff, an dem man lange genug zu kauen hat, während man die Musik einfach nur genießt.

Steven Wilson – To The Bone erschient am 18.08.2017 bei Caroline International / Universal Music

Offizielle Webseite

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To The Bone – Mitwirkende

Steven Wilson – Gitarre, Vocals, Produktion
David Kollar – Gitarre
Mark Feltham – Harmonica auf „To the Bone“
Nick Beggs – Bass, Chapman Stick
Andy Partridge – Composer
Jeremy Stacey – Schlagzeug
Craig Blundell – Schlagzeug
Ninet Tayeb – Vocals auf „Pariah“ und „Blank Tapes“
Adam Holzman – Keyboard
Sophie Hunger – Vocals auf „Song of I“

Steven Wilson Tour 2018

12.02.2018 Frankfurt – Alte Oper
13.02.2018 Ravensburg – Oberschwabenhalle
15.02.2018 Berlin – Admiralspalast
20.02.2018 Hamburg – Mehr! Theater
05.03.2018 Essen – Colosseum

Steven Wilson – Permanating (Official Video)

(Foto: Lasse Hoile, Hajo Müller, Caroline)

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