Stiff Little Spinners Vol 9 und Vol 10

Früher war alles besser

House und Techno sind zwei Genres, die sehr unter einer Schwemme bestenfalls drittklassiger Veröffentlichungen zu leiden haben. Früher, also damals, als noch alles schwarz/weiß war, als Sven Väth noch der Shit war und Darude selbst in Mainstreamdiscos lief, war eh alles besser und die Musik sowieso.

Mit der Elektronischen Musik stand ich damals richtig dicke und hab das bärig abgefeiert. Aber dann wurde das alles irgendwann so beliebig und austauschbar und ich hab das Thema für mich weitestgehend abgehakt. Als Stiff Little Spinners aufgelegt wurde, traf das voll meine nostalgische Ader. Die Reihe bedient nicht “das Übliche”. Da wird Material geliefert, das eben nicht auf der üblichen Hyper-Hyper-Bewundert-Meinen-Laptop-Welle mitschwimmt.

Der Letzte Tanz

Vol 9 und Vol 10 schließen die Reihe. Leider. Nach zehn LPs mit 24 verschiedenen Künstlern und 61 Tracks hat die Reihe über sieben Stunden feinste Musik geliefert. Musik, die mal in diese Richtung, mal in jene Richtung pendelte, mal einfach nur Party total war, mal ernst und anspruchsvoll. Aber jeder Track war pures Gold. Mindestens.

Auch die letzten beiden Scheiben der Reihe setzen fort, was grundsolide und erfolgreich aufgebaut wurde. Die Tracks stehen ganz in der Linie der vorangegangenen Scheiben (Schleiermacherstraße anybody?) und runden das Bild nach hinten hin ab. Vielleicht etwas tranciger, etwas atmosphärischer und eine Spur gedrückter, mit eine melancholischen Note, endet die Reihe mit Anta Baka eindeutig “on a high note”.

Die Compilations sind abwechslungsreich und eben nicht Mainstream. Es sind komplexe Stücke, in denen viel Kopfarbeit steckt, die versuchen sich außerhalb der Norm zu bewegen. Die Blicke nach vorn, aber auch zurück sind große Nummern, die lieber auf das Subtile setzen, auf eine sich über die Zeit entwickelnde Stimmung, auf Bilder, die von der Musik in Deinem Kopf entstehen, als auf das übliche Bikini-Gehopse am Pool irgendeiner Insel, die die meisten sowieso nie im Leben betreten werden.

Mainstream? Am Arsch!

Ist Dir nach Geballer und Utz-Utz? Willst Du Brachial-Bass mit gehauchtem Hormon-Trigger-Sample? Suchst Du die Dance-Floor-Filler für den anspruchslosen Musikkonsumenten jenseits jeglicher musikalischer Zurechnungsfähigkeit? Dann lass bloß die Finger von Stiff Little Spinners. Ehrlich. Diese Reihe ist nichts für Dich.

Langsamkeit, Betonung von Fläche gepaart mit sauber getakteten, intelligenten Beats. Der Kontrast zwischen Schweben und Fallen auf der einen und nassgeschwitzt abtanzen auf der anderen Seite. Das ist es, was Stiff Little Spinners ausmacht: Diese einmalige Atmosphäre hochkarätiger House- und Techno-Musik. Stiff Little Spinners ist der dringend notwendige Beweis dafür, dass vielleicht doch noch Hoffnung für die Szene bestehen könnte.

Stiff Little Spinners – Vol 9 und Vol 10 erscheinen am 24.11.2017 bei Hold Your Ground / Audiolith

Tracklist

Ben Böhmer – Wechselwerk
Antoni Sierakowski – Forest Spirits
Piotr Bejnar – Indian Summer
Thomas Atzmann – Rockæt
Trummerschlunk – The Visit
Gimmix – Ruby
Kalipo – Blaue Stunde
Krink – Jupiter
Dylan Cameron – Public Space
Joney – Rainman Syndrome
Simon Dübell – Angular
Deorbiting – Anta Baka?

Stiff Little Spinners Vol. 9 & 10 Visual Trip

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