Tangerine Dream – Particles

Stand der Dinge

Bis mir Guru Guru damals im Interview Tangerine Dream erklärten, hab ich deren Herangehensweise an Musik einfach nicht verstanden. Nach der Erklärung durch Mani Neumeier war mir einiges klarer. Es hilft sehr, die Musik von Tangerine Dream einfach passieren zu lassen. Darüber nachzudenken ist oft eher hinderlich, besonders bei den älteren Sachen. Der Qualität der Musik tut das keinen Abbruch, im Gegenteil.

Edgar Froese und Tangerine Dream

Tangerine Dream kann nicht ohne Edgar Willmar Froese gedacht werden. 1967 gründete er die Band Tangerine Dream, die damals noch auf Gitarre, Geige, Bass und Schlagzeug basierte und vor allem für ihre kompromisslos anarchischen Auftritte bekannt war. Ein Höhepunkt der frühen Tangerine Dream war der Auftritt für Joseph Beuys in der Villa von Salvador Dali. Dali selbst feierte die Musik nannte sie „rotten, religious“. Mehr als nur eine Auszeichnung.

Es war schon damals kennzeichnend für die Musik, dass es der Band um die Auflösung der Strukturen traditioneller Popmusik ging. Es ging aber auch darum, die Klischees des Genres bloßzustellen. Mit verschiedenen Formationen brachte Edgar Froese mehr als achtzig Alben und Soundtracks heraus. Seine wichtigsten musikalischen Weggefährten waren dabei Klaus Schulze, Christopher Franke, Peter Baumann, Johannes Schmoelling, Paul Haslinger, Linda Spa und Jerome Froese, sein Sohn. Außerdem war er mit David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop, George Moorse, Friedrich Gulda und vielen anderen Weltstars befreundet.

Tangerine Dream

Tangerine Dream Particles Review Foto Eberswalde Credit Ralf RoletschekTangerine Dream gilt auch wegen der geleisteten Pionierarbeit im Bereich der elektronischen Musik als eine der bedeutsamsten deutschen Bands des 20. Jahrhunderts. Neben den Scorpions und Kraftwerk ist Tangerine Dream eine der wenigen Supergroups aus Deutschland, die international erfolgreich sind.

Nach der dem Krautrock zuzuordnenden Anfangsphase wandte sich die Band zunehmend der Elektronischen Musik zu. Die Band versteht ihre Musik selbst als Progressive Rock oder auch sinfonische Musik. Der Zuordnung zum New Age widerspricht die Band nachdrücklich. Eher lässt sie die Bezeichnung Ambient gelten, wobei der Schwerpunkt auf elektronischer Klangerzeugung liegt und die Musik Einflüssen des Rock unterworfen ist.

Als Edgar Froese im Januar 2015 in Wien verstarb, war unklar, wie es mit Tangerine Dream weitergehen wird. Quantum Gate war das erste Album ohne Froese, das aber noch zum Teil auf Material von Froese basierte. Die Band bezeichnete das Album deshalb auch gleichermaßen als Neuanfang und Froeses Testament.

Particles

Tangerine Dream Bandfoto FacebookDas jetzt erscheinende Doppel-Album Particles ist das erste ohne Material von Edgar Froers. Es ist ein Ausblick auf das, was uns in Zukunft von Tangerine Dream erwartet. Eigentlich ist Particles auch kein richtiges Album. Es ist eher eine Zusammenstellung, die den aktuellen Stand der Musik von Tangerine Dream zusammenfasst. Das Album enthält Live-Tracks, Cover und Re-Recordings und Studioimprovisationen. Bemerkenswert ist dabei die Neufassung von Rubycon, die deutlich verdichtet und gestrafft wurde. Gleichzeitig wurde der Sound vorsichtig auf den heutigen Stand angepasst, ohne die Atmosphäre oder Struktur des Originals zu beeinträchtigen. Dieser Song ist vielleicht am ehesten ein Ausblick darauf, wie zukünftig mit dem Material „von damals“ umgegangen wird.

Einen echten Einblick auf das, was da kommen wird, erlaubt die „4:00pm Session“. Hier improvisiert die Band im Studio mehr oder weniger frei. Es ist gerade dieser Track, der Particles besonders macht. 4:00pm ist ein wechselndes Spiel mit ständig neuen Ideen und Konzepten, in dem sich die Musiker gegenseitig musikalische Bälle zuspielen und darauf aufbauen.

Gerade dieser Track hat eine eigene unvollkommene, sogar rohe Atmosphäre, die nicht nur sehr an ältere Aufnahmen der Band erinnert, sondern auch essentiell den Geist jener Musik atmet. Das Cover des Titelsongs der Serie Stranger Things entstand, weil das Original durchaus als Homage an Tangerine Dream gemacht wurde, aber ohne deren Beteiligung. Die Band zeigt hier, wie sie das Thema selbst versteht und spielt. Wie zu erwarten eine Hausnummer für sich, ganz typisch Tangerine Dream mit vielen Erinnerungen an die 80er und trotzdem modern.

Die Live-Tracks klingen tatsächlich auch nach „Live“, was mich sehr freut, denn die Performance der Band auf der Bühne ist eben nicht 1:1 mit der im Studio identisch. Manche Passagen wirken frei improvisiert, andere nahezu „on the fly“ umgebaut. Auch das gibt der Musik ein lebendiges, dynamisches Wesen.

Lohnt das?

Ja, es lohnt. Zwar bleiben einige Aufnahmen lediglich frische Interpretationen des bekannten Materials. Es zeigt sich aber, wie sehr der Einfluss von Ulrich Schnauss zunimmt. Dennoch würde ich diese Tracks aber nicht „essentiell“ nennen. Mit Ausnahme der 4:00pm Session Improvisation. Es ist gerade dieser Track, der jedem, der auch nur entfernt an der Berliner Schule interessiert ist, genug Stoff zum Nachdenken gibt.

Wenn Particles die Richtung vorzeichnet, in die Ulrich Schnauss, Thorsten Quaeshning und Hoshiko Yamane das kommende Album entwickeln werden, dann dürfte dieses kommende Tangerine Dream Album ein echter Knüller werden. Allerdings werden auch einige seltsame Veränderungen passieren, die sich in 4:00pm schon ein wenig andeuten.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf das, was da kommen wird.

Tangerine Dream – Particles erscheint am 23.06.2017 bei Invisible Hands Music / Rough Trade

Offizielle Webseite der Band

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TANGERINE DREAM – *4:00pm SESSION

(Foto: Ralf Roletschek, Freigabe gemäß GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2)

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