Tangerine Dream – Quantum Gate

Ein neues Album unter Mitwirkung aus der Vergangenheit

Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Gründung von Tangerine Dream 1967 in Berlin erscheint Quantum Gate. Alleine das ist schon Grund genug, dicke Backen zu machen. Fünfzig! Jahre! Wie viele Bands schaffen das? Abgesehen von den Stones und Genesis? Tangerine Dream hat in den zurückliegenden 50 Jahren eine Discographie geschaffen, die vollständig sein eigen zu nennen durchaus eine Herausforderung ist. Je nach Quelle werden der Band 40 Studio-Alben (Eclipsed) oder auch jetzt 164 Veröffentlichungen (BBC) angerechnet. Grob drei Veröffentlichungen pro Jahr.

Vor einigen Monaten erschien mit Particles das erste Album ohne Material von Edgar Froese. Auf Quantum Gate wird Froers bei acht der neun Songs als Co-Composer genannt. Diese Songs basieren auf musikalischen Notizen und Skizzen, die Froese hinterließ. Niemand wird erwarten, dass Tangerine Dream von heute der Band entspricht, die vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aktiv war. Dazu hat sich zu viel verändert. Allerdings ist es schon überraschend, dass sich die Band aktiv auf das Erbe von Edgar Froese beruft. Nach Particles hätte ich nicht damit gerechnet.

Quantum Gate

Der Name des Albums dürfte ein Verweis auf die sogenannte Epoche der „Quantum-Jahre“ der Band sein, in der sich die Besetzung der Band erneut veränderte und die seit 2014 gezählt wird. Ulrich Schnauss, Thorsten Quaeschning und Hoshiko Yamane übernahmen die Band, nachdem Edgar 2015 starb. Seit 2014 wurde an Quantum Gate gearbeitet, das aus Sicht der Band ein „Celebration Album for Edgar“, ein Vermächtnis, eine Würdigung, ein Testament ist. Gleichzeitig markiert es auch einen Neubeginn, der unterstreichen soll, dass Edgar Froese immer Teil von Tangerine Dream sein wird.

Über die Rolle von Tangerine Dream in der elektronischen Musik ist wahrscheinlich schon alles gesagt und geschrieben worden, nur noch nicht von jedem. Es soll an dieser Stelle ausreichen, dass diese Band zusammen mit wenigen anderen Bands (z.B. Kraftwerk, Vangelis) das Genre quasi erschaffen hat. Der Durchsatz an Musikern, die im Laufe des Bestehens der band Mitglied waren, ist bemerkenswert. Neun ehemalige (Stamm-)Mitglieder und mindestens elf „Gast“-Musiker haben im Laufe der Jahre Positionen in der Band besetzt. Thorsten Quaeschning kam selber erst 2005 zur Band, Hoshiko Yamane 2011 und Ulrich Schnauss sogar erst 2014. Es ist deshalb wahrscheinlich sinnvoll, Tangerine Dream als Idee, als Konzept zu sehen und weniger als Band im klassischen Sinn.

Progressive elektronische Musik

Progressive Musik ist per se herausfordernd. Nicht jedem gelingt der Zugang zu den Konzepten und Ideen. Für Progressive elektronische Musik gilt das allerdings in noch stärkerem Maße, als beispielsweise für Progressive Rock. Die Länge der Songs macht den Zugang nicht leichter. Sensing Elements ist mit beinahe 15 Minuten Länge Spitzenreiter von Quantum Gate.

Das „Progressive“ ist nicht immer offensichtlich, deutlich oder herausstechend. Gerade das atmosphärische Herangehen, das zurückhaltende, beinahe vorsichtige Entwickeln der Ideen kennzeichnend für dieses Album. Bombast, Lautstärke und schnelle Auflösung der Bögen sollte deshalb niemand auf diesem Album erwarten. Quantum Gate ist eher eine musikalische Reise, die sehr befreiend und befriedigend sein kann, aber eine Menge Zeit und Geduld erfordert.
Quantum Gate erinnert an ein fließendes Gewässer. Die Melodien sprudeln und fließen dahin, malen Landschaften. Veränderungen entwickeln sich langsam, subtil, hintergründig. Manchmal muss man sehr genau hinhören, um diese Entwicklung klar benennen zu können und es braucht sehr viel mehr Erfahrung und Wissen, um sie auch erklären zu können. Auch ich stoße hier an meine Grenzen.

Neu, aktuell und doch tief verwurzelt im Erbe

Tangerine Dream Quantum Gate Review Photo Credit Jim RaketeObwohl es das aktuellste Album von Tangerine Dream ist, ist es bemerkenswert tief in der Geschichte des Projektes verwurzelt. Wäre Quantum Gate vor zwanzig oder 30 Jahren erschienen, wäre das Album kaum aus dem Rahmen gefallen. Das ist gleichzeitig Lob und Anerkennung an die Leistung der beteiligten Musiker, denn die größte Angst der Fans ist, dass nach Edgar Froese Tangerine Dream zu etwas verkommt, was mit der Idee von Tangerine Dream und dem bis hier hin Geschaffenen nichts mehr zu tun hat.

Quantum Gate bietet jedoch genau das, was von Tangerine Dream bekannt ist und erwartet wird. Massive Sequenzergebäude mit markanten Hüllkurven, sich immer wieder wiederholende Klangbilder und musikalische Figuren, dynamisch-variable Filter machen die Musik aus. Rhythmen entstehen durch Sequenzermuster, auf denen polyphone Soundflächen mehrfach überlagerter Synthesizer ausgebreitet werden. Hall erschafft Raum und die Verwendung analoger Technik gestaltet den Klang warm und sehr harmonisch. Dadurch entsteht eine meditative Wirkung mit starkem Sog, in dem man sich durchaus verlieren kann.

Den musikalischen Erben von Edgar Froese ist es gelungen, aus den vorhandenen Skizzen und Ideen ein Album zu erschaffen, das den Ideen des Gründers entspricht. Aus Fragmenten entstand ein Album, das am ehesten als Konzeptalbum zu verstehen ist. Es realisiert die Idee von Froese zu versuchen, Quantenphysik und Philosophie in Musik zu übersetzen. Das zu vollenden und dabei dem Wesen und der Seele von Tangerine Dream treu zu bleiben, ist dem Trio Quaeschning – Yamane – Schnauss bemerkenswert gut gelungen.

Tangerine Dream – Quantum Gate erscheint am 29.09.2017 bei Kscope / Edel

Offizielle Webseite der Band

Bandseite bei Facebook

Tangerine Dream – Tear Down the Grey Skies (from Quantum Gate)

 
(Photo: Jim Rakete)

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