Tarja – From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas)

Von draußen vom Walde komm ich her…

Wenn die Geschäfte Dominosteine und Christstollen bereits im August in die Regale stellen, sollte es nicht überraschen, wenn die Veröffentlichung der Weihnachtsalben auch weiter vorverlegt wird. Trotzdem war ich etwas perplex, als mir heute das offizielle Weihnachtsalbum von Tarja – From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) auf den Tisch gelegt wurde. Ich war nicht nur verblüfft, ich war auch skeptisch. Tarja steht inzwischen lange genug auf eigenen Beinen, um sich von ihrer übermächtigen Vergangenheit emanzipiert zu haben.

Brightest Void und Shadow Self waren entschlossene Schritte, sich als eigenständige Künstlerin zu etablieren. Ihr großes Problem war ja, dass sie immer wieder an den gewaltigen Epen ihrer eigenen Vergangenheit gemessen wurde. Ich will mich davon selber nicht ausschließen. Nach ihrer kontrovers diskutierten Diaspora hat Tarja einige Zeit gebraucht, um zu „ihrer“ Musik zu finden. Es war nicht ganz einfach, ihre Musik als etwas Eigenes zu etablieren und eben nicht als Versuch, etwas nachzumachen. Dass unter dieser Last das Songwriting manchmal etwas litt, ist für mich zurückblickend nur allzu verständlich.

From Spirits And Ghosts ist ein Wendepunkt. Weihnachtsalben gibt es viele. Auch solche, die sich mehr oder weniger offensiv an die Gothic Szene richten, gibt es etliche. Insofern ist dieses Album nicht innovativ oder speziell. Auch nicht für Tarja, die selber schon Weihnachtsalben und -Konzerte auf der Liste hat (Henkäys ikuisuudesta, 2006). Aber dieses Album ist besonders. In jeder Hinsicht.

From Spirits And Ghosts

Die Auswahl der Lieder, die Tarja auf From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) präsentiert, ist solide, auch wenn ich mit Amazing Grace ad hoc nicht Weihnachten verbunden habe und mancher Titel mir gar nicht bekannt war. Mit leicht skeptischem Stirnrunzeln fiel mir O Tannenbaum ins Auge, das mit seinem Text gerade für nicht nativ deutschsprachige Künstler einige Klippen und Stolpersteine bereithält und deshalb manchmal zu unfreiwilligen Comedyeinlagen führt. Auch zurückblickend auf Brightest Void war ich etwas skeptisch, ob Tarja die Kurve kriegt oder ob sie auf Sicherheit spielt.

Mit einem Stimmumfang von mindestens drei Oktaven braucht Tarja den Vergleich mit anderen Sängerinnen kaum zu fürchten. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) mit ihrer Stimme aufzuladen und die Instrumentierung gelassen im üblichen Rahmen stattfinden zu lassen. Genau das hat sie aber nicht getan. Sie hat das Album eben nicht in der üblichen – auch von mir erwarteten – Weihnachtsattitüde aufgenommen.

Öffnung und Bekenntnis zu sich selbst

Stattdessen bekennt sie sich zu dem, was ihre Musik schon immer von der anderer Musiker unterschieden hat, zumindest so lange ich Tarja als Musikerin bewusst wahrgenommen habe. Eleganz, Grandezza, Kraft und Selbstbewusstsein in Kombination mit dem Bekenntnis, dass die Dunkelheit, die Nacht, ein Teil von ihr ist und wohl auch schon immer war. Auf From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) gibt sie sich dem vollkommen hin. Sie lässt los, lässt sich ganz und gar in diese Welt fallen und wird zu eben jener mystischen und faszinierenden Gestalt zwischen strahlendem Licht und tiefster Dunkelheit. Sie wird zum unwiderstehlichen Leuchtfeuer inmitten eisiger Kälte, lässt ihre Magie wirken.

Und wie diese Magie wirkt. Fuck me! Ich habe schon einige Musik in meinem Leben gehört, die mich beeindruckt, verzaubert, überwältigt und fasziniert hat. Ich kenne Alben, die drücken, Alben, die alle emotionalen Tasten gleichzeitig drücken, die großartig instrumentiert sind und so weiter und so fort. Ich habe das nur in Kombination nicht erwartet. Nicht SO! Das Album geht einen nahezu perfekten Kompromiss zwischen klassischer Darbietung und moderner Interpretation ein. Sowohl was den Gesang angeht, aber gerade auch in Bezug auf das Instrumentale.

Episch!

Jeder Song macht ein Fass auf. Klar, was soll man auch von Weihnachtsliedern anderes erwarten? Es geht um das Festive, das Allumfassende, um Pathos, Tannenbaum, Kerzen, leuchtende Kinderaugen und so weiter. Wissen wir alles. Tarja gelingt es mit diesem Album jedoch, dem die Krone aufzusetzen, indem sie den Liedern bei aller Majestät und Würde, die sich durch jede einzelne Präsentation zieht, einen Touch von Dunkelheit gibt. Sei es als sie umgebende Aura, sei es als omnipräsente Bedrohung, die sie elegant beiseiteschiebt, stets ist sie da.

Mal als dominante Dissonanz, mal als Ahnung. Das macht viel von der ganz besonderen Wirkung des Albums aus, dessen Score-Konzept voll aufgeht. Die Herangehensweise an das Thema in Form eines Soundtracks ist genial und trifft in jeder Minute voll auf den Punkt. Die Wirkung ist nicht weniger als phänomenal und übt eine großartige Faszination aus. Immer wieder gelingen dem Album ganz große Boah-ist-das-geil-Momente.

Ein ganz großer Wurf

Tarja gelingt mit diesem Album ein Wurf, der mich unerwartet trifft. Ja, da ist ganz viel Weihnachten, aber eben auch sehr viel mehr. Es weist über das Thema Weihnachten hinaus und zeigt, dass Tarja wieder zu sich und zu ihrer Musik gefunden hat. Wer Rock, Metal, Krawall und Gedresche erwartet, ist bei From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) zwar an der falschen Adresse, aber darum geht es nicht. Es geht um das Herz und die Seele der Musik, das Innerste. Tarja hat all dem mit diesem Album unfassbar gut Gestalt gegeben, die unabhängig von Alter und Szenezugehörigkeit einfach nur überwältigt – selbst außerhalb der Weihnachtszeit.

Wenn dieses Album ein Ausblick darauf ist, was wir von Tarja in Zukunft zu erwarten haben, dann dürften in Zukunft die leidigen Vergleiche mit der inzwischen auch schon wieder zehn Jahre zurückliegenden Vergangenheit endgültig verstummen. Wenn es ihr gelingt, den Ansatz dieses Albums auch auf andere Produktionen zu transportieren, hier und da etwas Rock und Härte mit einzubeziehen, wie es ganz besonders „We Wish You A Merry Christmas“ episch andeutet, dann fällt mir aus dem Stand nichts ein, wovor sie sich fürchten müsste. Vergleiche mit früher jedenfalls definitiv nicht.

Ach ja. Tu Dir selbst einen Gefallen. Hör das Album auf einer ordentlichen Anlage. Und hör es laut.

Tarja – From Spirits And Ghosts (Score For A Dark Christmas) erscheint am 17.11.2017 bei Earmusic / Edel

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Tarja „O Come, O Come, Emmanuel“ Official Music Video

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