Tarja – The Shadow Self

Doppelschlag

Nanu? Schon wieder ein Album von Tarja? Ja, tatsächlich. Nach dem Interimsalbum The Brigthest Void lag heute The Shadow Self in der Post. Das „Hauptwerk“, sozusagen. Beide Alben gehören zusammen, folgen einem übergeordnetem Konzept, was schon durch die sehr ähnlichen Cover deutlich wird. Ich musste schon zweimal hinsehen, um die beiden auseinander zu halten (vielleicht doch langsam mal eine Brille?)

The Brightest Void hatte mich schon angenehm überrascht, aber auch verwirrt. Auf The Shadow Self war ich deshalb sehr gespannt, denn so der Vorgänger auch war, da war noch etwas Luft nach oben. Selbstredend, dass ich meinen noch Nachbarn die musikalische Erkundung dieses Albums weder vorenthalten durfte, noch wollte. Und das ist gleich der vielleicht wichtigste Rat vorweg: Dieses Album braucht Luft zum Atmen. Es ist kein Flüsteralbum. Es funktioniert leise im Hintergrund kaum, aber wer will Tarja schon als Hintergrundmusik laufen lassen? Siehste? Eben.

Tarja greift tief in die Klassik-Kiste und der Einstieg in The Shadow Self ist eine Herausforderung. Es klassikt, es experimentiert und es rockt, dass es eine wahre Freude ist – mir zumindest. Andere könnten daran etwas zu knabbern haben, aber dafür ist der Rahmen abgesteckt: Wo kommt Tarja her, was beeinflusst sie, wo führt ihr Weg hin? Danach macht Tarja „auf“ und das Album kommt. Und es kommt mächtig und entschieden.

The Shadow Self: Lass knacken

Tarja The Brightest Void The Shadow Self earMUSIC credit Tim TronckoeDie Instrumentierung ist – man verzeihe mir den Ausdruck – fotztrocken und knackig modern abgemischt, sauber definiert, lebendig, in sich kohärent und stimmig. Das gefällt mir vom Fleck weg. Das bärig abgenommene Schlagzeug lässt die Hütte beben. Dazwischen tanzen vital und ungezwungen Gitarren, Klavier und allerlei andere Instrumente um Tarjas beeindruckend klare Gesangsstimme herum, die in ihrem unnachahmlichen Stil Geschichten erzählt. Die Wirkung ist bombastisch und schiebt.

The Shadow Self ist tatsächlich das Album, das ich mir von Tarja seit langer Zeit gewünscht habe. Es verbindet die Elemente, mit denen sie „damals“ einzigartig war mit einer deutlichen Weiterentwicklung dessen, was sie „damals“ begleitet hat. Spürbar modernisiert, deutlich entschlackt und von einigem Ballast befreit. Tarjas Musik profitiert sehr davon, dass sie den Musikern ebenfalls Raum gibt, ihnen gestattet, auch für sich selbst zu stehen und zu wirken. Dadurch, dass Tarja und Band als Einheit funktionieren und sie in die Musik eingebettet wird, bekommt das Album eine wahrhaft epische Atmosphäre.

Gerade das Epische, das Bombastische, teilweise auch von schwerem Pathos durchzogene des Albums kommt durch diese neu gewonnene Harmonie besonders schön zur Geltung und wirkt natürlich und rund. Der Kontrast zwischen ihrem beeindruckenden lyrischen Sopran und den nicht minder imponierenden Instrumenten schafft eine unmittelbar an Konzerthäuser und Filmmusik erinnernde Atmosphäre. Zwischen adrenalingeladener Schussfahrt und herzergreifender Kamerafahrt über weite Landschaften bewegt sich der Stimmungsbogen des Albums, der mal moderner, mal rückschauender ausfällt.

Ausblick und Rückblick

Tarja Tim TroncKoe 2016Es sind gerade die Momente, in denen die Musik an frühere Werke erinnert, in denen sich die musikalische Weiterentwicklung deutlich zeigt. Gleichzeitig verlangt Tarja dem Hörer aber auch einiges ab. Wer ein Album „wie damals“ erwartet, dürfte einige Überraschungen erleben – ob positiv, hängt stark von der eigenen Erwartungshaltung ab. Besonders bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang das für Tarjas Begriffe experimentelle „Diva“, das trotzdem perfekt zu ihr passt und doch irgendwie gar nicht das ist, was ich von ihr erwartet hätte.

The Shadow Self ist ein tolles Album, das zeigt, dass Tarja endlich wieder zu sich selbst und ihrer „Linie“ findet. Selbstbewusst spricht sie die verschiedenen Fraktionen ihrer Fanbase an und öffnet sich gleichzeitig auch anderen Einflüssen – was bei manchen für Gesprächsstoff sorgen wird. Es ist ein bockstarkes Album, das immer wieder zeigt, was das Ausnahmetalent aus Finnland so alles auf dem Kasten hat. Die orchestralen Passagen und auch die eher in Richtung Pop-Rock weisenden Stellen gleichen sich gegenseitig hervorragend aus und werden durch einen sauberen Mix aus Metal und Rock zusammengehalten.

Zusammen mit The Brightest Void lässt The Shadow Self einiges erkennen und vielleicht auch für die Zukunft erahnen, denn The Shadow Self strotzt so vor Energie, dass ich begründete Zweifel daran habe, dass dies der Schlusspunkt von Tarjas Schaffen ist. Im Gegenteil. Dieses Album legt so viele Fährten in die richtige Richtung, dass es beinahe ein Verbrechen wäre, wenn sie die nicht weiter verfolgt. Egal wie. Über alles gesehen ist The Shadow Self auf jeden Fall ihr mit Abstand bestes Album, das gerade wegen der inneren Gegensätze und unterschiedlichen Ansätze sehr gefällt.

Ach ja. Am Ende von „Too Many“ nicht zu früh ausschalten :-D

Tarja – The Shadow Self erscheint am 05.08.2016 bei earMusic / Edel

Offizielle Webseite von Tarja Turunen

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(Foto: earMUSIC / Tim Tronckoe)

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