TesseracT – Polaris: Progressive abrocken für Fortgeschrittene

Polaris: Manchmal ist es so einfach, kompliziert zu sein

TesseracT – Polaris ist ein Album, das ganz einfach zu beschreiben ist: Es ist klasse, es ist faszinierend, es rockt, es ist facettenreich und vielschichtig. Damit ist beinahe alles gesagt nur eben auch nichts, denn für welches gute Rock-Album gilt das nicht auf die eine oder andere Weise? Genau da machen TesseracT es mir schwer, denn ganz so leicht ist es nicht, Polaris gerecht zu werden.

Die Engländer haben bei ihrem dritten Studioalbum eine verspielte Kombination aus filigranen Kompositionen und hartem Rock erschaffen. Die musikalische Tiefe, die TesseracT ausloten, scheint grenzenlos. Mit einer beinahe selbstverständlichen Leichtigkeit spielt die Band Songs, die mal sanft und beinahe hypnotisierend verträumt sind, mal handfest abrocken und dabei stets einen musikalischen Tiefgang in sich tragen, der atemberaubend ist.

So paradox es klingt, aber je mehr die Musik ihre Wirkung entfaltet, je mehr Raum und Zeit der Musik gegeben wird, desto komplizierter wird sie – und doch bleibt die Musik stets harmonisch, leicht, behände und verspielt. Polaris scheint sich der Situation anzupassen. Läuft das Album nebenbei, im Hintergrund, dann ist es angenehm abwechslungsreicher Rock. Je mehr die Musik in den Vordergrund gestellt und gehört wird, desto mehr entfaltet sich Ebene über Ebene, erscheinen Details und Wechselspiele, desto klarer und deutlicher wird die Komplexität.

Paradoxe Gegensätze

Es ist paradox. Die mal beinahe schwebende Musik steht harmonisch neben harten, eher im Metal zu findenden Passagen, die sich gegenseitig gleichzeitig ergänzen und widersprechen. Polaris ist ein organisches Album, bei dem es TesseracT gelungen ist, einen lebendigen Organismus abzubilden, der sich ständig der Situation anpasst. Die Wirkung der Musik ist stets weich genug, um nicht aus dem Rahmen zu fallen und ist doch nie “soft”. Sie ist immer hart genug, um klar erkennbar Rock zu bleiben, doch nie so hart, um anstrengend oder störend zu werden.

Die in sich verschachtelten Songs bieten Möglichkeiten sich der Musik gerade so weit zu nähern, wie es der Augenblick gerade zulässt. Allerdings ist TesseracT – Polaris kein Album für den Wegwerfkonsum. Wer es gewohnt ist, in 3:30 das musikalische Abbild einer Band mit einem halben Ohr verinnerlichen zu können, wird hier vor echte Probleme gestellt. “Phoenix” ist vielleicht noch am ehesten eine Art Konzession an solche Hörer. “Messenger” hingegen, dessen Laufzeit ähnlich kompakt gehalten ist, fordert wahrscheinlich schon durch seine ständig wechselnden Rhythmen erste Opfer.

Polaris spricht viele Stile an, auch und gerade moderne Spielarten die vielleicht an Rock Marke Face No More erinnern. Andere Elemente spielen auf Progressive Metal an. Dazu kommen sphärische, beinahe psychedelische Klangflächen, hintergründige Klangkonstrukte, schwebende Töne, rockende Läufe, die Zuhörer fast automatisch in ihren Bann ziehen, ohne sich aufzudrängen oder anzubiedern. Dabei bleibt die Musik stets großartig und vermittelt stets das Gefühl, an etwas herausragend Genialem teil zu haben, dass sich den üblichen Konzepten von Rock gerade so weit entzieht, um im Wortsinne unfassbar zu bleiben, einem wilden Tier im angestammten Review seiner natürlichen Umgebung nicht unähnlich.

TesseracT – Polaris ist ein Kunstwerkt, das eine schwierige Gratwanderung schafft: Das Album ist gut zwischendurch hörbar und gleichzeitig doch komplex und vielschichtig, um sich guten Gewissens darin zu verlieren zu können. Die Musik trägt – wohin und wie weit, das ist Dir selbst überlassen. Sich in das Album hineinfallen zu lassen, loszulassen, bedeutet allerdings auch, sich auf eine wechselhafte Reise einzulassen, die emotional unerwartet aufrührend sein kann.

TesseracT – Polaris ist erschienen am 18.09.2015 bei Kscope / Edel

Webseite von TesseracT: http://www.tesseractband.co.uk/

Aktuelle Tourdaten von TesseracT:

23.02. AT, Linz – Posthof
24.02. AT, Wien – Szene
25.02. München – Backstage Halle
26.02. CH, Aarau – Kiff
27.02. Köln – Luxor
28.02. NL, Zoetemeer – Boerderij
01.03. Berlin – Magnet
02.03. Hamburg – Logo

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