The 50th Anniversary Collection of Sunny (Bobby Hebb)

50 Jahre Sunny

Es passiert nicht allzu oft, dass mir ein Album angekündigt wird, das nur einen einzigen Song enthält. Den dafür dann aber in fünfzehn Versionen. Aber „Sunny“ von Bobby Hebb feiert 50. Jubiläum und das nehmen Trocadero und Indigo zum Anlass, eine Compilation aus Coverversionen des Songs zu veröffentlichen.

Den Song kennt jeder. Er ist ein großartig optimistischer Ohrwurm und eine wunderschöne Liebeserklärung. Das Original, das diese Compilation anführt, hat ein zeitloses Flair, das irgendwie immer passt. Die Klasse und Größe des Songs, der Aufnahme und Umsetzung alleine sind schon bemerkenswert. Aber die schiere Menge Coverversionen hat selbst mich überrascht. Es sind mindestens 171 stilübergreifende Coverversionen veröffentlicht worden. „Sunny“ ist damit einer der am häufigsten gecoverten Songs überhaupt. Manche Autoren und Musiker sprechen über „Sunny“ als „Jahrhundert-Hit“.

Diese Compilation enthält Versionen, wie sie unterschiedlich kaum sein könnten. Von James Brown & Dee Felice Trio feat. Marva Whitney, Shirley Bassey, Dusty Springfield, Cher, Ella Fitzgerald und viele mehr wurden nebeneinander gestellt. Obwohl es immer wieder derselbe Song ist, sind Umsetzung und Interpretation teilweise sehr weit auseinander. Mich hat überrascht, dass diese Compilation bei mir als Album funktioniert und in eins durchlaufen kann, ohne das Gefühl von Wiederholung oder Monotonie. Es wirkt beinahe, als wären hier 15 unterschiedliche Songs zusammengestellt worden.

Spannbreite der Variationen ist beeindruckend. Der Zeitgeist der einzelnen Veröffentlichungen ist greifbar und macht diese Compilation zu einer schönen Zeitreise durch die Musikgeschichte. Das Flair wechselt, auch das Tempo und die Künstler hinterlassen im Song eine deutliche, eigene, Handschrift. Zwischen Pop, Jazz, Swing, Disco, Latino und Rock wechselt das Spektrum und zeigt die Zeitlosigkeit und damit die Größe des ursprünglichen Songs von Bobby Hebb.

Die Hintergrundgeschichte um den Song erklärt einiges von seiner universellen Wirkung und Zeitlosigkeit:

Die Story von Bobby Hebb und „Sunny“

von Bill Dahl (dt. Übersetzung: Stephan Glietsch)

Bobby Hebb Foto Harald HoffmannIn seiner Heimatstadt Nashville hauptsächlich mit Country aufgewachsen, fand Hebb später ein neues Zuhause in der hippen New Yorker Soul- und Jazzszene und hatte 1966 mit ”Sunny” seinen größten Erfolg. Der von Bobby Hebb selbstgeschriebene Song wurde ein Welthit und avancierte zum Popklassiker. Es gibt mehr als 2.000 (!) veröffentlichte Coverversionen des Songs.

Robert Alvin von Hebb wurde am 26. Juli 1938 in Nashville geboren. Seine Eltern waren beide blind, schon im zarten Alter von drei Jahren lernte Bobby stepptanzen und noch im selben Jahr begannen er und sein älterer Bruder Harold mit der Vaudeville-Truppe Jerry Jackson And His Hepcats zu tingeln. Harold brachte dem Dreikäsehoch Bobby seine ersten Schritte bei und lehrte seinen kleinen Bruder außerdem, mit Löffeln zu musizieren.

1950

1950 sah Country-Superstar Roy Acuff Bobby spielen und lud ihn ein, sein Gesangstalent, seine Tanzkünste und sein rhythmisch komplexes Löffelspiel in den Dienst seiner populären Band The Smoky Mountain Boys zu stellen. Damals mehr als ungewöhnlich für einen berühmten weißen Country-Künstler, einem Afroamerikaner eine solch prominente musikalische Rolle in seiner Band zu geben. Hebb tourte als Mitglied von Acuffs Truppe durch den Süden der USA und der Hillbilly-Star setzte sich persönlich dafür ein, dass dem Jungen unterwegs mit Respekt begegnet wurde.

1961

Am Ende des Jahres 1961 brach Hebb nach New York auf, wo er die Bekanntschaft der R&B-Veteranen King Curtis, Bernard Purdie und Jimmy Castor machte. Bobby bekam ein Engagement im angesagten Nachtlokal Blue Morocco. Wenn er gerade mal nicht in einem Jazz-Club namens Freddie abhing, wo er Thelonious Monk und Stanley Turrentine kennenlernte, machte Hebb auf den Bühnen des Big Apple erste Gehversuche als Solo-Act.

1963

Im November 1963, einen Tag nach der Ermordung John F. Kennedys, wurde Harold Hebb vor einem Nachtclub in Nashville erstochen. Doch anders als die Legende besagt, waren diese Tragödien für die Entstehung von ”Sunny” wohl nicht, oder zumindest nicht alleine das ausschlaggebende Moment. Wie der Kampf um die Bürgerrechte, dem Civil Rights War, und diverse private Rückschläge in dieser Zeit, waren vermutlich aber auch diese Erlebnisse Teil von Bobbys Motivation. In einem Interview sagte Hebb, die wesentliche Inspiration sei ein violett leuchtender Sonnenaufgang nach einer langen Nacht in New York gewesen. Aufnehmen sollte Bobby ”Sunny” schließlich für ein Unterlabel von Mercury Records, nämlich Philips.

1966

Bobby_Hebb Sunny Single CoverVon den Songs, die am 21. Februar 1966 im Bell Sound eingespielt wurden, war ”Sunny” Überraschenderweise erst zuletzt an der Reihe. Es waren nicht mehr alle Musiker im Studio, aber noch ein wenig Studiozeit übrig.

”Sunny” erschien im Frühjahr 1966, erreichte die Spitze der Pop-Charts des Cash Box Magazins, wurde mit Gold ausgezeichnet und eroberte in der Folge Platz #2 der Pop- und Platz #3 der R&B-Charts des Billboard-Magazins. Mit einem Schlag war Bobby ein sehr gefragter Mann, und als Bobby Hebb neben The Remains, The Cyrkle und den Ronettes die Konzerte auf der letzten Amerikatournee der Beatles als Co-Headliner eröffnete, spielte er plötzlich in solch riesigen Venues wie dem International Amphitheater in Chicago und dem New Yorker Shea Stadium.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, in England, konnten die Musikfans von ”Sunny” offenbar gar nicht genug bekommen. Im September 1966 standen nicht weniger als drei (!) Versionen des Songs in den britischen Charts, ein absolutes Novum. Dicht auf Bobbys Original folgten Coverversionen von Cher und dem Briten Georgie Fame.

1971

1971 waren es einmal mehr seine Songwriting-Talente, die Bobby einen neuen großen Erfolg bescherten: Lou Rawls seidig weiche Interpretation von ”A Natural Man”, das Hebb gemeinsam mit dem Komiker Sandy Baron geschrieben hatte, brachte Rawls einen Hit in den Pop- und den R&B-Charts ein.

2000

Im Jahr 2000 lebte Bobby Hebb in Ann Arbor, Michigan, wo ihn Rüdiger Ladwig aufstöberte. In der Folge arbeiteten die beiden gemeinsam an zwei One Song Compilations mit verschiedensten Versionen von”Sunny”, die auf Ladwigs Label Trocadero erschienen. Die beiden Anthologien umfassten zusammen 33 klassische Versionen des Songs, darunter Bobbys eigene, und verdeutlichte noch einmal die enorme Vielseitigkeit dieses Songs, der bis heute untrennbar mit Bobby Hebbs Namen verbunden ist. Die Bandbreite reichte von Soul (James Brown, Marvin Gaye, The Four Tops), über Jazz (Stan Kenton, Herbie Mann, Ella Fitzgerald, Jimmy Smith) und Pop (Dusty Springfield, Jose Feliciano, Shirley Bassey) bis zum Rock (Gary Lewis & The Playboys, The Ventures) und machte eindrucksvoll klar: ”Sunny” ist im besten Sinne ”universell”.

Mit seinem dritten und letzten Studioalbum That’s All I Wanja Know bewies Bobby Hebb 2005, das sein unverkennbarer Sound so frisch und relevant war, wie eh und je. Gemeinsam mit Astrid North, der ex-Sängerin der deutschen Band Cultured Pearls, sang er ”Sunny” hier dann erstmalig im Duett.

Bobby Hebb verstarb am 3. August 2010 in seiner Heimatstadt Nashville.

Anlässlich des Jubiläums erscheinen im Juli 2016 bei Trocadero / Indigo folgende Veröffentlichungen:

Various Artists – The 50th Anniversary Collection of Sunny; u.a. incl. der Versionen von Bobby Hebb, James Brown, Cher, Robert Mitchum, Shirley Bassey, The Head Shop, Georgie Fame, Wilson Pickett, Dusty Springfield, Herbie Mann & Tamiko Jones, Ella Fitzgerald als 180 gr. Deluxe-LP + 12 S. Booklet und Digipak-CD

Bobby Hebb – Album „Sunny“; das Originalalbum von 1966, remastert als 180 gr. Deluxe-LP + Booklet und Digipak-CD

Bobby Hebb – Album „That´s All I Wanna Know“; das letzte Studioalbum von 2005, neu gemischt und gemastert, als LP, CD, Download

Bobby Hebb feat. Astrid North – Duett-Single „Sunny“, aus dem 2005er Album, neu gemischt und gemastert, als Digital Single

Bobby Hebb – 7″ Vinyl-Single „Sunny“; das Original von 1966, remastert. B-Seite: „Bread“. Limitiert auf 1000 Stck.

Offizielle Webseite von Bobby Hebb (bei Trocadero

Bobby Hebb “Sunny” – Original 1966

(Foto: Harald Hoffmann / Trocadero)

KEINE KOMMENTARE