The Chemical Brothers – Born in the bitte was wollt ihr von mir?

Die Chemical Brothers gehören für mich zum verlässlichen Urgestein qualitativ hochwertiger und anspruchsvoller elektronischer Musik. Exit Planet Dust und Dig Your Own Hole waren damals, 1995 und 1997 für mich beinahe Offenbarungen und das bahnbrechende „Galvanize“ vom 2005er Push the Button ist sowieso über jede Kritik erhaben. We Are The Night war 2007 ein schöner Konterpunkt. Es ist glaube ich deutlich geworden, dass ich der Band durchaus wohlgesonnen bin.

Gestern erschien „Born In The Echoes“ von Tom Rowlands und Ed Simons und jegliche Vorankündigung ging voll an mir vorbei. Nicht einmal die üblichen Verdächtigen hatten vorab mich darauf hingewiesen. Als mich gestern Abend ein Bekannter mit der Nase auf den Release stupste, war ich erstmal etwas hektisch. Ich war so kurz davor, das Album zu kaufen, als mir die Bewertungen auffielen. Drei Sterne für Chemical Brothers? Was ist denn da kaputt? Für solche Fälle liebe ich meine Streaming-Accounts. Das Album war gestern Nacht bereits bei Spotify verfügbar und ich dachte mir „Nagut, dann hörste wenigstens mal rein…“

Ich weiß, dass mir ein musiktheoretisches Studium fehlt. Ich bin auch einer der Ersten, der zuzugibt, dass ich manche Sachen, manche Ideen, Konzepte oder auch Ausdrucksformen nicht verstehe. Manche Musik ist selbst mir zu hoch – und ich bin derjenige, der hier Künstler wie Christine Owman, Youn Sun Nah und Safi mag und der die Qatsi-Trilogie für ein Meisterwerk der Filmmusik hält. Und dann kommen mir die Chemical Brothers mit Born In The Echoes.

Es gibt genau zwei Möglichkeiten bei diesem Album. Entweder bin ich zu blöd um zu verstehen, was die beiden Musiker von mir wollen, was sie mir präsentieren, welche Wege sie beschreiten und welche Visionen sie haben. Oder aber das Album bleibt weit hinter dem zurück, was ich von den Chemical Borthers gewohnt bin. Kein einziger Track verfängt beim ersten Hören bei mir, und dabei halte ich mich für eigentlich recht einfach zu begeistern. Kein einziger Song lässt mich aufhorchen, genauer hinhören. Vielmehr frage ich mich am Ende des Albums: „War das jetzt echt alles oder bin ich zu blöde?“

Auf mich wirkt nach diesem ersten Durchgang „Born In The Echoes“ wie ein Album, das die Band entweder unter Zwang abgeliefert hat oder mit dem sie zeigen will „Ey, wir sind die geilsten, hier, nimm was wir dir hin werfen und feiere uns dafür!“ So oder so kommt mir das Resultat etwas dünn vor und wird erstmal dem, was ich von den Chemical Brothers gewohnt bin, in keinster Weise gerecht. Bei allem Respekt gegenüber den Musikern und ihren Leistungen, die ich bewundere und schätze (siehe oben), aber hätte ich für „Born In The Echoes“ Geld bezahlt, wäre ich gestern Abend ziemlich angefressen gewesen.

Darum gab ich dem Album heute eine zweite Chance. In Laut, mit Drink bei Sonne und schön relaxed. Die Idee war gut. Es hilft ungemein, dem Album Raum zu geben, ihm Präsenz zu zu verschaffen. Der Unterschied in der Wirkung zwischen „tanzbar laut“ und „nachbartauglich leise“ ist gewaltig. Das Album ist zwar auch nach dieser ausgeprägten Listening-Session noch immer „speziell“ und es ist beileibe kein Mainstream-Album. Allerdings wird es auf diese Art der Band und ihrer „Mission“ gerecht. Mir wird jetzt klar, was mich gestört hat: Es sind die Details, die The Chemical Brothers auf diesem Album einfach anders machen, als ich es erwarte. Die Tracks verzichten bewusst auf „moderne“, angesagte Techniken wie vorhergesagte Drops oder „3-2-1-Bämmm!“ Effekte. Das ist ungewohnt.

Ungewohnt heißt aber nicht, dass es schlecht ist und genau das ist der Punkt. Meine Erwartungshaltung stand mir einfach im Weg. Born In The Echoes ist ungewohnt, greift Ansätze neu auf und kombiniert sie anders. Nicht unbedingt komplett neu, aber anders. Bewusst wird mit schon fast belanglosen Versatzstücken gespielt, werden Erwartungshaltungen beim Hörer in eine Richtung geführt und dann eben nicht auf die erwartete Art erlöst. Wie die Band in „Go“ treffend zum Ausdruck bringt: „We won’t do what we are told“ und: „What you hear is not a test / We are here to make you Go“

Darum geht es. Ich war also wirklich zuerst – meinen eigenen Worten folgend – „zu blöd“ für den Ansatz der Chemical Brothers. Gibt man sich und dem Album Zeit, vielleicht so wie ich, erst einmal nebenbei laufen lassen, dann drüber schlafen, dann nochmal entspannt mit „Gas geben“, dann kommt das Album anders. Born In The Echoes ist zwar trotz allem nicht das geilste Album der Band, aber – und das ist an dieser Stelle mindestens genauso wichtig – es ist auch kein Reinfall, sondern es ist das, wofür die Chemical Brothers stehen.

Born in The Echoes ist der Versuch mit anscheinend „einfach“ wirkenden Elementen etwas Komplexes auszudrücken und das dann auch noch so, dass es tanzbar ist. Vielleicht ist der versuchte Spagat der Chemical Brothers hier ein klein wenig zu weit, vielleicht wird ein Ticken zu viel gleichzeitig versucht, schwer zu sagen. Aber dennoch steckt in dem Album eine Menge drin, das nur eben Zeit braucht und Mühe, was vielleicht nicht jeder von irgendwie nach EDM klingender Musik erwartet, die nur eben genau das nicht ist.

The Chemical Brothers – Born in the Echoes ist erschienen am 17.07.2015 bei Virgin / Universal Music

Webseite der Band: http://www.thechemicalbrothers.com/

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