The Hirsch Effekt – Eskapist

Komplex? Ich geb Dir gleich “Komplex”!

Von einem hannoveraner Trio, das sich selbst als “Indie-Electro-Post-Punk-Metal-DIY-Band” bezeichnet und den eingängigen Namen The Hirsch Effekt trägt Mainstream zu erwarten, wäre tapfer. Mindestens. The Hirsch Effekt ist bekannt dafür, dass die Band Indie, Rock, Progressive Metal und Emocore nach Belieben verwendet. Daraus entstehen anspruchsvolle Alben, die kaum weiter vom Mainstream entfernt sein könnten. The Hirsch Effekt – Eskapist ist das neue Album der Band, das dem Anspruch und Ruf der Hannoveraner vollkommen gerecht wird und die Band auf einem neuen Höhepunkt ihres Schaffens präsentiert.

Eskapist langt Dir direkt und unvermittelt zwischen die Augen. Das Album brüllt Dich am Anfang sowas von an, dass meine erste spontane Reaktion war, mich zu entschuldigen: “Sorry, ich war das nicht! Ehrlich!” Das Album polarisiert dermaßen, dass die passendste Umschreibung für mich “shock and awe” ist. Die Band haut direkt alles raus. Vollgas auf allen Kanälen und Pardon wird nicht gewährt. Nicht nur, dass der Sänger (oder in diesem Fall eher: Shouter) mir die wenigen verbliebenen Locken aus dem Haupthaar pustet. Auch die beiden anderen Mitglieder von The Hirsch Effekt geben sich alle Mühe, mir aus dem Stand ein schlechtes Gewissen zu machen.

Eskapist

Es entsteht ein scheinbar kakophonisches Chaos bar jeder Struktur, das mich überrollt. Es dauert eine Weile, bis sich aus dem Chaos Struktur bildet und aus der Kakophonie Melodie entsteht. Der Effekt ist genial, denn es gelingt der Band so in Sekunden, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer die ersten 10 Sekunden überstanden hat und dann noch interessiert zuhört, der will der Band folgen und ist bereit sich auf deren Musik einzulassen. Wer nicht, der eben nicht. Hör weiter Schlager.

Eskapist ist ein Album voller hochgradig komplexer Musik, fasettenreich, kreativ, inspirierend und großartig gemacht. Strukturen aus Jazz im Gefäß des knüppeldicken Metal verweben sich zu einem progressiven Ganzen, das sich den üblichen Begriffen eines Reviews zu entziehen sucht. Immer wieder durchbrechen Elemente anderer Stilrichtungen die Struktur, verändern, lockern auf, straffen, entzerren, reichern an. Entspannend im herkömmlichen Sinne ist die Musik jedenfalls nicht, im Gegenteil. The Hirsch Effekt fordern und drücken und schieben. Die Musik will erarbeitet werden, um verstanden zu sein. Die Band treibt Dich vor sich (und ihrer Musik) her und ist Dir doch irgendwie immer mindestens zwei Schritte voraus. Ich bin versucht, einigen Songs das Etikett “Progressive Math Metal Core” anzuhängen, aber erstens hilft das niemandem und zweitens greift es viel zu kurz.

Progressive bis an den Rand des Experimentellen ist das Album. So anstrengend es ist, so genial und interessant ist es auch und es macht – das hat mich selbst am meisten verblüfft – wirklich Spaß. Zwar funktioniert Eskapist für Unerfahrene (lies: solche wie mich) nur dann, wenn alle Vorurteile und Erwartungen über Bord gekippt werden. Dann aber gibt es verdammt viel zu entdecken und auch dazuzulernen. Lass Dich auf die Welt von The Hirsch Effekt ein und Du wirst mit neuen Welten belohnt.

Shock and Awe

Alleine die Komplexität des Arrangements ist phänomenal, erinnert mich auf seine Art an Panzerballett, obwohl es dann doch wieder ganz anders ist. Die Vocals sind ganz weit vorne und – typisch The Hirsch Effekt – sparsam und gezielt dosiert. Die besondere Herausforderung liegt darin, den einzelnen Melodien zu folgen, denn die Band hat keine Hemmungen, mehrere gleichzeitig zu spielen. Zumindest wirkt es so. Aber gerade das macht den Spaß bei diesem Album aus: Das Unerwartete, das Komplizierte, das Unvorhersehbare, das dann doch irgendwie völlig überraschend alles zusammenpasst und ein Ganzes ergibt.

Nein, Popmusik ist das sicherlich nicht und ich glaube auch nicht, dass es viele Sender geben wird, die den Mut dazu haben, ihren Zuhörern The Hirsch Effekt – Eskapist anzubieten. Das finde ich ehrlich schade, denn das Album ist intelligente Musik, von der es eine Menge zu lernen gibt. Es ist Musik, die schon noch irgendwie Metal ist und Rock und Core, aber eben auch noch so viel mehr. Der Wechsel von blanker Aggression zur Melancholie ist großartig und die musikalische Vielfalt in dieser Form und Breite selten gehört.

The Hirsch Effekt – Eskapist ist ein furioses Feuerwerk begnadet-rücksichtslos ausgelebter Kreativität, präsentiert mit der zurückhaltenden Eleganz eines frei drehenden Vorschlaghammers. In einem Wort: Phänomenal!

The Hirsch Effekt – Eskapist erscheint am 18.08.2017 bei Long Branch Records / SPV

Offizielle Webseite der Band

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The Hirsch Effekt auf Festivals 2017

12.08.2017, Eschwege, Open Flair Festival
15.09.2017, Kummerfeld, Ackerfestival
29.09.-01.10.2017, Köln, Euroblast

The Hirsch Effekt Eskapist Tour 2017

12.10. Kiel -Schaubude
13.10. Lübeck – Treibsand
14.10. Göttingen – Exil
15.10. Bayreuth – Glashaus
17.10. Berlin – Nuke
18.10. Dresden – Scheune
19.10. Jena – Rosenkeller
20.10. Leipzig – Felsenkeller
21.10. Marburg – KFZ
25.10. Weinheim – Cafe Central
26.10. Karlsruhe – Jubez
27.10. Frankfurt – Das Bett
28.10. Stuttgart – Goldmarx
29.10. Lindau – Club Vaudeville
30.10. Augsburg – Soho Stage
31.10. München – Backstage Club
02.11. AT, Wien – Viper Room
03.11. Freiburg – Crash
04.11. CH, St. Gallen – Grabenhalle
06.11. Ulm – Club Schilli
07.11. Nürnberg – Z-Bau
08.11. Mainz – Schon Schön
09.11. Hannover – Musikzentrum
10.11. Bremen – Lagerhaus
11.11. Hamburg – Molotow
07.12. Aachen – Musikbunker
08.12. Emden – Alte Post
09.12. Salzwedel – Hanseat
14.12. Oberhausen – Druckluft
15.12. Moers – Bollwerk
16.12. Köln – MTC

The Hirsch Effekt – INUKSHUK (Official Video)

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