The Man in the High Castle – Amerikas dystopischer Albtraum

Amazon Eigenproduktion auf Knio-Niveau

The Man in the High Castle („Der Mann im Schloss“) ist eine von Amazon verfilmte Serie, die Ende 2015 synchronisiert in Deutschland erschien und insbesondere in den USA einiges Aufsehen erregte. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von P. K. Dick von 1962 und beginnt ihre Handlung in diesem Jahr. The Man in the High Castle zeigt einen alternativen, dystopischen Verlauf der Weltgeschichte. Der Zweite Weltkrieg endete 1947 mit dem Sieg von des Dritten Reichs und Führung von Adolf Hitler und dem japanischen Kaiserreich.

Der geschichtliche Rahmen

Afrika ist vom Dritten Reich unterworfen, Russland, China und der Rest Asiens spielen keine Rolle. Hitler ist weiterhin „der Führer“ und Diktator des Weltreiches, aber inzwischen ein alter Mann und man rechnet unter der Hand mit seinem baldigen Ableben. Hitlers Regime steht unverändert und unangefochten. Die großen Namen sind weiterhin mit ihren historischen Funktionen betraut. Anders jedoch als der Roman spielt die erste Staffel von The Man in the High Castle fast ausschließlich auf dem Gebiet der USA. Die USA sind infolge des Ausgangs des Krieges jetzt östlich der Rocky Mountains in das „Greater Nazi Reich“ und westlich davon die „Japanese Pacific States“, eine Kolonie des japanischen Kaiserreiches, geteilt.

Die USA sind nicht mehr

Die Rocky Mountains sind Neutrale Zone zwischen dem japanischen Kaiserreich und dem Nazi Reich. Die japanisch beherrschte Westküste ist bestimmt durch Fremdenfeindlichkeit, brutale Unterdrückung und rücksichtslose Dominanz der japanischen Herrscher. Im durch das Nazi Reich beherrschten Teil der USA wurden Ideologie und System des Nazi Regimes konsequent umgesetzt. Insbesondere Antisemitismus, Rassenwahn, aber auch die Vorstellungen über „unwertes Leben“ sind überall alltägliche, bedrückende Realität.

Zentrale Rolle in der Serie spielen „nicht autorisierte Filme“. Diese zeigen uns bekannte, historische Aufnahmen, in denen die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Die Herkunft dieser Filme bleibt im Dunkeln. Sie sollen von Mitgliedern des Widerstands zum „Mann im Schloss“ („The Man in the High Castle“) gebracht werden. Es bleibt offen, woher diese Filme kommen, doch unternehmen die Nazis alles, um diese Filme abzufangen.

Die erste Staffel der Serie dreht sich überwiegend um den Aufbau und die Darstellung von Set und Setting und die Etablierung der Protagonisten. Die Ränkespiele im Hintergrund der Naziführung um die Nachfolge des Führers bilden den größeren politischen Rahmen. Die Situation in den japanischen Kolonien, die desolate Lage in der Neutralen Zone, Realität und Auswirkungen der Ideologien und Willkürherrschaft werden mit teils bedrückend realistischer Gleichgültigkeit dargestellt.

Auf der Meta-Ebene

Die Serie verarbeitet die offensichtlichen Fragen und angeschnittenen Themen überwiegend eher „amerikanisch“. Wert wird insbesondere darauf gelegt darzustellen, wie nachhaltig amerikanische Ideale ausgemerzt wurden, wobei das gerade am Umgang mit dem historischen Erbe des amerikanischen Bürgerkriegs für Amerikaner verstörend dargestellt wird. Ihre tiefere verstörende Wirkung entfaltet die Serie besonders durch Verfremdung und Entfremdung. Die mysteriösen Filme, um die sich zentrale Handlungslinie rankt, führen immer wieder die Diskrepanz zwischen unserer Realität und der Realität der Serie vor Augen.

Sehr gelungen ist die Umsetzung der ideologischen Kernstücke und ihrer Auswirkungen. Permanentes Misstrauen gegen alles und jeden, vollständige Verunsicherung und innere Zerrissenheit der Bevölkerung und nahezu vollständige Gewalt- und Willkürherrschaft zeichnen ein zutiefst verwirrendes Bild. Die Serie verarbeitet keinen leichten Stoff, doch es gelingt eine glaubhafte Welt zu konstruieren, die möglich gewesen wäre, wenn die Alliierten den Krieg verloren hätten. Zwar werden viele Aspekte deutlich amerikanisch dargestellt, doch wird nichts verharmlost. Doch bleibt die Serie trotz allem Unterhaltung und Fiktion und ist keine Dokumentation.

The Man in the High Castle

Dies ist eine Serie, die auf vielen Ebenen nachdenklich macht. Sie zeigt, wie maßgeblich und umfassend unsere Werte, unser Weltbild und unser Alltag vom herrschenden System bestimmt werden. Es stellt auch Fragen, die – zumindest in der ersten Staffel – eher unterschwellig dargestellt und weniger offensichtlich ausformuliert werden. Offen bleibt zum Beispiel weitgehend, wie die normale Bevölkerung mit der Herrschaft durch die Nazis im Alltag umgeht. Auch weicht die Serie in einigen Punkten maßgeblich von der Romanvorlage ab, was aber die Qualität der Verfilmung nicht negativ beeinflusst.

Die Leistung der Schauspieler ist unterschiedlich. Manche Rollen wirken hölzern und blass, andere sind extrem gut gespielt, doch fehlt mir insgesamt das Packende, Mitreißende. Insbesondere die Darstellung der Figur des Joe Blake (dargestellt durch Luke Kleintank) bleibt für mich weit hinter den Möglichkeiten zurück. Dagegen ist die Darstellung des Frank Frink (gespielt von Rupert Evans) bedeutend glaubwürdiger. Wirklich beeindruckt hat mich aber der (kurze) Auftritt Wolf Mauser als gealterter, feister Adolf Hitler.

Die Serie ist spannend und macht Lust auf mehr. Sie regt unterschwellig zum Nachdenken an, ohne mit permanent erhobenem Zeigefinger dazu zu mahnen. Angenehm ist, dass die Serie nicht zu „typisch amerikanisch“ geworden ist. Die Synchronisation ins Deutsche ist ordentlich, doch ist auch hier die Fassung im O-Ton die bessere Wahl. Die zehn Folgen der ersten Staffel ziehen einen schnell in den Bann und der Cliff-Hanger am Ende der ersten Staffel lässt Raum für äußerst spannende weitere Entwicklungen, vor allem, was es mit den Grashüpfer-Akten und dem Man in the High Castle auf sich hat bleiben nagende Fragen für alle, die die Romanvorlage nicht kennen.

The Man in the High Castle ist erschienen bei Amazon

Webseite der Serie bei: Amazon

Darsteller: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Joel De La Fuente, Cary Hiroyuki-Tagawa, Rufus Sewell, ua.

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