The Melvins – A Walk With Love And Death

There and Back Again

Der jüngeren Generation von der US-amerikanischen Band The Melvins zu erzählen, hat schon was von „Opa berichtet aus dem Schützengraben“. Allerdings ist auch etlichen Altersgenossen nicht klar, welche Rolle The Melvins im Großen wie auch im Kleinen immer wieder spielen und gespielt haben. Mehr als 45 Releases hat die Band seit ihrer Gründung 1983 auf der Liste und A Walk With Love And Death ist mehr als einfach nur eine weitere Kerbe in der Tischkante.

Melvins? Wer?

Der musikalische Roundtrip der Band ist für sich gesehen schon bemerkenswert. Aus einer Schülerband, die überwiegend Covers von Jimi Hendrix und The Who spielte, entstand eine Gruppe, die sich dem extrem schnellen Hardcore Punk verschrieben hatte. Erst nach und nach wurde die Musik langsamer und entwickelte sich zu einer Art Black Flag meets Alice Cooper.

The Melvins A Walk With Love And Death Review Bandfoto Credit Chris Casella1985 waren The Melvins auf dem Deep-Six Sampler von C/Z Records zusammen mit Soundgarden, Green River und anderen und legten so den Grundstein für das, was später Grunge werden sollte. Der Zufall wollte es, dass Kurt Cobain ein großer Fan der Band war. Seine Versuche, sich der Band als deren Gitarrist anzuschließen scheiterten jedoch. Jahre später steckte Dale Crover, Schlagzeuger der The Melvins, seinem Kumpel Dave Grohl die Nummer von Krist Novoselic zu, der daraufhin Drummer bei Nirvana wurde.

Stilistisch sind The Melvins schwer zu packen. Zwar hatte die Musik der Band Einfluss auf viele andere Bands in verschiedenen Genres. Umgekehrt jedoch finden sich in den meisten Fällen kaum Komponenten anderer in der Musik der The Melvins wieder. Versuche, die Musik der Band auf Grunge, Metal oder Stoner Rock festzulegen bleiben stets bestenfalls Versuche, sich über den Umweg bekannterer und weiter verbreiteterer Genres dem sehr eigenen Stil der Band zu nähern.

A Walk With Love And Death

Das Album A Walk With Love And Death ist für The Melvins ein „first“: Es ist das erste Doppelalbum der Band überhaupt. Buzz Osborne (Vocals, Gitarre) spricht deshalb auch von einem neuen Maßstab für die Band:

„Für uns ist ‚A Walk With Love And Death‘ die Arbeit an drei Dingen: das Album, der Soundtrack und der Film. So gesehen haben wir uns eine neue Messlatte gesetzt.“
(Buzz Osborne, The Melvins)

Nicht nur das physische Format ist „neu“, auch das Konzept ist für The Melvins ungewöhnlich. Teil 1 des Sets heißt „Death“ und ist ein neues Studioalbum der Band. Teil 2 heißt „Love“ und der wiederum ist ein Soundtrack. Geschaffen wurde er für den Kurzfilm „A Walk With Love And Death“ von Jesse Nieminen. Über die Musik des Doppelalbums sagt Dale Crover (Drums):

„‚A Walk With Love and Death‘ ist ein gigantischer dunkler, launischer, wie psychotischer Trip. Das ist definitiv nichts für Warmduscher. Nachdem Du das Album gehört hast, schläfst Du nachts definitiv nur mit eingeschaltetem Licht ein.“
(Dale Crover, The Melvins)

The Melvins – Death

The Melvins A Walk With Love And Death Review Polyprisma Basses Mackie OsborneWer bis jetzt nichts mit der Musik von The Melvins anfangen konnte, wird wegen A Walk With Love And Death nicht gerade in Euphorie ausbrechen. Wer allerdings Fan der Band ist, wird wahrscheinlich semi-erotische Gefühle entwickeln. Gerade der erste Teil, „Death“, wird Fans begeistern. „Death“ ist ein neues Studio-Album der Band und es ist in jeder Beziehung großartig. Die Band bewegt sich durch ihr eigenes musikalisches Universum und liefert exakt das, was von einer Band wie The Melvins heute erwartet wird.

Die Songs sind Blaupausen für zig andere Künstler und Musiker. Ich bin mir ziemlich sicher, etliche Konzepte in den nächsten Jahren bei dem Einen oder Anderen wiederzufinden. Die Band bedient sich rücksichtslos bei den Genres und fusioniert diese brachial mit ihrem eigenen Stil. Mal Crisp & Clean, mal Sludge’ig, mal messerscharf, mal beinahe lähmend schwer.

The Melvins – Love

Der zweite Teil des Doppelalbums, „Love“, ist völlig anders. Mit „völlig anders“ meine ich: „Du suchst eine Herausforderung der besonderen Art? Hier ist sie“-anders. Life besteht aus einer im weitesten Sinne strukturierten Kakophonie angsteinflößender Geräusche. Die Wirkung dieser Musik rangiert irgendwo zwischen dem Gefühl, das Dich befällt, wenn Dir am ersten Arbeitstag der Wecker erzählt, dass Du seit fünf Minuten im Bus sitzen müsstest und dem Impuls, dich permanent irgendwo kratzen zu müssen.

Selbst wenn man den Film kennt, dürfte es schwer fallen, aus dieser Musik irgendeinen Kontext oder ein Thema abzuleiten, ganz zu schweigen von einem direkten Zusammenhang mit dem Film. Passagen von „Love“ erinnern an zusammenhanglose Aufnahmen irgendwelcher Umgebungsgeräusche, aufgelockert durch eine Schlägerei eines angetrunkenen, Einrad fahrenden Trompetenspielers und einer hysterischen Gitarristin auf Steroiden. Angefeuert durch den Ehestreit Deiner Nachbarn. Während Du versuchst, Deinen Kater loszuwerden. Ohne Aspirin im Haus. Sonntagsmorgens. Um halb sieben.

Auch wenn ich mich mit „Love“ im Grenzbereich meiner musikalischen Fähigkeiten bewege, ist „Death“ ein phänomenal gutes Album. A Walk With Love And Death steckt voller Inspiration und Tiefe, ist fordernd und liefert zuverlässig genau die Art unvorhersagbarer Klasse, die The Melvins auszeichnet. Ob die Musik auch Dich überzeugt, hängt wahrscheinlich auch davon ab, wo die Grenzen Deines eigenen musikalischen Universums verlaufen.

The Melvins – A Walk With Love And Death erscheint am 07.07.2017 bei [PIAS] / Ipecac / Rough Trade

Offizielle Webseite der Band

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Melvins – A Walk With Love and Death (Trailer)

(Foto: Chris Casella, Mackie Osborne)

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