This Morn‘ Omina – Kundalini Rising

Brainfood für die Ohren

In Sachen Anspruch und Herausforderung bewegt sich elektronische Musik für meinen Geschmack aktuell zu oft auf einem Niveau, das hinter den Möglichkeiten des Genres weit zurück bleibt. Die hohe Schule dieser Musik besteht für einige Musiker offenbar darin, erfolgreiche Samplebibliotheken neu zusammenzuklicken, diese dann mit einer beliebigen Menge Standardfilter zu überziehen, Dance-Beat drüber, fertig. Darum finde ich so erschreckend viel aus dem Bereich EDM so unsäglich langweilig, um nicht zu sagen belanglos. Es inspiriert mich nicht. Da kommt nichts bei rüber.

Um eine berühmte Comic-Serie zu zitieren: „Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf…“ Es gibt sie, jene Musiker, die mit beneidenswerter Akribie und Hingabe an ihren Werken arbeiten. Sie vermeiden das ewig Gleiche, machen ihr eigenes Ding, frickeln an Details, versinken in ihren eigenen Welten und erschaffen neue. Nach endlosen Stunden, Wochen, Monaten und manchmal auch Jahren liefern sie dann völlig unaufgeregt ein Werk ab, das man selbst dann meistens nur zufällig entdecken kann, wenn man danach sucht.

This Morn‘ Omina zum Beispiel. Das vom Belgier Mika Goedrijk 1996 gegründete Projekt hat seit seinem letzten Release, dem bemerkenswerten, genialen und in der Szene zu recht gefeierten „L’Unification Des Forces Opposantes“ gut sieben Jahre an dem jetzt veröffentlichten „Kundalini Rising“ gearbeitet und ist doch erstaunlich unbekannt geblieben. Selbst in meinem musikaffinen Bekanntenkreis haben mich etliche bei dem Namen ratlos angesehen: „Omina… wer?“ Um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte den Namen ad hoc auch nicht auf dem Schirm.

Kundalini Rising

Kundalini Rising ist ein Behemoth. Je nach Version zwei oder drei CDs, 16 bzw. 21 Songs, keiner unter fünf Minuten lang. Anspruch? Komplexität? Gemessen an dem, was mir hier gerade das Dach von der Hütte drückt, ist der Rest dessen, was sich gerade in den Elektro-Charts bewegt, Kindergarten. Diese Musik ist anspruchsvoll bis hinter Meppen, fordernd, intelligent bis an die Grenze des Anstrengenden und ballert dermaßen, dass es dir die Socken von den Füßen drückt. Kundalini Rising ist für mich soetwas, wie der langersehnte Beweis, dass in Sachen elektronischer Musik doch noch Hoffnung besteht.

Die Musik mäandert durch verschiedene Stile, mal Tribal, mal Industrial, mal Ambient, mal Goa und dann wieder Industrial, Trance und noch ganz andere (Un-)Tiefen elektronischer Musik. Hier und da erinnern mich Passagen an Juno Reactor (speziell an das 97er „Bible of Dreams“) oder Infected Mushroom, aber es ist doch anders. This Morn‘ Omina erschafft mit Kundalini Rising eine musikalische Welt, die weit über das übliche Musikerlebnis hinausgeht. Das Album ist packend und erzählt eine Geschichte, die keine Wort braucht, um verstanden zu werden, sondern Worte sparsam und wohl dosiert benutzt, um vorsichtig den einen oder anderen Impuls zu geben und nicht, um Dir das Nachdenken abzunehmen.

Der Drive der Musik ist geheimnisvoll und antreibend. Mal haben die Songs etwas Mysteriöses und Geheimnisvolles an sich, mal drischt dir die Musik einfach nur mit dem Knüppel auf den Kopf. Die Songs stecken voller winziger Details, die sich zu meiner nicht enden wollenden Begeisterung eben nicht stupide effekthaschend aneinander reihen, sondern nach und nach offenbaren und wie Blüten entfalten.

Die Musik verweist immer wieder auf ihre Wurzeln, erinnert daran, dass es da noch links und rechts des Weges andere Leute gibt und gab, die auch großartige Sachen gemacht haben. Die respektvollen Verbeugungen an Underworld, Prodigy und viele, viele andere sind bemerkenswert. This Morn‘ Omina Kundalini Rising ist ein für mich phänomenales Album, weil es eben kein weiteres egomanisches „kommt und feiert meinen Laptop“ Kommerzprodukt ist, sondern weil es die Musik insgesamt entwickelt, ihr etwas Eigenes hinzufügt. Dieses Album leiert nicht runter, was man anderswo auch schon so oder so ähnlich dutzendfach vorgekaut bekommen hat, sondern weist mit dem Knüppel darauf hin, dass es bei elektronischer Musik um mehr geht. Um sehr viel mehr. Dieses Album ist eine Bereicherung.

This Morn‘ Omina – Kundalini Rising ist erschienen am 17.03.2017 bei Dependent / Alive

Offizielle Webseite von This Morn‘ Omina

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