Treetop Flyers – Palomino

Manchmal kann Musik Dinge.

Palomino. In meiner Jugend gab es eine Klamottenmarke „Palomino“. Da war so ein schwarzes Pferd mit drei farbigen Klecksen: Rot, Grün und Türkis. Meine Güte ist das lange her. Ich habe einige Erinnerungen an Klamotten aus jener Zeit. Gruselig. Heute gibt es Gesetze gegen sowas. Oder? Bitte sagt mir, dass heutzutage illegal ist, sein Kind in blau-weiß-rot gestreifte Nicki-Pullover zu stopfen. Was hab ich den gehasst. Meine Mutter fand den total toll.

Damals hatte ich auch noch gar keinen eigenen Musikgeschmack. Ich war dem musikalischen Diktat meiner Altvorderen hilflos ausgesetzt – was bis heute deutliche Spuren hinterlassen hat. Der Name „Palomino“ auf dem Cover des Albums der Treetop Flyers rief all diese Erinnerungen wieder wach, noch bevor ich den ersten Ton des Albums gehört habe.

Palomino

Auf dem Weg zur Anlage fiel mir ein, dass Palomino hat auch „irgendwas mit Pferden“ zu tun hat. Country? Western? Ich stand unschlüssig vor der Anlage, legte die Scheibe beiseite. Erstmal Kaffee. Gedanken gingen mir durch den Kopf an damals. Weiße Rosen aus Athen. Wie ich diesen Song gehasst habe. Stand dieser Song nicht inzwischen sogar auf der Liste verbotener Waffen der UN? Was war eigentlich aus meinem Schulfreund Boris geworden, mit dem ich jeden Tag rumgehangen habe?

Erstaunlich, wozu Musik manchmal in der Lage ist, selbst solche, die man noch gar nicht gehört hat. Sinnierend kam ich mit meinen Erinnerungen und dem Kaffee zurück. Ich könnte eigentlich auch mal wieder Apfelpfannkuchen machen. Ich saß auf dem Sofa, in der Sonne, ließ die Gedanken treiben. Immer wieder Bilder und Episoden aus längst vergangenen Tage.

Bemerkenswert, an was für winzige Details man sich erinnern kann. Der Geruch eines Parfums, das ich an einer längst verflossenen Ex geliebt habe. Das Geräusch der Gangschaltung meines ersten Rennrades. Das Schloss, das ich aus Lego gebaut hatte und nie fertig bekam, weil mir dieser eine Stein fehlte. Wehmut? Ein wenig. Eher ein Gang durch das Museum des eigenen Lebens. Situationen, Momente, Eindrücke. Flüchtig, unmöglich sie festzuhalten, und doch immer da.

Irgendwann merkte ich, dass der Kaffee kalt geworden war. Ach und ich wollte ja dieses Album… Oh. Das lief die ganze Zeit. Hatte mich begleitet, unaufdringlich, zurückhaltend. Ich tauschte den Kaffee aus und beschloss mich noch mal mit diesem Album zu befassen. Ich sollte bei der Sache bleiben, sagte ich mir, mich selbst ein wenig für meine abschweifenden Gedanken tadelnd.

Ich konnte nicht anders. Gebadet im Licht der ersten prallen Frühlingssonne, frischen Kaffee in der Hand. Ich genoss es einfach. Da sitzen, entspannt, frei von Stress. Die Musik tat Dinge mit mir. Sie zog vorsichtig an Fäden, brachte Gedanken ins Rollen. Ich ließ mich treiben. Es war, als wenn ich an einem wunderschönen Tag in einem Ruderboot auf einem See triebe, eins mit mir und der Welt und alles war gut.

Vielleicht ist dieses Album speziell für mich gemacht worden. Vielleicht ist es einfach nur Zufall, oder das Wetter oder was weiß ich. Ich bewundere die Band aus London für die Eleganz ihrer Musik, diese sanfte und belebende Form von progressivem Rock, die meine Gedanken befreit, mich nicht antreibt oder drängt, sondern einfach nur Luft unter die Flügel meiner Gedanken pustet, sie empor hebt und fliegen lässt.

Ach ja. Das Problem mit dem Nicki-Pullover habe ich damals übrigens mit etwas Uhu an strategisch gut gewählten Stellen gelöst. Was aus Boris geworden ist, weiß ich trotzdem nicht.

Treetop Flyers – Palomino ist erschienen am 11.03.2016 bei Loose Music / rough trade

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