Turbostaat – Abalonia: Konzept, Satz und Message

Norddeutschland zwischen Pop, Punk und Konzeptkunst

Ich bin kein Fan von Turbostaat. Zurückhaltender Respekt beschreibt besser, was ich für die Band empfinde. Das liegt wahrscheinlich auch an meinen grundsätzlichen Problemen mit Punkmusik, in der die Band Turbostaat aus Flensburg ihre Wurzeln hat. Punk ist meistens einfach nicht meins. Turbostaat – Abalonia allerdings ist kein typisches Punk-Album. Es ist nicht die Art von Punkmusik, mit der ich nichts anfangen kann. Abalonia folgt eher einem an Punkmusik angelehnten Konzept. Genauso ist Abalonia aber auch durchzogen von Sprechgesang und Rockmusik, bis hin zum Poprock. Gerade deshalb habe ich mich mit Turbostaat – Abalonia auseinandergesetzt, weil mir das Album keine Ruhe gelassen hat.

Abalonia ist intelligent, aber nicht verkopft. Es ist eingängig, zeigt hier und da echte Mainstream-Qualitäten, aber es ist nicht schnulzig. Abalonia rockt, bleibt aber insgesamt weit diesseits von AC/DC oder den Stones. Die Mischung ist insgesamt schon deshalb interessant, weil sie Grenzen verwischt, aufweicht, umdefiniert. Die Musik von Turbostaat ist sperrig genug, um zu vermitteln, dass die Band eine Message verbreiten will. Turbostaat – Abalonia ist schwierig einzusortieren. Punk trifft es zwar irgendwie, aber Abalonia ist mehr. Das Album ist ambitioniert und die Band streckt sich, strengt sich an, um außerhalb der Nischen zu bleiben. Das gelingt der Band, die dabei authentisch bleibt, harmonisch und angenehm rockig.

All das ist aber nur das tragende Gerüst von Turbostaat – Abalonia, denn die Band will mit ihrer Musik auch etwas aussagen. Die Geschichte, die die Band erzählt, ist lebendig, aus dem Leben gegriffen und doch wie ein Märchen aufbereitet. Es sind Fragen der Gegenwart, die die Band umtreiben. Kritisch, protestierend, anklagend betrachtet die Band ihre Umwelt und daraus entsteht eine intelligente Mischung aus Verzweiflung, Wut, Fassungslosigkeit aber immer wieder auch angedeuteter Hoffnung, die deutlich aus den Songtexten spricht. Immer wieder wirft die Band die Frage auf, ob es das jetzt so wirklich sein kann und zwingt dazu darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das hätte.

Die Geschichte hinter Abalonia

Die Band erzählt eine Geschichte. Zwei Menschen fliehen vor allen Übeln der Zivilisation. Die Erlebnisse auf dieser Flucht sind unverkennbar Kommentar und Stellungnahme zur aktuellen Lage in Deutschland, sowohl gesellschaftlich, aber insbesondere auch politisch. Abalonia ist auch deshalb kein „einfaches“ Album. Musikalisch verleitet es zwar dazu, das Album vielleicht vorschnell als kantigen Poprock oder Post-Punk abzutun, aber das wird weder der Band noch dem Album gerecht.

Das übergeordnete Thema der Flucht ist ein deutlicher Querverweis auf das im Moment alles beherrschende Thema „Flüchtlinge“. Immer wieder wird auf Kriege und Gewalt angespielt. Selbst das Phänomen Pegida wird direkt angesprochen. Die Band lässt offen, was genau das Ziel der Reise, jenes ominöse „Abalonia“ ist. Auch bleibt offen, ob die Protagonisten diesen Ort je erreichen und ob er wirklich besser ist, als das, wovor sie fliehen. Unsicherheit und Verunsicherung spiegeln sich mehrfach zwischen Text und Musik, erzeugen eine mal aufwühlende, mal bedrückende Stimmung, die immer wieder mal aufgelockert wird, Hoffnungsschimmer andeutend.

Turbostaat – Abalonia ist ein spannendes, modernes Album mit deutlicher Kritik, die verständlich und doch lyrisch ansprechend transportiert wird. Das Album ist schon deshalb besonders, weil es in sich ein Konzeptalbum im klassischen Sinne ist und weil es daneben musikalische Konzepte ausarbeitet, die in dieser Form selten im Mainstream zu hören sind. Gerade deshalb ist die gelegentliche Annäherung an den Mainstream eher als Mittel zum Zweck zu verstehen, mit dem Ziel, die Message der Band einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das gefällt mir insgesamt sehr, denn es funktioniert.

Turbostaat – Abalonia erscheint am 29.01.2015 bei PIAS / rough trade

Webseite von Turbostaat: http://turbostaat.de/

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