U2 – The Joshua Tree 30th Anniversary Remaster

Vor 30 Jahren war dies eine andere Welt

1987. Mathias Rust landet mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau. Ronald Reagan sagt am Brandenburger Tor „Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ Mike Tyson gewinnt den Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen Tyrell Biggs durch technischen K. o. Nirvana wird gegründet (Kurt Cobain, Krist Novoselic, Aaron Burckhard). Und U2 – The Joshua Tree wird veröffentlicht und die Band geht damit auf Welttournee.

So viel ist in diesem Jahr passiert. Weltpolitisch war 1987 ein überaus bemerkenswertes Jahr, obwohl ich damals noch gar nicht realisiert habe, dass ich Weltgeschichte live miterlebte. Bei mir waren andere Dinge wichtig. Ich hatte noch gar nicht so lange vorher eine neue Musikwelt entdeckt. U2 war neben anderen Bands ein maßgeblicher Auslöser für eine Entwicklung, für die noch lange kein Ende absehbar ist. Diesem Durchbruch in meiner musikalischen Entwicklung ist letztendlich auch die Existenz von Polyprisma zu verdanken.

The Joshua Tree

Meine Erwartungen an The Joshua Tree waren ähnlich wie die an den heiligen Gral. Als es dann endlich veröffentlicht wurde, war das für mich eine besondere Zeit. Ganz besonders das damals auf Mtv ständig laufende Video von Where The Streets Have No Name spielte bei der einen oder anderen Gelegenheit eine entscheidende Rolle. Trotzdem war The Joshua Tree nicht das wichtigste Album meines Lebens. Aber es war die erste Neuerscheinung, auf die ich unglaublich heiß war und die ich aus voller Überzeugung gekauft habe.

U2 waren damals richtig heißer Scheiß. Das überwältigende The Unforgettable Fire von 1984 hatte bereits tiefe Riefen und neues Material der Band aus Dublin wurde dringend erwartet. Die Singleauskopplungen With or Without You und I Still Haven’t Found What I’m Looking For gingen allerdings an mir vorbei. Das lag einerseits auch an der Überpräsenz dieser Songs im Radio. Andererseits waren mir diese Songs damals schon zu… ich weiß nicht. Zu kommerziell vielleicht? Zu soft? Doch schon damals spürte ich, dass in Songs wie In Gods Country und Running To Stand Still mehr steckte, als ich damals verstand. Über alles gesehen war ich von dem Album rundum begeistert – sehr zum Leidwesen mancher meiner damaligen Freunde.

30th Anniversary Reissue

U2 Joshua Tree 30th Anniversary ltd 7LP Vinyl Edition Review PolyprismaSeit dem sind dreißig Jahre vergangen. Viele Bands und Musiker kamen und gingen und mit ihnen so manche Musik. Als U2 neulich ankündigten, The Joshua Tree neu aufzulegen, war das für mich wie ein Weckruf: „Erinnerst Du Dich noch? Damals…?“ Ja, ich erinnere mich (für manche vielleicht etwas zu gut.) Was den Remaster-Reissue von The Joshua Tree besonders macht, ist aber nicht das neu abgemischte Album selbst. Ja, der Remaster ist klasse und entspricht voll und ganz dem, was ich von einer Band wie U2 erwarte. Weniger hätte ich auch nicht durchgehen lassen.

Nein, was diesen Release so besonders macht, ist eben das, was über das eigentliche Album hinausgeht. Man muss schon einer der überzeugteren Fans sein, um sich die limitierte 4 CD Version für knapp 90 Euro oder gar die sieben Vinyl Scheiben Variante für fast 140 Euro zu holen. Aber die zwei CD „Deluxe“ Version ist ein must have, denn sie enthält den Mitschnitt des U2 Konzerts 1987 im New Yorker Madison Square Garden. Es ist gerade dieser Mitschnitt, der begeistert, auch wenn es nicht das gesamte Konzert ist, sondern „bloß“ 17 der ursprünglich 21 Songs auf dem Album enthalten sind. Es fehlen The Unforgettable Fire, Help, Bad und Spanish Eyes. Gerade das Auslassen von The Unforgettable Fire nehme ich der Band schon irgendwie Übel, aber sei es drum.

U2 Bandphoto Credit John WrightDer Konzertmitschnitt macht eine Atmosphäre spürbar, die ein heute schwer zu vermitteln ist. Es war eben nicht nur ein Konzert einer erfolgreichen Band. Davon gab es auch in dem Jahr einige andere. Um nur ein paar der absolut atemberaubenden Touren jenes Jahres zu nennen: Appetite for Destruction, Invisible Touch, Damage Inc., Music for the Masses, Hysteria, The Cure 1987 und und und. Neben diesen mag The Joshua Tree vielleicht nicht das großartigste Konzert gewesen sein, aber es zeigt eben genau jene Facette der Musik, mit der ein ganz bestimmtes Gefühl verbunden war – und irgendwie noch immer ist.

Insofern ist gerade diese zweite Scheibe eine Zeitreise auf Knopfdruck. Es ist ein Einstieg, eine Einladung. Die Musik funktioniert auf jeden Fall. U2 waren schon damals großartig und handwerklich gut genug, um den ihnen zugedachten Ruhm zu rechtfertigen. Die Magie passiert aber gerade nicht bei den Knüllern, bei den damals großen Hits, sondern bei den eher unbekannten, beinahe noch nach Indie-Rock klingenden Songs. Hier zeigt sich heute erstrecht, wie zeitlos die Musik der Band damals schon war, wie aktuell die Themen gerade jetzt sind und welches an Genialität grenzende Talent hier am Werk war.

Was taugts?

Album und Konzert in dieser neu abgemischten Fassung zu hören, war schon speziell. Einerseits überzeugt die Perfektion des Materials, andererseits fällt schon ein wenig auf, dass Wert auf Makellosigkeit gelegt wurde. Etwas mehr authentische Kante, etwas mehr Unsauberkeit, Rauheit, hätte dem Album vielleicht noch besser zu Gesicht gestanden. Aber das ist Nörgeln auf einem Niveau, das eher auf einer Meta-Ebene stattfindet und kaum objektiv zu bemessen ist. Die tatsächliche Glanzleistung dieser Veröffentlichung ist, dass ich den ganzen Tag über mit Leuten über das Album, über diese Musik, über diese Zeit gesprochen habe und vor allem wegen dieses Albums viele andere wieder aus dem Schrank geholt habe, die ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte. Und alleine das war das Warten wert.

U2 – The Joshua Tree Remastered 30th Anniversary Remastered ist erschienen am 02.06.2017 bei Island Records / Universal Music

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U2 – Where The Streets Have No Name

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