Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit

Einer muss den Job ja machen

Mit fast siebzig Jahren ein Comeback als Rockmusiker zu versuchen ist „gewagt“, um es mal ganz vorsichtig zu formulieren, in Deutschland und mit Deutschrock erstrecht. Udo Lindenberg wagt es, oder besser: Er muss es wagen. Nicht aus finanziellen Gründen und vermutlich auch nicht wegen vertraglicher Verpflichtungen, sondern weil er es tun muss. Es brennt in ihm, er kann nicht anders. Heraus kam Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit, eine Hommage an die Rockmusik, ein Blick zurück voller Erinnerungen, aber auch ein Blick nach vorne.

In meinem Schrank stand bis gestern nicht ein einziges Album von Udo Lindenberg. Vieles seiner Musik ging einfach voll an mir vorbei. Interessant, ja, aber deswegen in den Laden rennen? Dennoch habe ich einen wahnsinnigen Respekt vor dem, was Udo erreicht hat und vor allem kann. Er gilt als einer der besten Schlagzeuger des Landes, spielte mit Klaus Doldinger bei „Passport“, war der Schlagzeuger der Titelmelodie des „Tatort“. Seine Musik bereitete den Boden für die meisten Spielarten deutschsprachiger Rockmusik und hin und wieder waren seine Songs auch weit oben in den Charts.

Für mich unvergessen sind das lässig-provokante „Sonderzug nach Pankow“ und die Ballade „Horizont“. Beeindruckend erfolgreiche Werke, die meiner Meinung nach völlig zurecht erfolgreich waren – wenn auch nicht unbedingt „genau meine Musik“. Und jetzt habe ich mir tatsächlich ein Album von Udo Lindenberg gekauft. Warum eigentlich? Bin ich dem Hype erlegen? Werde ich senil?

Stärker als die Zeit

Udo Lindenbergs neues Album ist ein Album, mit dem Teens wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Wenn Udo davon singt, wie die Jahre im Flug an Dir vorbei ziehen, dann fragen sich die meisten Kids wahrscheinlich eher, was der Typ von ihnen will und wann es hier denn endlich mal zur Sache geht.

Genau das ist das Besondere an Stärker als die Zeit. Es ist ein erwachsenes Album. Udo reflektiert und sinniert. Über sich selbst, über seine Vergangenheit, über Erlebtes und Verpasstes. Er denkt darüber nach, was er alles veranstaltet hat, über seine Exzesse, seinen Lebensweg. Er bereut nichts, aber er ruft auch nicht dazu auf, es ihm nach zu tun.

Lässig erzählt er von den Tiefen und Höhen, von der Einsamkeit an der Spitze und zwischen den Zeilen spricht immer wieder eine Melancholie aus den Liedern, die man wahrscheinlich erst dann zu würdigen weiß, wenn man selber auf ein verworrenes Leben zurück blicken kann und Erinnerungen in sich trägt, aus denen Erfahrungen und Lehren entstanden, die Dich zu Dir machen. Solche, wegen derer Du jüngeren sagen kannst „irgendwann verstehst Du das auch…“

Lässigkeit und Coolness sind immer da in den Songs. Es ist eine unaufgeregte Coolness, authentisch, glaubwürdig und überzeugend. Ihm geht das „Geleckte“ ab, das aufgesetzte. Er ist stolz auf das Erlebte, aber sehr viel mehr ist er stolz darauf es überlebt zu haben und das feiert er auf Stärker als die Zeit und bringt dieses Gefühl, nimmt Dich mit. Es ist ein Album wie ein Smalltalk unter Freunden am Tresen. Weißt Du noch damals? War das nicht geil? Und ist es nicht geil, was wir daraus gemacht haben?

Ja, ist es. Dieses Gefühl, dass Udo auf diesem Album transportiert ist es, was ich an Stärker als die Zeit bewundere. Das Album ist gleichermaßen ein Blick zurück wie es auch ein Blick nach vorne ist. Aber Udo Lindenberg ist auch kritisch. Der einsamste Moment ist die deutlichste Kritik daran, dass wohl immer noch niemand dazugelernt hat. Es ist eine intelligente Kritik, die gerade wegen ihrer Sanftheit umso überzeugender wirkt: Wir wollten doch die Welt verändern – sag mir wann?

Wenn Udo die Sonnenbrille abnimmt, wenn er mit Dir redet, dann ist Stärker als die Zeit bockstark. Ihm glaubt man Songs wie „Der einsamste Moment“, „Blaues Auge“, „Eldorado“, „Kosmosliebe“ oder „Stärker als die Zeit“. In denen geht es um die letzten Dinge, Abschied, Selbstbesinnung und die große Frage, was am Ende eigentlich bleibt. Ihm, der in nicht ganz zwei Wochen 70 Jahre alt wird, glaubt man diese Songs. Einem vielleicht gerade mehr angesagten Youngster würde ich diese Songs nicht abnehmen.

Resignation klingt immer wieder aus der Musik, Nachdenklichkeit und Trauer. Den Songs fehlt häufig das Happy End, lässt Dich mit Deinen eigenen Fragen zurück. Das zu leisten kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Utopie und Hoffnung sind wichtig, aber es ist ungemein wertvoller, zum selber Denken anzuregen, als Lösungen vorzukauen.

Stärker als die Zeit ist das einzige Album von Udo Lindenberg, das mich aus sich selbst heraus überzeugt hat. Ja, es ist eine Retrospektive und ja, manche Melodien kennt man irgendwie, aber darum geht es nicht. Viel wichtiger ist, was Udo daraus gemacht hat und was die Musik Dir gibt. Wenn Dir dieses Album nur die Hälfte von dem gibt, was ich daraus gezogen habe, dann hast Du auf jeden Fall für die nächsten Wochen genug zum Nachdenken.

Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit ist erschienen am 29.04.2016 bei Warner

Offizielle Webseite von Udo Lindenberg

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Udo Lindenberg – Durch die schweren Zeiten (offizielles Video)

2 KOMMENTARE

  1. 10 Sterne für die Rezension !!
    neben David Bowie – blackstar die zweite 2016er-„Scheibe“, die in keiner Plattensammlung fehlen darf.

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