Unheilig: Von Mensch zu Mensch – Einmal Aufregen, bitte?

Entscheidungsfragen

Musik – und Musiker – polarisieren oft, mal mehr, manchmal weniger. Einige Bands nutzen politische, politisch inkorrekte Texte, um begeisterte Fans – und erbitterte Widersacher zu schaffen, andere Bands schaffen das alleine mit ihrer Musik und ihrem Auftreten.

Eine der Bands, die so starke Reaktionen hervorruft, ist seit langen Jahren Unheilig aus Aachen. Dazu braucht die Kombo um Frontmann Der Graf keine Politik – als äußerstes platziert die 1999 gegründete Band mal etwas Sozial- oder Gesellschaftskritik in ihren Songs. Aber nach eigener Meinung sieht sich Unheilig in der schwarzen, der Goth-Szene verwurzelt, haben sich aber spätestens 2010 mit ihrem Album Große Freiheit auch den Weg in die Ohren und Herzen eines sehr viel breiteren Publikums gespielt. Und das hieß eben auch, dass die früher streckenweise schon fast industrial-angehauchten Stücke eher poplastig wurden. Teilweise noch „gothesk“ angehaucht, aber eben vorwiegend im Musikbereich Pop angesiedelt. Mit getragenen Klängen, sehr viel Melodramatik, mit, um es überspitzt zu formulieren, Herz-Schmerz-Lyrics. Pop, handwerklich hochwertig gemacht, aber eben mit wenig Berührungspunkten zu den „älteren“ Stücken.

Unheilig - Der Graf (Quelle: http://unheilig.com )Und das nahmen ihm Fans und wohl auch einige Kollegen bitter übel. Von „Ausverkauf“ bis „Verrat“ war da so ziemlich alles zu hören und zu lesen. Und gleichzeitig wurde großzügig darüber hinweggesehen, dass das Album Große Freiheit über zwei Millionen mal verkauft wurde, und allein 2010 für 23 Wochen auf Platz 1 der deutschen Album-Charts stand. Irgendwas muss Unheilig mit der Großen Freiheit also wohl richtig gemacht haben. Und zwar unbesehen davon, ob ein Einzelner die Musik nun mag oder auch nicht.

Der – ein? – Abschied

Im Oktober 2014 verkündete Der Graf das Aus für Unheilig – das Album Gipfelstürmer leite „die Abschiedsära von Unheilig ein“ (so Der Graf in einem offenen Brief). Zwei Jahre später befinden wir uns noch in dieser Ära – in der zwei Live-Alben, eine Kompilation und eine EP erschienen sind. Und jetzt der Longplayer Von Mensch zu Mensch. Demnach eher eine Epoche als eine Ära – aber warum nicht. Marketingtechnisch sicher eine gute Idee.

Unheilig - Der Graf (Quelle: http://unheilig.com )Anfang November 2016 kam also Von Mensch zu Mensch heraus. Fast alles neue Stücke, nur Einer Von Millionen, das zuerst auf der MTV-Unplugged-Scheibe 2015 erschienen ist, wurde neu aufgelegt. Also kein Aufwasch, keine verkappte „Best Of“, wie man es leider quer durch alle Musikrichtungen oft erlebt. Was mich persönlich wirklich überrascht hat, ist das Spektrum der dargebotenen Musik. Zum Teil sehr ruhige, langsame, massentaugliche Stücke wie zum Beispiel dem Titeltrack Von Mensch zu Mensch, dann wieder beschwingtere, fröhlichere Lieder, wie die angesprochene Neuauflage von Einer Von Millionen. Aber auch in die Anfänge von Unheilig gleitet Der Graf episodenhaft zurück – Walfänger ist drum-getrieben und ungewohnt rythmisch-dynamisch, bei Egoist fühle ich mich schon an die früheren Einflüsse von industrial-haften Klängen erinnert. Okay, auch das ist kein „Maschine 2.0„, aber für mich wahrscheinlich der beste Track des Albums.

Ganz was besonderes

Aber das ist eine Besonderheit dieses Albums: Die Spannweite der Stücke, der Stilrichtungen ist so weit gefasst, dass es wahrscheinlich nur wenige Leute gibt, denen wirklich alle Tracks gut gefallen – auf der anderen Seite wird wohl wirklich fast jeder Tracks finden, die ihm (oder ihr, natürlich) zusagen. Ausser natürlich, irgendjemand beschließt „aus Prinzip“, ihm „gefällt das nicht“. Nunja. Einigen Leuten kann man da halt nicht helfen.

Unheilig – Von Mensch zu Mensch ist am 4.11.2016 bei Vertigo Berlin (Universal) erschienen.

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