Vessels – The Great Distraction

Auf der anderen Seite des Zauns im Kopf

Genres sind wahnsinnig hilfreiche und zugleich völlig überflüssige Definitionsversuche für etwas, was an sich noch gar nicht zu Ende definiert wurde: Musik. Die Herkunft des Wortes “Musik” ist hinreichend geklärt. Es leitet sich vom Altgriechischen “mousikós” ab und wurde von da ins Lateinische übernommen. Aber die Frage, was Musik ist, ist bis heute nicht abschließend beantwortet. Auf dieser Grundlage Definitionen von Musikrichtungen zu erschaffen ist daher immer mit der Frage verbunden, wo denn die Grenzen verlaufen. Beim Versuch, diese Grenzen scharf zu erfassen, wird das durch die Genrebegriffe geschaffene Raster zunehmend unscharf, verschwimmt und löst sich schließlich in der Erkenntnis der eigenen Undefinierbarkeit auf.

Gerade an Künstlern wie der englischen Band Vessels wird dieses von der Musikwelt mit Begeisterung beibehaltene Unvermögen deutlich. Als die Band Anfang März 2007 ihre erste Single überhaupt veröffentlichte, nannte BBC Radio 1 die Band “one of the hottest new bands in the country”. Die Band bewegte sich in dem Feld, das vielsagend “Post-Rock” genannt wird. Mit dem dritten Album der Band, Dilate (2015), bewegte sich Vessels noch weiter an den Rand des Post-Rock und wurde elektronisch. Trotzdem war die Musik des Albums Dilate stark im Denken des Post-Rock verwurzelt.

The Great Distraction

Das jetzt erscheinende Album The Great Distraction setzt die Entwicklung von Dilate fort und transportiert die Band weit ins elektronische Feld. Doch Vessels wären nicht Vessels, wenn sie ihre musikalischen Ideen einfach nur neuen Instrumenten unterordnen würden. Vessels haben die Grenze des Post-Rock mit den im Rock üblichen Instrumenten durchbrochen und gehen ihre Musik jetzt elektronisch an. Das führt mit The Great Distraction zu einem Album, das selbst innerhalb der elektronischen Musik mindestens “genre defying” ist, weil sich dem Versuch es in Begriffen von Genres zu denken, vollkommen widersetzt.

Jeder einzelne Song von The Great Distraction nimmt andere Ideen elektronischer Musik mit auf. Das geht stellenweise bis weit in den Mainstream-EDM-Sektor hinein, aber eben auch TripHop, Breakbeat, Ambient, Goa, House und sogar in Ansätzen Noise. Allerdings ist The Great Distraction nicht etwa ein Album, mit dem Vessels zeigen, dass die Band auch Goa, House, Ambient und so weiter können. Ja, das beweist das Album auch, aber es dabei zu belassen, wäre doch eine arg oberflächliche Betrachtung und ginge weit an der eigentlichen Leistung des Albums vorbei.

Mit anderen Mitteln

Wo sich elektronische Projekte wie Autechre in den Sphären der Auflösung von Songstrukturen und elektronischer, instrumentaler Musik bewegen und wieder andere Bands, wie zum Beispiel Nine Inch Nails, Rock ergänzt durch die Mittel und Werkzeuge der elektronischen Musik denken, denken Vessels mit The Great Distraction elektronische Musik mit den Konzepten des Post-Rock. Das ist nicht bloß ein akademisches Detail, sondern tatsächlich etwas grundlegend Anderes. Es ist die Annäherung an den Post-Rock aus genau der entgegengesetzten Richtung, nämlich aus der der elektronischen Musik.

Vessels zeigen, dass sich innerhalb der elektronischen Musik Muster und Konzepte des Post-Rock (und damit der Rockmusik insgesamt) wiederfinden, diese allerdings wegen der stark unterschiedlichen Methoden der Musikerzeugung nur schwer als solche zu erkennen sind. Viele Songs von The Great Distraction erinnern an Tracks namhafter Elektro-Größen wie Väth, Autechre, Monolake, Bomb The Bass, Mouse on Mars und vielen anderen. Stilistisch bewegt sich Vessels – The Great Distraction aber weit entfernt von den üblichen Rave- und Party-Stilen und bleibt durchweg bei den anspruchsvolleren und deshalb weniger tanzbaren Strömungen. Gerade dadurch zeigt Vessels, das der Abstand zwischen Electro und Rock am Ende gar nicht so groß ist, wie er klingt.

Leistung jenseits des Offensichtlichen

In seiner Gesamtheit ist The Great Distraction eine anspruchsvolle und doch auch irgendwie wieder eingängige Exkursion durch verschiedene Felder der elektronischen Musik. Fans des ursprünglichen Rock werden hier weniger auf ihren Geschmack kommen als Fans der elektronischen Musik, aber die großartige und kaum zu überschätzende Leistung dieses Albums besteht eben nicht darin zu zeigen, dass auch Rock-Bands Electro machen können. Vielmehr besteht die herausragende Leistung darin zu zeigen, dass eine Fortsetzung des Rock in der elektronischen Musik zu suchen und zu finden ist.

Die sich daraus ergebenden Implikationen sind weitreichend. Im Zirkelschluss des Albums, in Radio Decay und Erase The Tapes zeigt die Band, wie unsinnig es ist, Rock und Electro als einander gegenseitig ausschließende Genres zu denken. Die Band zeigt, das die Verbindung zwischen diesen beiden Richtungen viel tiefgehender und weitreichender ist. Der Beweis, dass Rock, der “nur” durch elektronische Spielereien angereichert ist, genauso wenig “eigenständig” ist, wie elektronische Musik, die sich “bloß” beim Rock bedient, ist spätestens mit diesem Album erbracht und das kann man gar nicht hoch genug würdigen.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Musik des Albums auch noch tierisch geil ist, aber das war ja eh klar.

Vessels – The Great Distraction erscheint am 29.09.2017 bei Different Recordings / Rough Trade

Offizielle Webseite der Band

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Vessels Tournee 2017

30.09. Brudenell Social Club Leeds, UK (with Guy Andrews and James Orvis)
03.10 Sticky Mike’s Frog Bar Brighton, UK (with Alex Banks)
04.10. Village Underground London, UK (with Alex Banks)
05.10. Soup Kitchen Manchester, UK (with Guy Andrews)
06.10. Clwb Ifor Bach Cardiff, UK (with Guy Andrews)
07.10. The Art School Glasgow, UK (with Guy Andrews)
14.10. Le Batofar Paris, France
18.10. ADE LIVE 2017 Amsterdam, Netherlands (with Marian Hill, Hercules & Love Affair, Sinead Harnett and more)
19.10. Rotown Rotterdam, Netherlands
20.10. Het Bos Antwerp, Belgium
26.10. Prince Charles Berlin, Germany
27.10. Kleiner Donner Hamburg, Germany
28.10. Artheater Köln, Germany
01.11. Razzmatazz Barcelona, Spain
02.11. Siroco Madrid, Spain

Vessels – Deflect The Light (feat. The Flaming Lips)

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